Straßenwahlkampf der AfD in Jena: Szenen aus einer abgeriegelten Stadt

Jena  Wegen der AfD-Kundgebung mit bis zu 250 Anhängern und dem Gegenprotest mit bis zu 1000 Anhängern wurde Dienstagnachmittag die Jenaer Innenstadt abgeriegelt.

An der Bushaltestelle Löbdergraben hielt am Nachmittag nur die Polizei.

An der Bushaltestelle Löbdergraben hielt am Nachmittag nur die Polizei.

Foto: Thomas Beier

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Eine Kundgebung der AfD und massiver Gegenprotest haben die Jenaer Innenstadt gestern verändert: Auf den Straßen und Plätzen waren gefühlt mehr Polizisten unterwegs als Einwohner Jenas. Vielerorts gab es Gitter und Absperrungen. Viele Geschäfte und Gaststätten waren ­geschlossen.

Es gab diesen Moment, an dem nichts mehr zu hören war: Die Gegendemonstranten schrien und pfiffen, der AfD-Mann Stephan Brandner musste schreien, um überhaupt gehört zu werden, und über allem schwebte lautstark der Hubschrauber. Die Kundgebung der Alternative für Deutschland zählte nach Polizeiangaben zu Spitzenzeiten 250 Teilnehmer, ihnen gegenüber standen etwa 1000 Gegendemonstranten. Es blieb friedlich, wenngleich es zu kleineren Scharmützeln kam. So ermittelt die Polizei gegen einen AfD-Sympathisanten, der einen Journalisten von „Thüringen24“ attackierte. Neben Anzeigen wegen Verstoßes gegen das Versammlungsrecht sprach die Polizei 14 Platzverweise aus. Im Einsatz waren mehrere Hundert Beamte aus Thüringen, Sachsen und Niedersachsen. Vorsorglich waren zwei Wasserwerfer angefordert worden.

Zum Bericht von den Kundgebungen: Massiver Polizeieinsatz trennt AfD und Gegendemonstranten in Jena: Spitzenkandidatin redet später

Unter den Gegendemonstranten: Lothar König, Stadtjugendpfarrer von Jena. Nachdem der Transporter – genannt Lauti – seinen Weg auf den Löbdergraben einschlug, forderte König von den Gegendemonstranten lautstarken Einsatz. Manuel Vogel, verantwortlich für Öffentlichkeitsarbeit der JG Stadtmitte, erklärte: „Unsere Andacht an der Friedenskirche war eine gute Einstimmung für die AfD-Gegendemonstration. Diejenigen, die beten, und auch die, die hier lauter den Mund aufmachen, ziehen an einem Strang. Für den Rest sorgen unsere Lautsprecher.“ In der weniger lauten Ecke, vor der Absperrung am Teichgraben, schaute sich Jenas Bürgermeister Frank Schenker (CDU) das Treiben Richtung Holzmarkt zu beiden Seiten an: „Ich ziehe ja den stillen Protest vor, kann es aber nachvollziehen, wenn die jungen Menschen auf der linken Seite ihren Unmut äußern. Gegen die Verkehrseinschränkungen kann ich als Bürgermeister nichts mehr ausrichten, denn auch ich bin an Gesetzte zum Demonstrationsrecht gebunden. Ob ich die Demonstration akzeptiere, steht auf einem anderen Blatt.“

Jenas Stadtratsvorsitzender Jens Thomas (Linke) gehörte am Nachmittag zu den Beobachtern der polizeilichen Kundgebungsvorbereitungen. „Was hat sich in dieser Stadt bloß verändert, dass sich ein solch martialisches Bild den Menschen bietet“, fragte sich Jens Thomas. Er zeigte sich froh, dass sich den Parolen der AfD Widerspruch entgegenstellt. Aber ob dies tatsächlich einen Polizeieinsatz dieses Ausmaßes erforderlich machte, erschien ihm fraglich.

9 Anzeigen, 25 Platzverweise: AfD-Demo und Gegenaktionen in Jena aus Polizei-Sicht [Update]

Uhrmachermeister Karl-Heinz Eismann schloss am Nachmittag ebenfalls sein Geschäft. „Kunden rieten mir, ich solle mir den Umsatzausfall beim Finanzamt wiederholen“, berichtete er der Zeitung. Doch er ist erfahren genug, um zu wissen, dass dies nicht gelingen wird. Sohnemann Jens Eismann, der das Geschäft seit 2000 führt, staunte über die Parkordnung der Polizei am Engelplatz. Er war insgesamt aber froh über deren starke Präsenz. Die Sorge, dass Geschäfte und Gebäude in Mitleidenschaft genommen werden, äußerten gestern mehrere Händler.

Ursprünglich wollte die AfD auf dem Marktplatz ihre Kundgebung abhalten. Dieser Veranstaltungsort wurde aber von der Versammlungsbehörde nicht freigegeben, da dort bereits der Aufbau des Altstadtfestes begonnen hat. Wegen des Altstadtfestes stand gestern auch der Eichplatzparkplatz nicht zur Verfügung, weshalb viele Kunden die Innenstadt ab dem Nachmittag komplett mieden.

Nahezu gespenstische Ruhe gab es ab 15 Uhr in der Sparkassen-Hauptfiliale. Dort, wo bisweilen Gedränge an den Terminals und den Gesprächstresen herrscht, waren die Mitarbeiter weitestgehend unter sich. 16 Uhr machte auch die Sparkasse dicht. Der von außen nicht einsehbare Durchgang vom Florabrunnen zum Holzmarkt stellte aus Polizeisucht ein Sicherheitsrisiko dar. Einschränkungen gab es auch beim Jenaer Nahverkehr, wobei Fahrgäste wie Kerstin Rudowski dem Nahverkehr ein professionelles Krisenmanagement bescheinigten. Da die Haltestellen im Zentrum nicht angefahren werden können, gab es eine Trennung der Netzpläne in eine nördliche und eine südliche Hemisphäre und Laufwege, die ältere Bürger als lang empfanden.

Zur AfD-Demo in Jena: Thorsten Büker über ein vorgeschobenes Grundrecht

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Kommentare sind für diesen Artikel deaktiviert.