Bürgerversammlung

„Olympia“ in Berlin? Fridays for Future startet Crowdfunding

Berlin.  Bis zu 90.000 Menschen sollen 2020 das Berliner Olympiastadion füllen. Das Ziel: Im Sekundentakt Petitionen in den Bundestag bringen.

Politik machen im Olympiastadion statt im Bundestag

90.000 Menschen, die gleichzeitig per Smartphone über Petitionen abstimmen: Das ist das Ziel von Aktivisten rund um die Bewegung Fridays for Future. 2020 wollen sie ein riesiges Townhall Meeting veranstalten.

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Es ist der 12. Juni 2020. 90.000 Menschen im Berliner Olympiastadion zücken gleichzeitig ihre Smartphones. Nicht um irgendeinen Superstar zu filmen. Sondern um Politik zu machen.

Innerhalb von Sekunden knacken sie die 50.000-Stimmen-Hürde und setzen eine Petition nach der anderen auf die Agenda des Bundestags. Für echten Klimaschutz. Gegen rassistische Werbung. Für mehr repräsentative Demokratie.

Das ist der Traum. Und er hat ab diesem Donnerstag 30 Tage Zeit, um in Erfüllung zu gehen.

Die Träumer, das sind die Organisationen Fridays for Future, Scientists for Future, Entrepreneurs for Future und das Berliner Start-up Einhorn. Sie haben sich zusammengetan haben, um „Deutschlands größte Bürger*innenversammlung“ möglich zu machen, finanziert durch die größte Crowdfunding-Kampagne Europas.

Berliner Olympiastadion: Crowdfunding, um Politik zu beeinflussen

„Wenn wir alle im Olympiastadion unsere Handys rausholen und alles in den Bundestag schieben, was wir schon immer machen wollten, dann muss die Politik darüber reden“, sagt Einhorn-Mitgründer Philip Siefer drei Tage vor Kampagnen-Start. Lösungen zur Klimakrise und anderen drängenden Problemen seien längst da, sie hätten bisher bloß keine Bühne.

Siefer sitzt zusammen mit seinen Mitorganisatoren auf einem kleinen Podium in der Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg, vor ihm rund 400 größtenteils junge Leute, und erklärt den Werdegang dieser verrückt anmutenden, aber höchst demokratischen Idee.

Ausgangspunkt war ein in diesem Sommer von Co-Einhorn-Gründer Waldemar Zeiler ins Leben gerufenes Townhall Meeting in ebenjener Markthalle, bei dem 2500 Menschen über Themen wie Klimawandel, Rechtsruck oder soziale Gerechtigkeit diskutierten.

Start-up Einhorn boxte Tampon-Petition in den Bundestag

„Wir dachten, es kommen vielleicht 100 Leute, wir wollten das erst bei uns im Büro veranstalten“, erinnert sich Einhorn-Sprecher Markus Wörner. Als sich dann noch abzeichnete, dass ihre Petition zur Senkung der Mehrwertsteuer auf Periodenprodukte wie Tampons im Bundestag Erfolg haben würde, waren die Einhörner angefixt. Da musste doch noch mehr gehen.

„Uns wurde klar, dass das Event in der Markthalle und die Petition in Kombination eine krasse Power ergeben würden, wenn man noch ein paar mehr Leute hätte“, sagt Siefer. „Also haben wir uns überlegt, wir mieten einfach den größten Raum, den die Stadt hat, das Berliner Olympiastadion.“

Die Sache hat nur einen Haken: 1,8 Millionen Euro.

Die gilt es jetzt per Crowdfunding zu sammeln. Seit diesem Donnerstag läuft die Kampagne auf startnext.com, bis Weihnachten müssen mindestens 60.000 Tickets à 29,95 Euro verkauft worden sein, um die Kosten für die Stadionmiete, aber auch Security, Verpflegung, Technik, Bühne, Gema-Gebühren oder Nebenkosten wie Strom zu decken.*

Wer nicht selbst vor Ort sein kann und daher kein Ticket braucht, kann auch spenden: ab 50 Cent geht es los. Es wäre die größte Crowdfunding-Summe, die jemals in Europa erreicht wurde. In den ersten 24 Stunden gingen rund 225.000 Euro ein. Das entspricht bereits 12,5 Prozent der Gesamtsumme.

Promis wie Lena Meyer-Landrut und Joko Winterscheidt unterstützen „Olympia“

Dass Fridays for Future, Einhorn und Co. überhaupt die Chance bekommen, das Olympiastadion ohne Anzahlung zu reservieren, ist eine absolute Ausnahme. „Wir hatten Glück: Die Verantwortlichen sind sofort auf die Idee angesprungen“, sagt Wörner.

Überhaupt erfahren die Organisatoren breite Unterstützung: Der Veranstalter des Events arbeitet zum Selbstkostenpreis, Dutzende Prominente und Influencer wollen ihre Fans mobilisieren. Wer genau seine Hilfe angeboten hat, darüber schweigt sich das Bündnis weitgehend aus.

„Olympia“ soll von Bürgern für Bürger sein

„Das Ding soll uns gehören, wir werden ein weißes Stadion haben (ohne Werbung, d.Red.), wir werden auch nicht mit irgendwelchen Künstlern werben“, sagt Waldemar Zeiler beim Treffen in der Markthalle. „Nicht dass Wirtschaft oder Politik nachher sagen kann, ja klar kommen die alle, um Herbert Grönemeyer zu hören oder Lena Meyer-Landrut, das hat doch nichts mit Politik zu tun.“

Allerdings: Der am Montag an den Start gegangene Instagram-Account „12062020olympia“ verrät, welche Prominenten hinter der Idee stehen. So folgen ihm etwa Bestseller-Autorin Charlotte Roche, Moderator Joko Winterscheidt, Jennifer-Rostock-Frontfrau Jennifer Weist oder Sängerin Lena Meyer-Landrut. Auch am nächsten weltweiten Klimastreik am 29. November dürfte Fridays for Future die Kampagne noch mal pushen.

Instagram sperrte „Olympia“-Account, weil er so schnell wuchs

Wie realistisch es ist, dass das Event tatsächlich stattfindet, wird sich in den nächsten Tagen zeigen. Das Interesse auf Instagram ist jedenfalls schon mal hoch: Der Account schoss innerhalb von weniger als drei Tagen auf über 21.000 Abonnenten – ein Tempo, das Instagram dazu veranlasste, ihn zwischenzeitlich zu sperren, weil die Plattform ihn für einen Bot hielt.

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Das Crowdfunding in 30 Tagen zu stemmen, ist bereits ambitioniert. Die richtige Arbeit würde für Fridays for Future, Einhorn und Co. aber erst danach beginnen. Denn die größte Bürgerversammlung Deutschlands soll davon leben, dass sie gemeinsam gestaltet wird.

„Olympia“ soll live im Fernsehen übertragen werden

Jeder wird Ideen für Petitionen einreichen können, es werden Freiwillige gesucht, um bei der weiteren Planung zu helfen. Unter anderem muss sichergestellt werden, dass das Netz und die Petitionsseite des Bundestags nicht zusammenbrechen, dass die Veranstaltung nicht von Rechts gekapert wird, aber auch nicht zu einem Filterbubble-Event verkommt, auf dem nur der privilegierte Teil Deutschlands Entscheidungen trifft.

Da die Veranstaltung auf den Starttermin der Fußball-Europameisterschaft fällt, träumen die Organisatoren zudem davon, das tagsüber stattfindende Event im Vorfeld des Eröffnungsspiels live im Fernsehen zeigen zu können – und die Public Viewings im ganzen Land dafür zu nutzen, weitere Townhall Meetings zu veranstalten. Kurz gesagt: Es klingt alles ein bisschen größenwahnsinnig.

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Aber vielleicht stimmt ja, was am Montag beim Vorbereitungstreffen auf der Baseballkappe eines Mannes in der ersten Reihe zu lesen war: „Alles ist möglich.“

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• Zu Petitionen:

Nach Artikel 17 des Grundgesetzes kann sich jeder Bürger mit einer Bitte oder Beschwerde an den Bundestag wenden. Der Petitionsausschuss prüft diese und berät darüber. Wenn nötig, verschafft er sich sogar bei einem Ortstermin einen Eindruck von den Problemen.

Immer mehr Menschen wenden sich mit Bitten und Beschwerden an den Bundestag. 2018 erreichten rund 13.200 neue Eingaben das Parlament, 1000 mehr als im Vorjahr.

* In einer früheren Version des Artikels hieß es, allein die Miete des Olympiastadions belaufe sich auf 1,8 Millionen Euro. Tatsächlich handelt es sich dabei um die gesamten Kosten, zu denen etwa auch die Finanzierung von Technik, Security oder Verpflegung zählen. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.

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