Zwei Warn- und drei gezielte Schüsse: Der verhängnisvolle Grenzgang von Benito Corghi am Übergang Hirschberg

Hirschberg  Am 5. August 1976 wurde der italienische Lastwagenfahrer Benito Corghi am Grenzübergang Hirschberg von Grenzsoldaten der DDR erschossen, als er zurückgelassene veterinärmedizinische Unterlagen abholen wollte. Heute der 3. und letzte Teil zu den Ereignissen.

Benito Corghi. Foto: BStU

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Die PCI-Provinzleitung beauftragte die kommunistischen Abgeordneten von Reggio und den Senator, Genosse Alessandro Carri, in Übereinstimmung mit den nationalen Leitungsorganen der Partei, bei der Botschaft der DDR in Italien „unsere ganze Bestürzung und unseren energischen Protest zum Ausdruck zu bringen“. Am Ende versicherte die Provinzleitung der PCI, die Familie Corghi könne ihrer vollen Solidarität gewiss sein und verpflichtet sich, ,,sie in dieser schweren Stunde nicht allein zu lassen‘‘.

Die kommunistischen Abgeordneten im italienischen Parlament Calamandrei, Carri und Bonazzo richteten eine Anfrage an das Außenministerium, in der es hieß, ,,dass von der ersten Meldung an der Waffengebrauch unerklärlich ist‘‘. Sie wollten wissen, welche Schritte die Regierung unternommen hat, ,,wie sie den Protest und die Bestürzung Italiens zum Ausdruck bringt‘‘.

Der Korrespondent der DDR-Nachrichtenagentur ADN in Rom berichtete des Weiteren äußerst besorgt nach Ost-Berlin, ,,La Unita‘‘ habe in gleicher Großaufmachung neben dem Fall Corghi auch ,,gegen die Ermordung eines italienischen Arbeiters in Chile protestiert‘‘.

Was war geschehen? In der ersten ausführlichen MfS-Information über ,,eine unter Anwendung der Schusswaffe am 5. August 1976 erfolgte Festnahme eines Grenzverletzers an der Staatsgrenze zur BRD‘‘ hieß es, Corghi sei ,,circa 650 Meter von der Staatsgrenze zur BRD entfernt – nach Anwendung der Schusswaffe durch einen Sicherungsposten der Grenztruppen der DDR...verletzt festgenommen worden‘‘. Er habe eine Schusswunde am rechten Schulterblatt und in der linken Schulter in Halsnähe gehabt. Es könne sich ,,nach dem ersten vorläufigen gerichtsmedizinischen Gutachten‘‘ um einen Durchschuss handeln.

Erste Untersuchungen hätten ergeben, dass sich die Person um 3.40 Uhr auf der Autobahn zu Fuß dem 700 Meter von der Staatsgrenze eingesetzten Sicherungsposten genähert habe. Durch den Sicherungsposten wurde, „da die GÜSt nur für den Fahrzeugverkehr zugelassen ist, der für diesen Bereich verantwortliche diensthabende Offizier des Kommandanten verständigt, der seinerseits Maßnahmen zur Festnahme der zu diesem Zeitpunkt noch unbekannten Person einleitete. Dabei wurde zunächst die Ampelanlage, die auf der von der Grenzübergangsstelle Hirschberg befindlichen Autobahnbrücke installiert ist, auf Rot geschaltet, um bei der Durchführung der Festnahme jeglichen Fahrzeugverkehr zu unterbinden.“

Laut Bericht nur eine Hand erhoben

Als „der Grenzverletzer...mehrfach zum Stehenbleiben und zum Erheben der Hände aufgefordert‘‘ wurde, habe er „jedoch nur eine Hand“ erhoben. „In der anderen Hand hielt er einen zunächst nicht identifizierten Gegenstand, bei dem es sich nach späterer Feststellung um eine Tasche mit Reisepass, Kfz-Papieren, DDR-Interkon­trollwarenbegleitschein und anderen Begleitpapieren, Abforderungsscheinen für Fleischtransporte des VEB Deutrans, ,Währungsfaktura‘, Internationale Versicherungskarte usw. gehandelt hat.“ Die Sicht der Posten sei durch Nebel behindert gewesen. Als die Person zu flüchten versuchte, habe der Sicherungsposten „zwei Warnschüsse und danach drei gezielte Schüsse“ abgegeben. Die Festnahme und Bergung des Verletzten und noch im Handlungsraum (Gebäude der Sicherungskompanie) verstorbenen italienischen Staatsbürgers konnte von anderen Reisenden nicht beobachtet werden. Nach der Bergung wurde die Rotschaltung der Ampelanlage auf der Grenzbrücke aufgehoben.

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