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Syrien-Krieg: Wie sich Trump und Erdogan duellieren

Washington.  US-Präsident Donald Trump fordert ein Ende der Offensive der Türkei in Syrien. Vom türkischen Präsidenten gibt es deutliche Antworten.

Mike Pence (r), Vizepräsident der USA, spricht mit Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Türkei, bei dem Treffen zur Syrien-Offensive im Präsidentenpalast.+

Mike Pence (r), Vizepräsident der USA, spricht mit Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Türkei, bei dem Treffen zur Syrien-Offensive im Präsidentenpalast.+

Foto: - / dpa

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Donald Trump und Recep Tayyip Erdogan: Der amerikanische Präsident und sein türkischer Amtskollege sind zwei politische Alphatiere, deren rüpelhafter Ton zu ihrem Markenzeichen geworden ist. Trump poltert, er werde die türkische Wirtschaft mit Sanktionen „zerstören“, sollte Erdogan Tausende Menschen in Nordsyrien „abschlachten“.

Der starke Mann in Ankara hat ebenso wenig Beißhemmung mit Blick auf Washington. Im Februar 2018 hatte er US-Truppen mit einer „osmanischen Ohrfeige“ gedroht, sollten sie sich türkischen Verbänden beim Kampf gegen kurdische YPG-Milizen in Nordsyrien in den Weg stellen.

Egozentrischer Herrschaftsstil, heftige Verbalattacken gegen Freund und Feind: Trump und Erdogan sind sich in vielen Dingen ähnlich. Es gibt einen gravierenden Unterschied. Der US-Präsident will die Rolle seines Landes als Weltpolizist ausknipsen. Die Beendigung der „langen Kriege“ war eines seiner zentralen Wahlversprechen.

Wie am Donnerstagabend bekannt wurde, scheint Trump zumindest einen Teilerfolg erzielt zu haben. So haben sich die Türkei und die USA auf eine Waffenruhe in Nordsyrien geeinigt.

Erdogan kämpft gegen ehemalige Verbündete der USA

Erdogan bekämpft jedoch in Nordsyrien gerade die kurdischen YPG-Einheiten, die bis vor Kurzem die wichtigste US-Speerspitze im Feldzug gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) waren. Der eine sucht die militärische Defensive, der andere die Offensive.

Beide Ansätze sind vor allem für das heimische Publikum gedacht. Trump steht innenpolitisch stark unter Druck; er wird selbst von den eigenen Republikanern dafür gerügt, die Kurden im Stich gelassen zu haben. Nach seinem Rückzug aus Nordsyrien versucht er nun, beizudrehen. Ein rhetorisch muskulöser Kurs gegen Erdogan soll seine Kritiker besänftigen. Er kann sich nicht leisten, die Zahl seiner Gegner im Verfahren um seine Amtsenthebung zu erhöhen.

Erdogan hingegen spielt in Nordsyrien die nationalistische und bellizistische Karte. Der Staatschef war vor wenigen Monaten politisch stark angeschlagen. Bei den Kommunalwahlen im Frühjahr verlor seine islamisch-konservative AKP wichtige Städte wie Ankara und Istanbul. Ehemalige Weggefährten kündigten die Neugründung einer Partei an. Die Wirtschaft lahmte, die Preise explodierten. Mit der Kampagne gegen die als „Terroristen“ bezeichneten Kurden-Milizen in Nordsyrien versucht Erdogan, seinen lädierten Nimbus aufzupolieren.

Türkei macht deutlich, dass sie Offensive in Syrien fortsetzt

Trumps Forderung nach einem Waffenstillstand in Nordsyrien wischt Erdogan daher vom Tisch. Beide Seiten arbeiten jedoch an einer politischen Inszenierung für die Galerie zu Hause. Am Donnerstag reisten der amerikanische Vizepräsident Mike Pence und Außenminister Mike Pompeo nach Ankara. Pence traf kurz nach seiner Ankunft zu einem bilateralen Gespräch mit Erdogan zusammen. Bereits vor den Unterredungen hatte die Türkei signalisiert, dass sie die Militäroffensive fortsetzen will.

Opposition kritisiert Haltung der Bundesregierung im Syrien-Konflikt

Trump kämpft derzeit nicht nur an der außenpolitischen, sondern auch an der Washingtoner Polit-Front. Was am 1000. Tag einer Land und Leute zunehmend erschöpfenden Präsidentschaft beim Aufeinandertreffen mit der Demokratin Nancy Pelosi vonstatten ging, wird wohl in die Geschichtsbücher eingehen. Erkennbar gepeinigt von einem anschwellenden Amtsenthebungsverfahren und den Nachbeben seiner Kurden-Entscheidung hat Donald Trump am Mittwoch dermaßen ausgekeilt, dass Pelosi sich am Ende um die Zurechnungsfähigkeit des ersten Mannes im Staat sorgte: „Ich glaube, wir müssen für seine Gesundheit beten.”

Ausgangspunkt war die bisher derbste Ohrfeige, die Trump zuvor im Kongress kassiert hatte. Das Repräsentantenhaus hatte den von ihm befehligten Abzug der US-Soldaten aus Nordsyrien, der den türkischen Militär-Einsatz gegen die Kurden-Milizen erst möglich machte, mit 354 zu 60 Stimmen als falsch verurteilt. Rund 130 Abgeordnete aus der von Trump wie ein Zuchtmeister dominierten republikanischen Partei haben ihrem Commander-in-Chief das Misstrauen ausgesprochen. Eine Premiere.

Donald Trump beleidigt Demokratin Nancy Pelosi

Mit dem Gefühl der Majestätsbeleidigung ging Trump später in ein Meeting mit den demokratischen Spitzen um Pelosi. Die Opposition wollte wissen, wie der Plan aussieht, ein von vielen Experten vermutetes Wiedererstarken des IS in Syrien zu verhindern. Trump, wie Fotos belegen, sichtlich erregt, warf den Demokraten vor, mit den „kommunistischen” Kurden zu sympathisieren.

Amerika gehe der Kampf zwischen Türken und Kurden und Syrern nichts an! Auf den Vorhalt der Demokraten, dass sein vor gut einem Jahr zurückgetretener r Verteidigungsminister James Mattis vehement für den Verbleib der Ordnungsmacht USA in Syrien plädiert hatte, blaffte Trump zurück, Mattis sei der „am meisten überschätzte General der Welt”.

Die Augenbrauen auf demokratischer Seite gingen noch höher, als Trump sich mit Selbstlob für einen Brief an Recep Tayyip Erdogan überschüttete, der in diplomatischen Kreisen als „beschämend” charakterisiert wird. Trump hatte den türkischen Präsidenten am 9. Oktober aufgefordert, auf das „Abschlachten Tausender Menschen” in Nordsyrien zu verzichten, weil er, Trump, sonst die türkische Wirtschaft „zerstören” werde. „Seien Sie kein harter Kerl. Seien Sie kein Narr!”, so Trump, „ich rufe Sie später an.”

USA- Eklat nach Trumps Treffen mit Demokraten

Pelosi warf Trump vor, durch seine Entscheidung Russland ein neues Entrée in Syrien verschafft zu haben. Trump nannte die 79-Jährige, formal die Nummer drei im Staat, eine „drittklassige Politikerin”. Darauf brach die demokratische Delegation die Unterredung ab, begleitet von Trumps Abschiedsgruß: „Wir sehen uns an den Wahlurnen.”

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