Kämpfe

Türkei: Erdogan führt Krieg im Schatten der Ukraine

Jan Jessen
| Lesedauer: 8 Minuten
Erdogan kündigt Fortsetzung von "Anti-Terror-Kampf" in Syrien an

Erdogan kündigt Fortsetzung von Anti-Terror-Kampf in Syrien an

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat bei einem Treffen mit den Staatschefs von Russland und dem Iran eine Fortsetzung des türkischen Militäreinsatzes in Syrien angekündigt. In einer gemeinsamen Erklärung verpflichteten sich die drei Länder dazu, "Terroristen" gemeinsam zu bekämpfen. POUR COMPLETER: VIDI32EX3CC_FR

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Zewasari.  Der türkische Präsident verschärft den Kampf gegen die PKK in den Nachbarländern. Unter den Opfern sind viele Zivilisten – und Kinder.

  • Seit dem 24. Februar richten sich alle auf den brutalen Angriffskrieg Russlands in der Ukraine
  • Doch im Schatten des Ukraine-Kriegs gibt es einen weiteren blutigen Konflikt
  • Geführt wird er vom türkischen Präsidenten Erdogan in Syrien

Auf dem Video, das wenige Augenblicke vor der Katastrophe gefilmt worden ist, sieht man Menschen in einem Bassin planschen, sie lachen. Es sind arabische Touristen, die aus der Gluthitze im Süden des Irak in die kurdischen Gebiete im Norden in die Sommerfrische gereist sind. Parakh nahe der türkischen Grenze ist ein beliebter Ferienort. Dann schlagen Geschosse ein. Neun Menschen sterben, fast zwei Dutzend werden zum Teil schwer verletzt.

Für den Angriff in der vergangenen Woche machen die kurdische Regionalregierung und die irakische Zentralregierung die türkische Armee verantwortlich. Die Toten und Verletzten von Parakh sind Opfer eines jahrzehntealten Konflikts, den der türkische Präsident Erdogan im Norden des Irak und im Norden Syriens im Schatten des Ukraine-Krieges wieder intensiviert hat.

Rund zwei Monate vor der Katastrophe von Parakh liegt Sipan Omar auf der Ma­tratze im kargen Wohnzimmer seiner Familie, in eine Wolldecke eingehüllt. Sein linker Ellenbogen ist bandagiert, unter dem Spiderman-Shirt klebt ein großes Pflaster auf der Brust des Achtjährigen. Der Kleine sieht müde aus, er schläft kaum noch. Es sind nicht die Schmerzen, die ihn wach halten, es sind die Bilder seiner toten Freunde Youssef und Avand, mit denen er Fußball spielte, als eine Rakete zwischen ihnen einschlug.

Türkei: Erdogans Armee und die PKK liefern sich blutige Gefechte

Zewasari im Landkreis Amedi liegt im Norden der kurdischen Autonomieregion im Irak. Die Landschaft ist atemberaubend schön. Es ist ein beliebtes Ausflugsziel. Auch hier sind wie im knapp 100 Kilometer weiter westlich gelegenen Parakh auf den Straßen viele Minibusse mit arabischen Touristen unterwegs.

Amedi ist aber auch eine Region, in der sich die kurdische Arbeiterpartei PKK und die türkische Armee immer wieder Gefechte liefern. Die PKK kämpft seit Jahrzehnten für mehr politische und kulturelle Rechte für Kurden, sie gilt in der Türkei und in vielen Ländern Europas als Terrororganisation, auch in Deutschland.

Ursprünglich in der Türkei beheimatet, hat sich die PKK bereits in den 90er-Jahren in die unwegsamen Gebirgsregionen im Nordirak zurückgezogen. Die türkische Armee attackiert dort deshalb immer wieder mit Luftangriffen oder mit Bodentruppen und hat mehrere Dutzend Militärstützpunkte in der Region errichtet.

Seit 2019 hat Ankara die Attacken mit mehreren größeren Militäroperationen intensiviert, zuletzt hat die türkische Armee Mitte April eine neue Angriffswelle gestartet. Die irakische Zentralregierung kritisiert diese Übergriffe gegen die staatliche Souveränität des Landes scharf.

Youssef (13) und Avand (11) wurden von den Geschossen getötet

Für die Menschen in der Region hat der Konflikt enorme Auswirkungen. Von den 391 Dörfern im Landkreis Amedi sind 191 nicht mehr bewohnt, erzählt Landrat Warshin Salman. Er macht dafür nicht nur die türkische Armee, sondern auch die PKK verantwortlich, die er als „Unruhestifter“ bezeichnet.

Seit 2016, sagt der Landrat, sind allein in Amedi 43 Zivilisten durch die Auseinandersetzungen ums Leben gekommen. In Zewasari trauern sie an diesem Tag um zwei von ihnen. Youssef, 13, und Avand, 11. In einem Rohbau sitzen die Männer der Kleinstadt auf Plastikstühlen, an der Stirnseite die beiden Väter der Jungen und Warshin Bawari, der Bürgermeister.

Die Kinder starben fünf Tage zuvor bei einem Picknick, zu dem sich die Angehörigen ihres Stammes 70 Kilometer von Zewasari entfernt versammelt hatten. 600 Menschen, die Stimmung war fröhlich. Dann fliegen Geschosse über die Menge. Eines explodiert inmitten der Feiernden.

Wer war dafür verantwortlich? PKK-nahe Medien behaupten, das Geschoss sei von einer türkischen Drohne abgefeuert worden. „Das war die PKK“, sagt dagegen Youssefs Vater. Der Bürgermeister glaubt das auch, er schränkt aber ein: „Und wenn sie es nicht war, dann war es die PKK, die die türkische Armee provoziert hat. Sie schießen einfach über Zivilisten. Warum tun sie das?“

„Hier sterben unschuldige Kinder“, sagt der Bürgermeister

Die Männer sind nicht nur traurig, sie sind wütend. Die türkische Armee habe nichts in Südkurdistan zu suchen, da waren sich alle einig. Genauso wenig wollen sie aber die PKK in Zewasari. Sie regen sich auf über die kurdische Regierung in Erbil und die irakische Regierung in Bagdad, die nichts unternähmen, um die Auseinandersetzungen in ihrer Region zu unterbinden. „Hier sterben unschuldige Kinder“, sagte der Bürgermeister.

„Mein Sohn hatte gerade sein Zeugnis bekommen. Ich bin nicht mehr dazu gekommen, ihm ein Geschenk zu kaufen“, sagt Youssefs Vater. Avands Vater kann nicht viel sagen. Er weint still.

Die kurdische Autonomieregion im Nordirak könnte bald mit noch größeren Herausforderungen konfrontiert sein. Auch im benachbarten Syrien hat die Türkei ihre Angriffe intensiviert. Dort hat ein Bündnis kurdischer, assyrischer und arabischer Gruppierungen in den vergangenen Jahren im Norden und Nordosten des Landes Selbstverwaltungsstrukturen aufgebaut, die von der Ideologie der PKK inspiriert sind.

Das Bild des inhaftierten PKK-Gründers Abdullah Öcalan ist überall zu sehen. Militärisches Rückgrat dieses Bündnisses sind die kurdischen Verteidigungseinheiten . Die beiden Milizen waren und sind die engsten Partner des Westens im Kampf gegen den sogenannten „Islamischen Staat“ (IS). Für die Türkei sind auch sie Terrorgruppen.

Die Türkei kooperiert mit islamistischen Gruppierungen

Bereits 2016, 2018 und 2019 hat die Türkei diese Selbstverwaltungsstrukturen angegriffen und Teile der Region besetzt. Auch diese Angriffe werden von Experten als völkerrechtswidrig eingestuft. In den besetzten Gebieten führt Ankara einen Bevölkerungsaustausch durch. Viele der früheren und zumeist kurdischen Einwohner sind geflohen, angesiedelt werden dort jetzt arabische Menschen aus anderen Teilen Syriens. Die Türkei kooperiert dabei mit islamistischen Gruppierungen, denen immer wieder Terror gegen die Zivilbevölkerung vorgeworfen wird.

Bereits Ende vergangenen Jahres hatte der türkische Präsident mit einem erneuten Angriff gedroht. Mit dem Beginn der Angriffe im Nordirak Mitte April nahmen auch die Attacken der türkischen Armee und ihrer Verbündeten in Nordostsyrien deutlich zu.

Am 23. Mai kündigte der türkische Präsident Erdogan schließlich eine neue Großoffensive im Norden Syriens an – um dort einen 30 Kilometer breiten „Sicherheitskorridor“ zu errichten. Bislang ist es dazu noch nicht gekommen. Die USA haben das Vorhaben mehrfach scharf kritisiert und Ankara vor neuen militärischen Abenteuern in der Region gewarnt. Jedoch hält der türkische Präsident an seinen Plänen fest und hat erst in der vergangenen Woche bei einem Besuch in Teheran in Gesprächen mit Russlands Präsident Wladimir Putin und dem iranischen Präsidenten Ebrahim Raisi Unterstützung eingefordert.

Bundesregierung übt vorsichtige Kritik am Nato-Bündnispartner

Nach der Attacke gegen die Touristen in Parakh hat die Türkei jede Verantwortung für das Massaker abgestritten. Jedoch kocht im Irak die Volksseele. In Bagdad und der Millionenstadt Mossul im Nordwesten kam es in den vergangenen Tagen zu wütenden Protesten gegen das türkische Vorgehen.

Auch die Bundesregierung übt erstmals vorsichtige Kritik am Nato-Bündnispartner: Der Bundesregierung sei bekannt, dass es „wiederholt auch zivile Opfer im Zuge der türkischen Militäroperationen im Nordirak“ gegeben habe, teilte das Auswärtige Amt auf Anfrage unserer Redaktion mit. Es sei jetzt an der Türkei, „Zweifel an der Rechtmäßigkeit ihres Handelns auszuräumen und die von ihr geltend gemachte Selbstverteidigungslage auch zu belegen“, heißt es aus dem Amt. Man erwarte seitens der Bundesregierung „den Schutz der Zivilbevölkerung und die Vermeidung ziviler Opfer“. Nach der Attacke am vergangenen Mittwoch zählen kurdische Medien mindestens zwei Dutzend weitere türkische Angriffe in der Region.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.