FDP-Chef Kemmerich gerät nach Demo-Besuch in eigener Partei unter Druck

Thüringens FDP-Chef Thomas Kemmerich steht wieder in der Kritik – weil er an einer Demo in Gera teilnahm, in deren Schatten offenbar Reichsbürgerfans die Strippen zogen. Und bei der die AfD nicht weit weg war.

Unter die rund 750 Teilnehmer der Demo in Gera hatte sich am Wochenende auch FDP-Landeschef und Kurzzeit-Ministerpräsident Thomas Kemmerich (2. von rechts) gemischt, hier im Gespräch mit Anmelder Peter Schmidt (4. von rechts)

Unter die rund 750 Teilnehmer der Demo in Gera hatte sich am Wochenende auch FDP-Landeschef und Kurzzeit-Ministerpräsident Thomas Kemmerich (2. von rechts) gemischt, hier im Gespräch mit Anmelder Peter Schmidt (4. von rechts)

Foto: Foto: Marcel Hilbert

Thomas Kemmerich gerät in der FDP gewaltig unter Druck. Konstantin Kuhle, FDP-Innenpolitiker im Bundestag, fordert am Montag in „Bild“ sogar, dass über einen Parteiausschluss gegen Kemmerich im Bundesvorstand gesprochen werden sollte. Der 24-Stunden-Ministerpräsident steht in der Kritik. Am Wochenende war er in Gera mit hunderten Menschen gegen die Corona-Regeln durch die Stadt „spaziert“.

Jetzt muss er sich den Vorwurf gefallen lassen, mit Rechtsextremisten und Verschwörungstheoretikern marschiert zu sein und erneut keine Distanz zur AfD gewahrt zu haben, was gerade in Thüringen immer wieder für Aufsehen sorgt. Denn der Landesverband der AfD steht im Visier des Verfassungsschutzes und, soviel zur bekannten Vorgeschichte, Kemmerich hatte sich im Februar mit AfD-Stimmen zum Ministerpräsidenten wählen lassen.

„Einziger legitimer Ministerpräsident“ - Kritik nach Kemmerich-Auftritt bei Demo

„Ich werde mit denen, die mich kritisieren, offen sprechen. Aber nicht öffentlich“, sagte Kemmerich am Montag auf Anfrage dieser Zeitung, wollte sich aber nicht dazu äußern, ob er selbst über Konsequenzen nachdenke. FDP-Bundesvorstandsmitglied Marie-Agnes Strack-Zimmermann hatte ihren Parteifreund nach seinem Auftritt und einem "schwerst parteischädigendem" Verhalten in Gera aufgefordert, die Partei zu verlassen. Auch die Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen, Ria Schröter, kritisierte Kemmerich auf Twitter.

Auch FDP-Chef Christian Linder wollte einen möglichen Rauswurf Kemmerichs aus der Partei nicht ausschließen. Allerdings wolle er darüber nicht öffentlich sprechen, sagte Lindner auf RTL. „Ich hantiere öffentlich mit Worten wie Parteiausschlussverfahren nicht. Man sieht ja bei den Grünen bei Herrn Palmer, zu was das führt - oder bei Herrn Sarrazin in der SPD.“

Auf Twitter hatte Kemmerich am Montag noch einmal begründet, in Gera gewesen zu sein, „weil ich nicht will, dass Teile der Mittelschicht mit ihren Sorgen von der AfD vereinnahmt werden“. Zudem sei er, weil er Distanz zu Rechten halte, von denen niedergebrüllt worden. Ein Video der Veranstaltung zeigt tatsächlich, dass Kemmerich einem Teilnehmer verbal scharf attackiert wird. Ob das sich anschließende „Hau ab“, das mehrere Leute auf dem Platz riefen, allerdings Kemmerich oder dem pöbelnden Teilnehmer gilt, bleibt unklar.

Dass Kemmerich, der die Teilnahme später als Fehler einräumte, auch kritische Meinungen zu den Corona-Maßnahmen zu Gehör bringen wollte, betonte er in den vergangenen Stunden mehrfach. Allerdings: Dass der Unternehmer, der den Marsch durch Gera anmeldete, dabei auf zweifelhafte Unterstützer setzte, bleibt von ihm bisher unerwähnt. Mit wenigen Online-Klicks wäre aber beispielsweise herauszufinden gewesen, wie es der „Tagesspiegel“ berichtet, dass ein Mann aus dem Umfeld des Unternehmers online zu Spenden für den Reichsbürger Adrian Ursache aufruft – der hatte 2016 einen Polizisten getötet. Die Partnerin des offensichtlichen Reichsbürger-Fans zeigte sich indes mit einem „Davidstern“ auf der Demo, dem Symbol, mit dem Neonazis im „Dritten Reich“ Juden öffentlich kennzeichnen ließen.

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