Berlin. Mit der Invasion der Ukraine hat Russland die Welt schockiert. Wann macht Kremlchef Putin Halt? Welche Ziele verfolgt er mit dem Krieg?

  • Im Februar 2022 begann Russlands Angriff auf die Ukraine
  • Millionen Menschen sind geflohen, Tausende gestorben
  • Warum hat Präsident Wladimir Putin die Ukraine angegriffen?

Der 24. Februar 2022 markiert eine Zeitenwende. Längst geht der Überfall auf die Ukraine in sein drittes Jahr. Wie konnte es so weit kommen? Wir erklären den Ukraine-Krieg.

Warum hat Russland die Ukraine angegriffen?

Russlands Präsident Wladimir Putin will mit der "Spezialoperation" Grenzen verschieben, um seinen Einflussbereich zu erweitern. Er strebt in Europa eine größere Pufferzone zwischen Nato und Russland an. Nicht zuletzt will er das westliche Bündnis vom Asowschen Meer fernhalten und den Zugang zum Schwarzen Meer über die Krim endgültig absichern. Dazu muss er Führung in Kiew loswerden und durch eine Regierung ersetzen, die ihm genehm ist. Es geht um Unterwerfung.

Ein Kernziel ist, eine Mitgliedschaft der Ukraine in EU und Nato zu verhindern. Das Land soll demilitarisiert und "entnazifiziert" werden. Wohlgemerkt, bei der als "Nazis" verunglimpften Regierung handelt es sich um demokratisch gewählte Volksvertreter.

Während der Westen über Putin empört ist, verhält sich der größte Teil der Welt neutral. Für viele Staaten in Afrika, Asien und Lateinamerika ist der Ukraine-Krieg ein Regionalkonflikt. Putin ist mitnichten isoliert.

Was hat Putin in den ersten zwei Jahren erreicht?

Die ersten zwei Jahre waren ein Desaster. Viele Annahmen Putins erwiesen sich als falsch. Jäh scheiterte der Versuch, die Ukraine blitzartig zu erobern. Russlands Verluste waren enorm. Ferner glaubte er wohl, dass die Amerikaner mit sich beschäftigt waren und dass die europäischen Wähler die hohen Energiepreise in Folge des Krieges und der Sanktionen nicht lange hinnehmen würden.

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Putin hat nicht nur die Ukraine, sondern auch die Entschlossenheit ihrer Verbündeten unterschätzt. Seine „Siegestheorie“ musste er mehrfach überarbeiten: der Realität anpassen.

Die meisten Experten gaben der Ukraine anfangs keine Chance. So sagte General Mark Milley, Stabschef der US-Streitkräfte, Anfang Februar 2022 im Kongress in Washington, dass das russische Militär Kiew in nur zweiundsiebzig Stunden einnehmen könnte. Es kam anders. Die Ukrainer haben Freund und Feind überrascht.

Zu Beginn des dritten Jahres sind die Ukrainer in die Defensive geraten: Der Oberbefehlshaber wurde ausgetauscht, die Armee versucht einen Neustart. Der Ukraine-Krieg ist zu einem Abnutzungskrieg geworden. Der entscheidet sich in erster Linie über die Ressourcen. Russland ist im Vorteil: mehr Menschen und Waffen. Putin will den Krieg so lange führen, bis der Gegner erschöpft ist.

Ein Standardwerk in der Fachliteratur heißt „Demokratien im Krieg“. Die Amerikaner Dan Reiter und Allan C. Stam vertreten darin die Theorie, dass die Siegesaussichten von Autokraten tendenziell steigen, je länger ein Krieg andauert. Ganz einfach deswegen, weil Demokratie stets auch die Stimmung berücksichtigen und ihre Wähler mitnehmen müssen. Der Diktator hingegen wird seinem Volk jedes Opfer abverlangen. Vorteil Putin. „Das war mein Fehler“, erkannte der abgelöste ukrainische Armeechef Walerij Saluschnyj, „Russland hat mindestens 150.000 Tote verloren. In jedem anderen Land hätten solche Verluste den Krieg beendet.“

Russische Soldaten auf einem Militärlastwagen.
Russische Soldaten auf einem Militärlastwagen. © dpa | Konstantin Mihalchevskiy/Sputnik/dpa/Archivbild

Putins neuer Planungshorizont reicht nach Einschätzung des britischen ThinkTanks „Rusi“ bis 2026. Spätestens dann soll die Ukraine besiegt werden. Seit Herbst 2023 hält Russland den Druck entlang der Front hoch: Die Ukraine soll Soldaten und Munition verlieren. Sobald die Munitionsvorräte erschöpft sind, steht eine Offensive an. Mit steten Geländegewinnen soll die Ukraine zur Kapitulation gezwungen werden.

Wie lange kann Putin durchhalten?

Die Russen haben nach westlichen Informationen etwa 450.000 bis 500.000 Soldaten in der Ukraine. Sie können Personalstärke und Angriffstempo beibehalten. Sobald eine Einheit ein Drittel ihrer Soldaten verloren hat, wird sie ausgetauscht.

Laut „Rusi“ geht der Trend zu kleinere Kompaniegruppen. Das ist eine Anpassung an die Bedingungen auf dem Schlachtfeld. Nebenbei fällt weniger ins Gewicht, dass gut ausgebildete Offiziere fehlen, um größere Formationen zu koordinieren.

Zwar hat Russland seine Rüstungsproduktion hochgefahren und stillgelegte Werke wieder in Betrieb genommen. Jährlich werden schätzungsweise 1.500 Panzer und 3.000 gepanzerte Fahrzeuge geliefert. Aber: Zu etwa 80 Prozent sind etwa die Panzer keine Neuproduktion, sondern stammen aus alten Beständen. Sie werden instandgesetzt und modernisiert. Ab 2025, spätestens 2026 dürften die Lagerbestände erschöpft sein. Danach wird es eng. Das größte Problem auch der Russen ist der Munitionsmangel.

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Was treibt Putins an?

Der Zerfall der Sowjetunion ist das politische Trauma in Putins Leben. Er würde es gern rückgängig machen. Ein erster Schritt war schon der Tschetschenien-Krieg. In einer "Kriegsrede" thematisierte Putin selbst den Nato-Gipfel 2008. Damals hatte das Bündnis der Ukraine und Georgien einen Beitritt in Aussicht gestellt – wenn auch ohne konkretes Datum. Wenig später griff Putin militärisch in Georgien ein. Er wollte einen Vormarsch der Nato stoppen. Nach dem gleichen Muster verfuhr er später mit der Ukraine.

Der Ukraine sprach Putin in einem Geschichtsaufsatz und in mehreren Reden gar das Recht auf Unabhängigkeit ab. Die Russen haben ein Sonderverhältnis zur Ukraine, historisch, kulturell, religiös. Auch die Sprachen sind verwandt. Für Putin gehört die Ukraine zu Russland – er spricht dem Land seine Souveränität ab.

Ukraine-Krieg – Hintergründe und Erklärungen zum Konflikt

2014 hat er erst die Krim annektiert und die Separatisten in den Ostgebieten der Ukraine unterstützt. Das Kalkül war, die Ukraine zu destabilisieren. Nachdem sie nicht wunschgemäß mit Unterwerfung reagiert hatte, folgte der Einmarsch in die von den Separatisten besetzten Gebiete und 2022 der Militärangriff auf das ganze Land.

Die pro-russischen Separatisten in den Gebieten Donezk und Luhansk lieferten Putin den Vorwand für den Einmarsch. Putin kam ihrer "Bitte" nach, erst die zwei Gebiete für unabhängig zu erklären und ihnen im nächsten Schritt zur Hilfe zu eilen.

Wie endet dieser Krieg?

Generell enden Kriege auf zwei Arten: Wenn die eine Seite die andere besiegt und ihr einen Frieden diktieren kann oder wenn die Kriegsparteien lieber einen Kompromiss schließen, als eine Auseinandersetzung fortzuführen, die keine von ihnen gewinnen kann. So weit sind beide nicht. Die Gefahr ist groß, dass der Krieg noch Jahre andauert und mitten in Europa eine Demarkationslinie wie zwischen Nord- und Südkorea entsteht.

Wie will Putin weiter vorgehen?

Mitte März 2024 stellt sich der 71-jährige Putin einer Wahl. Er kann es sich nicht leisten, Schwäche zu zeigen: Verhandlungen mit der Ukraine sind bis dahin ein „No Go“. Ende des Jahres stehen in den USA Präsidentschaftswahlen an. Putin hofft, dass Donald Trump das Rennen macht und als Präsident die Unterstützung für die Ukraine reduziert.

Es gibt einen Gesprächsfaden zwischen den Kriegsgegnern, schon um Gefangene auszutauschen. Zu Beginn des Konfliktes war es auf Vermittlung der Türkei sogar zu Verhandlungen gekommen. Aktuell sind keine diplomatischen Initiativen bekannt.

'Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion

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Putins Minimalposition ist, wie es in politischen Kreisen heißt, dass die Ukraine die unter russischer Kontrolle stehenden Territorien abtritt, inklusive Charkiw, in einigen Versionen auch Odessa. Sie soll sich verpflichten, nicht der NATO beizutreten. Zudem müsse ihr Präsident von Russland anerkannt werden. Putin hätte damit ein Vetorecht. Sein einziges „Zugeständnis“: ein Beitritt der Ukraine zur EU ist verhandelbar. Wann macht Putin Halt? Vier Szenarien.

  • Szenario Nummer eins: Die Teilung der Ukraine und eine Landbrücke bis zur Krim. Das Minimalziel ist fast erreicht, aber nicht abgesichert.
  • Szenario Nummer zwei: Die russischen Truppen nehmen Kiew ein und rücken bis zur Nahtstelle zur EU vor. Der Traum russischer Nationalisten. Weitere Teile der früheren Sowjetunion wären bedroht, etwa Moldawien und die baltischen Staaten.
  • Szenario Nummer drei: Ein jahrelanger Stellungskrieg, bis der Konflikt womöglich eingefroren wird, also ohne eine Einigung endet und jederzeit wieder aufbrechen kann.
  • Szenario Nummer vier: Russland verkalkuliert sich. Die Militärhilfe des Westens lässt nicht nach, die russischen Verluste werden zu groß. Am Ende steht der Rückzug.

Wie könnten die Alternativen zu einem Diktatfrieden aussehen?

Eine Möglichkeit wäre nach dem Beispiel Österreichs eine Neutralität der Ukraine. Eine weitere Möglichkeit wäre ein internationaler Vertrag, der den Sicherheitsbedenken Russlands Rechnung trägt. Eine aus westlicher Sicht falsche Lösung wäre die Installation eines Vasallenstaates mit einer Russland-hörigen Regierung wie in Weißrussland.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bezweifelt, dass man mit Putin verhandeln kann.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bezweifelt, dass man mit Putin verhandeln kann. © DPA Images | Vadim Ghirda

Im Verlauf des Krieges ist das Selbstbewusstsein der Ukraine gewachsen. Ihr Präsident Wolodymyr Selenskyj spekuliert auf Putins Ablösung. Danach würde die Ukraine über Reparationen, ein internationales Tribunal und die Verantwortung für die Kriegsverbrechen sprechen.

Ukraine-Konflikt: Was droht Deutschland?

Die ersten Folgen des Ukraine-Krieges waren ein Flüchtlingsstrom Richtung Westen und der Preisanstieg bei Erdöl und Gas. Vor allem hat Deutschland die Militärhilfe für die Ukraine massiv aufgestockt. Daheim wurde der Katastrophenschutz neu aufgestellt. Außerdem sah sich die Bundesregierung gezwungen, eine massive Aufrüstung der Bundeswehr zu beschließen. Längst ist davon die Rede, dass die Armee „kriegstüchtig“ werden soll.

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Wie reagiert die Nato?

Die Nato reagierte mit einer Stärkung ihrer Ostflanke. Finnland trat dem Bündnis bei, Schweden folgt. Das Bündnis unterstützt die Ukraine, auch mit Waffen, aber will nicht in den Konflikt hineingezogen werden; zu groß, zu unkalkulierbar erscheint das Eskalationsrisiko. Das ist der Grund, warum Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zum Beispiel die Lieferung weitreichender Taurus-Raketen ablehnt. Indes, Ende Februar 2024 schloss der französische Präsident Emmanuel Macron den Einsatz von Bodentruppen nicht aus. Da Putin mit dem Einsatz von Atomwaffen gedroht hat, gibt es erste Rufe nach einer atomaren Abschreckung der EU. Es ist klar geworden, dass der Kremlchef nicht vor nuklearer Erpressung zurückschreckt.

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