EU-Austritt

Reisen, Geld, Jobs: Was ein Chaos-Brexit für uns bedeutet

Brüssel.  Beim ungeregelten Brexit wird auch die deutsche Wirtschaft wird leiden. Milliardenverluste drohen. Worauf wir uns einstellen müssen.

Premier Boris Johnson

Premier Boris Johnson

Foto: Simon Dawson / Reuters

Ein ungeregelter EU-Austritt Großbritanniens am 31. Oktober wird immer wahrscheinlicher. Der No-Deal-Brexit bedeutet für Deutschland neue Milliardenlasten, Zehntausende Jobs stehen auf dem Spiel, es drohen Probleme für Reisende und Engpässe bei Medizinprodukten.

Im britischen Unterhaus wird die Opposition ab Dienstag zwar noch versuchen, einen No-Deal-Brexit zu verhindern, aber die Chancen stehen schlecht. In Brüssel wird mit dem Schlimmsten gerechnet.

EU-Chefunterhändler Michel Barnier: „Für Großbritannien kommt jetzt die Stunde der Wahrheit.“ Aber auch für viele Deutsche wird es ernst. Worauf wir uns einstellen müssen.

Brexit: Wird auch das Reisen für Deutsche komplizierter?

Wer für Kurzaufenthalte (90 Tage innerhalb von 180 Tagen) nach Großbritannien reist, braucht kein Visum. Das hat London zugesichert, im Gegenzug soll Visafreiheit für Briten in der EU gelten. Wie bisher reicht der Personalausweis, heißt es. Reisende müssen sich aber auf lange Wartezeiten wegen der Zollkon­trollen einstellen. Das sind die wichtigsten Fragen und Antworten zum Brexit.

Und: Die europäische Krankenversicherungskarte EHIC gilt nicht mehr auf der Insel. Autofahrer brauchen die grüne Versicherungskarte. Das drohende Chaos im Flugverkehr ist wohl abgewendet, Flüge zwischen der EU und Großbritannien sind nach jetzigem Stand vorübergehend gesichert.

Noch besser für Touristen: Das britische Pfund sinkt seit Monaten. Reisen auf die Insel und Shopping in London werden damit günstiger.

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Und wenn man länger bleiben will?
Bei längeren Aufenthalten auf der Insel wird es kompliziert. Für EU-Bürger endet die bisherige Personenfreizügigkeit. Details der künftigen Regelungen lässt die britische Regierung offen, aber wahrscheinlich wird in der Regel ein Visum erforderlich. Die über 300.000 Deutschen, die schon in Großbritannien leben, müssen bis Ende 2020 einen Aufenthaltstitel beantragen.

Wird es Zollkontrollen bei Reisen nach Großbritannien geben?

Beim ungeregelten Brexit müssen EU und Großbritannien über Nacht Zollkontrollen einführen, das verlangen die Regeln der Welthandelsorganisation. Trotz aller Vorbereitungen, ein Chaos beim Güterverkehr an den Grenzen ist sicher – mit Riesenstaus und tagelangen Wartezeiten.

Die britische Regierung erwartet Versorgungsengpässe , hat Schiffe und Flugzeuge für Nottransporte gechartert.

Deutsche Firmen horten Material und Ersatzteile, weil Lieferketten zusammenbrechen könnten, berichtet der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Er rechnet mit drei Milliarden Euro jährlich an Zöllen, die deutsche Firmen für Exporte auf die Insel entrichten müssen. Dazu kommen 200 Millionen Euro für die Zollformalitäten.

Wie wirkt sich Chaos-Brexit auf die deutsche Wirtschaft aus?

Ein Chaos-Brexit wird vor allem der Wirtschaft in Großbritannien schaden – aber auch Deutschland und die anderen EU-Staaten müssen sich auf gewisse Wohlstandsverluste einstellen, meinen Experten. Großbritannien ist Deutschlands fünftwichtigster Handelspartner. Jetzt wird der Handel teurer, Investitionen bleiben aus – das kostet Wachstum (zwischen 0,3 bis 0,7 Prozent laut Studien).

Der DIHK erwartet, dass die deutschen Exporte auf die Insel schon 2019 um zehn Prozent einbrechen. Die Bertelsmann-Stiftung hat ausgerechnet, dass der harte Brexit den Deutschen jährlich bis zu zehn Milliarden Euro Einkommensverluste bescheren könnte: Die Wirtschaftsleistung werde bundesweit um 115 Euro pro Kopf sinken, überdurchschnittlich stark in NRW, Bayern und Hamburg.

Der Brexit ist Gift für die schwächelnde Konjunktur. Aber viel hängt davon ab, wie schnell die EU und Großbritannien ein Handelsabkommen vereinbaren könnten.

Wieviel Jobs bringt ein harter Brexit in Gefahr?

Rund 750.000 Arbeitsplätze hängen laut DIHK vom Handel mit Großbritannien ab. Eine Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung (IWH) sieht mehr als 100.000 dieser Jobs wegen des Brexit in Gefahr, vor allem in der Autoindustrie und bei Technologiekonzernen.

Was kommt auf die die Steuerzahler zu?

Wenn London wirklich Ende Oktober alle Zahlungen in den EU-Haushalt sofort einstellt, müsste die Bundesregierung aus Steuermitteln bis Ende 2020 bis zu vier Milliarden Euro mehr nach Brüssel überweisen als bisher eingeplant.

Was müssen Studenten beachten?

Wer vor dem Brexit seinen Aufenthalt in Großbritannien mit Erasmus-Stipendium begonnen hat, bekommt die Förderung weiter bezahlt. Bafög gibt es weiter für Aufenthalte von bis zu einem Jahr. Studienleistungen bleiben anerkannt.

Kann es Engpässe bei Medizinprodukten geben?

Großbritannien ist ein wichtiger Produktionsstandort für Medizinprodukte. Das wird zum Problem: Vor allem Produkte wie Pflaster, Spritzen, Teststreifen etwa für Blutproben stehen in Deutschland und den anderen EU-Staaten womöglich erst mal nicht mehr ausreichend zur Verfügung, so eine Warnung der EU-Kommission. Denn viele Produkte verlieren durch den ungeregelten Brexit ihre Zulassung für den europäischen Markt.

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