Meinungen

Organspende: Was geht vor – Ich oder die Gesellschaft?

Berlin.  Bei der Organspende geht es um Grundsatzfragen: Wie entscheidet man über den eigenen Körper? Ein Pro und Contra zur Widerspruchslösung.

Kommt die Widerspruchslösung bei der Organspende-Debatte?

Kommt die Widerspruchslösung bei der Organspende-Debatte?

Foto: Daniel Maurer / dpa

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Vor der wegweisenden Bundestags-Entscheidung zur Zukunft von Organspenden in Deutschland haben Abgeordnete für die beiden gegensätzlichen Vorstöße geworben. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und die Bundesärztekammer riefen angesichts von rund 9000 Schwerkranken auf den Wartelisten zu einer tiefgreifenden Umstellung auf.

Demnach soll künftig jeder als Spender gelten, wenn man nicht widerspricht. Patientenschützer und eine andere Abgeordnetengruppe, die einen Gegenvorschlag vorlegt, untermauerten Bedenken dagegen. Die Abstimmung ohne übliche Fraktionsvorgaben wird mit Spannung erwartet.

Die Debatte beschäftigt auch unsere Redaktion. Zwei Meinungen.

CONTRA: Mein Körper gehört nicht dem Staat, meint Kerstin Münstermann

Die Vorstellung, dass ein Familienmitglied oder auch man selbst verzweifelt und möglicherweise vergebens auf ein Spenderorgan wartet, ist grauenhaft. Organspende rettet Leben. Sein Herz, seine Niere, seine Gliedmaßen nach dem Tod weiterzugeben, ist Ausdruck von größter Mitmenschlichkeit. Es ist ein Geschenk der Nächstenliebe. Aber genau das muss es bleiben: ein Geschenk.

Unsere Verfassung schützt die „körperliche Unversehrtheit“ jedes Einzelnen. Ausgerechnet der Staat will sich nun das Recht sichern, Organe zu entnehmen, wenn der Einzelne nicht ausdrücklich widerspricht? Geist und Körper jedes Menschen gehören nur diesem selbst. Niemandem sonst.

Organspende- Die fünf verbreitetsten Irrtümer

Die Idee, dass man aktiv werden muss, damit der Staat sich den Körper nicht zu eigen macht, ist zutiefst verstörend. Befürworter der Widerspruchslösung wenden ein, dass man ja nur einmal ein Kreuzchen setzen muss, um nicht als Spender geführt zu werden.

Doch es bedeutet, dass man sich kümmern muss. Das wiederum heißt, sich mit dem Thema überhaupt auseinanderzusetzen. Denn Schweigen wird als Zustimmung zur Spende gewertet. Bei einer Angelegenheit, bei der es buchstäblich um Leben und Tod geht? Das darf nicht sein. Viele Bürger haben aus unterschiedlichen Gründen keinen Anteil am politischen Leben. Sie wissen möglicherweise gar nicht, was passiert, wenn sie sich nicht kümmern.

Sterben ist ein Prozess. Steht künftig neben dem Bett bereits das Ärzteteam? Weil man es versäumt hat, sich zu Lebzeiten mit dem Tod zu beschäftigen? Das darf nicht sein: Die Entscheidung, was nach dem Tod mit den eigenen Organen geschieht, gehört zur unveräußerlichen Selbstbestimmung jedes Menschen. Da darf der Staat nicht eingreifen.

Mitmenschlichkeit kann man nicht verordnen. Die Politik kann sie fördern. Massiv werben, Organspendern Vorrechte einräumen, ein Melderegister einrichten. Wer Organe spenden will, soll das tun. Unbedingt. Aus eigenem Antrieb und Überzeugung heraus. Darf mich der Staat zwangsweise zum Organspender machen, weil ich es versäumt habe, mich mit meinem eigenen Tod zu befassen? Klares Nein.

So kann eine Organspende Leben retten

PRO: Meine Entscheidung, die Menschen rettet, sagt Jörg Quoos

Manchmal muss eine Gesellschaft abwägen, zwischen dem Wohl des Einzelnen und dem Wohl aller. Es ist die vornehmste Aufgabe der Politik, solche Debatten anzustoßen. Was Jens Spahn zum Thema Organspende vor Monaten vorgeschlagen hat, steht jetzt nach intensiver Debatte zur Abstimmung. Die Abgeordneten können mit ihrem Votum Leben retten.

Denn mit der Widerspruchslösung gewinnt man sofort all diejenigen, die eine eigene Organspende im Prinzip befürworten, aber aus Bequemlichkeit oder Nachlässigkeit sich nie einen Ausweis besorgt haben oder ihn nicht mit sich führen.

Selbstverständlich muss niemand für das Spenden von Organen sein. Daher bliebe jedem Bürger bei der Neuregelung die Entscheidung überlassen. Aber wer behauptet, die bestehende Regelung reiche aus, geht in seiner Argumentation sprichwörtlich über Leichen. Ohne Not sterben jedes Jahr Patienten, die mit einem Spenderorgan hätten gerettet werden können.

Deutschland ist bei der Organspende eines der Schlusslichter Europas. 2017 fiel die Zahl der Spenden auf einen historischen Tiefstand. Alle acht Stunden stirbt laut Experten ein Patient auf der Warteliste, die allein in Deutschland 10.000 Namen umfasst. Das sind 10.000 Schicksale. 10.000 Familien, die um das Überleben des Vaters, der Mutter oder eines Kindes bangen.

Sie verzweifeln an der zurückgehenden Bereitschaft zu einer Organspende. Der Trend zur Ich-Gesellschaft hinterlässt damit auch in der Gesundheitsversorgung tiefe Spuren. Daher wäre eine Entscheidung für die Widerspruchslösung zutiefst sozial.

Es ist in Ordnung, wenn Abgeordnete aus eigener Überzeugung dagegen stimmen. Aber sie müssen sich darüber im Klaren sein, dass Tausende dem Tod geweihte Menschen dann nicht gerettet werden können. Daher könnte die Tragweite der heutigen Entscheidung im Bundestag nicht größer sein. Und was wäre so schlimm daran, wenn wir ein Verfahren einführen, das bei unseren Nachbarn in Frankreich, Österreich, Polen, Tschechien und den Niederlanden funktioniert und schon unzähligen Menschen das Leben gerettet hat?

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