Ukraine

Auf lebensgefährlicher Mission: Die Minensucher von Cherson

Jan Jessen
| Lesedauer: 8 Minuten
Reportage aus der Ukraine: Hilfsorganisation unterstützt in Cherson

Reportage aus der Ukraine- Hilfsorganisation unterstützt in Cherson

Unsere FUNKE-Reporter Jan Jessen und FUNKE-Fotograf Reto Klar waren erneut in der Ukraine und berichten von Schicksalen vor Ort. Heute sind sie in Cherson und begleiten eine Hilfsorganisation.

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Cherson.  Ukrainische Minensucher riskieren ihr Leben bei der Suche nach den Minen. Unsere Reporter waren bei ihrem Einsatz in Cherson dabei.

Am 10. November stirbt Volodymyr Sokurenko, 51, nahe Kostromka, einem Dorf etwa 75 Kilometer nordöstlich der Stadt Cherson nach der Explosion eines Sprengkörpers. Ein Freund von Volodymyr erzählt, es sei eine als Falle hinterlassene Landmine gewesen, die den Oberleutnant bei einer Aufklärungsmission im Süden der Ukraine tötete. Überall dort, wo die russischen Streitkräfte sich zurückziehen, lauern in dem Land tödliche Gefahren. Blindgänger, Minen, Sprengfallen.

An einem kühlen, wolkenverhangenen, regnerischen Tag Ende November stapfen gut zwei Dutzend Männer über ein weites Feld bei Cherson. Es ist mit rot-weißem Flatterband abgesperrt, alle paar Meter stehen rote Schilder, darauf ein Totenkopf, unter dem in kyrillischen Buchstaben das Wort „Mine“ steht. Die Männer tragen dunkelblaue Uniformen, Schutzwesten, Helme, suchen mit Metalldetektoren konzentriert den schlammigen Boden ab. Die Geräte piepsen immer wieder, hier sind in den vergangenen Monaten Hunderte Geschosse heruntergegangen, russische wie ukrainische. Der Ort war ein Schlachtfeld.

Minensucher in der Ukraine: Ihr Standort bleibt geheim

Wo genau sie arbeiten, dürfen wir nicht schreiben. Die russischen Streitkräfte sind nicht weit entfernt, es besteht die Gefahr, dass die Männer während ihrer Arbeit zum Ziel von Artillerieangriffen werden. Das Wummern von Geschützdonner erklingt immer wieder in der Ferne. Die Männer sind Minenräumer des staatlichen Rettungsdienstes der Ukraine. „Seit Beginn der Arbeiten haben wir 725 Einsätze durchgeführt“, sagt Einsatzleiter Oleksandr, Ende 30, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung wissen will. Oleksandr schaut auf eine Liste in seiner Hand und rattert Informationen herunter.

„Wir haben 5574 explosive Gegenstände verschiedener Typen und Kaliber neutralisiert und zerstört. Artilleriegeschosse, Mörserminen, Granaten, Panzerabwehrminen, Antipersonenminen, Geschosse von Mehrfachraketenwerfern.“ In der Region rund um Cherson haben sie seit dem Beginn der ukrainischen Gegenoffensive im September 510 Hektar geklärt, 278 Kilometer Straßen inspiziert, 50 Kilometer Bahngleise. Es ist eine Herkulesaufgabe. Die Ukraine gilt mittlerweile als eines der Länder weltweit, das am intensivsten vermint ist. Auf 200.000 Quadratkilometer schätzt die Regierung die Fläche im Norden, Osten und Süden, die mit Sprengkörpern und Minen verseucht ist, das ist ein Gebiet deutlich größer als die Hälfte Deutschlands.

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Minen in der Ukraine: Seit Kriegsbeginn sind 20 Bauern getötet worden

Minen und Blindgänger gefährden die Menschen, die in die befreiten Dörfer und Städte zurückkehren, um zu schauen, ob ihre Häuser noch intakt sind, ob sie geplündert wurden. Die Menschen, die vor den Kämpfen fliehen und die, die in den Wäldern nach Feuerholz suchen. Die Bahnarbeiter, die Gleise reparieren, einem hat es kurz nach der Befreiung Chersons die Beine weggerissen. Die Landwirte, die ihre Äcker bestellen. Im August hatte der stellvertretende ukrainische Landwirtschaftsminister Taras Vysotskyi unserer Redaktion gesagt, seit Beginn des Ukraine-Kriegs seien über 20 Bauern gestorben, weil sie über Minen gefahren seien. Die Regierung in Kiew schätzt die Zahl der bislang durch Minen getöteten Menschen auf bis zu 200.

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Wer in die befreiten Gebiete reist, wird von der Polizei und vom Militär eindringlich gewarnt: Nicht die Straße oder ausgetretene Wege verlassen. „Pass auf, wo du hintrittst”, heißt es immer wieder. „Ich warne die lokale Bevölkerung in der Stadt Cherson, in der Region oder in anderen Regionen, dass es verboten ist, Sprengkörper anzufassen“, sagt Oleksandr. „Nur Spezialisten können so etwas sicher machen, es wird Leben retten, wenn sich die Leute daran halten.“ Aber die Spezialisten sind ebenfalls gefährdet. „Es gibt unter unseren Männern Opfer“, sagt Oleksandr. Das habe weniger etwas mit mangelnder Erfahrung zu tun. „Es gibt bei unserer Arbeit leider viele Überraschungen.“

Russland setzt sieben unterschiedliche Anti-Personen-Minen in der Ukraine ein

Im Sommer berichtete die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, die russischen Streitkräfte setzten in der Ukraine mindestens sieben Typen international geächteter Anti-Personen-Minen ein. „Es gab Fälle, da haben sie unter Anti-Panzerminen kleinere Minen platziert“, erzählt Oleksandr. Werden die schweren Sprengkörper entfernt, gehen die kleinen hoch. Es sind Fallen. „Deswegen entfernen wir diese Objekte jetzt mit Haken und einem Seil von einem sicheren Ort aus“, erklärt der Minenräumer. Die Russen hätten auch Häuser vermint oder dort Sprengfallen platziert, behauptet Oleksandr. Das könne man als Terrorismus bezeichnen, sagt er nach kurzem Überlegen.

An diesem Novembertag geht alles glimpflich aus. Die Minenräumer finden auch keine gefährlichen Blindgänger oder anderes Material, lediglich die Teile von explodierten Raketen oder anderen Geschossen. Sie werfen sie auf einen Haufen, von dort werden sie in den nächsten Stunden in einem der großen gepanzerten Fahrzeuge abtransportiert, die in einigen Metern Entfernung geparkt sind.

In der Nähe von Cherson liegen besonders viele Minen vergraben

Bei ihrer Arbeit werden die ukrainischen Minenräumer auch von Hilfsorganisationen wie dem britischen „Halo Trust“ unterstützt. Die Organisation wurde in den späten 1980er gegründet und hat sich auf die Entschärfung und Entfernung von Minen und Blindgängern spezialisiert. Erstes Einsatzgebiet war Afghanistan nach dem Abzug der Sowjets. In der Ukraine arbeitet „Halo Trust“ schon seit mehreren Jahren, schon seit 2014 wird ja im Osten des Landes gekämpft.

„Wir versuchen, so viele Menschen wie möglich vor Landminen und Blindgängern zu schützen“, so Sprecherin Louise Vaughan. Dazu führt die Organisation Aufklärungskampagnen für die Bevölkerung durch, setzt eigene Minenräumer und rekrutiert Ukrainer, die derzeit ausgebildet werden. Bis Ende des Jahres will die Organisation bis 700 Menschen trainiert haben.

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Auch die Minenräumer von Halo Trust stoßen immer wieder auf Fallen: „Wir stellen fest, dass viele Geräte wie Granaten oder Antipersonenminen mit Stolperdrähten verlegt werden“, so Vaughan. Zudem seien vielerorts Kunststoffminen eingesetzt worden, deren Erkennung schwieriger und deren Räumung zeitaufwändiger sei.

Insbesondere im Süden des Landes, in der Region Cherson, wartet viel Arbeit. In diesen Gebieten, die monatelang besetzt und umkämpft waren, sei eine größere Dichte an gefährlichen Hinterlassenschaften zu erwarten, schreibt die Organisation auf ihrer Internetseite, allein die Ukrainer hätten dort täglich bis zu 8000 Granaten verschossen, von denen viele möglicherweise nicht explodiert seien. Zudem drohe Gefahr von abgestürzten Drohnen und thermobaren Waffen, die die Russen eingesetzt hätten.

Die Minensucher hoffen auf Hilfe aus dem Ausland

Die ukrainischen Minenräumer sind für die ausländische Hilfe dankbar. „Viele Länder helfen uns sehr mit humanitärer Hilfe, Ausrüstung, Maschinen und Suchgeräten“, sagt Oleksandr. Jedoch sei mehr Unterstützung notwendig, um auch die Helfer zu schützen: „Wir brauchen moderne Schutzkleidung, Roboter und mehr gepanzerte Fahrzeuge.“ Bis sie mit ihrer Arbeit fertig sein werden, wird es eine lange Zeit brauchen. Die ukrainische Regierung schätzt, dass es bis zu sieben Jahre dauern wird, um alle bislang verminten Gebiete zu säubern. Die Halo-Trust-Sprecherin rechnet gar damit, dass die Räumung der Minen in der Ukraine eine „Generationenaufgabe“ sein wird. Und der Krieg ist noch nicht vorbei. Jeden Tag werden neue Minen gelegt, hageln neue Geschosse herunter.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.