Manches wussten Menschen lange, bevor es Daten dazu gab: Musik kann beruhigen. Eine Kunstausstellung kann den Kopf freimachen. Ein gutes Buch eine Woche retten. Nun liefert eine Studie diesem Bauchgefühl eine wissenschaftliche Spur: Sie deutet darauf hin, dass Kunst und Kultur nicht nur die Stimmung verändern, sondern möglicherweise auch Spuren im Körper hinterlassen.

Jeden 2. Sonntag
Ein FUNKE Liebe
Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Forschende des University College London haben untersucht, ob Menschen, die regelmäßig mit Kunst und Kultur in Berührung kommen, biologisch langsamer altern. Gemeint sind damit nicht nur Museumsbesuche, Konzertabende oder Theaterkarten, sondern auch Lesen, Musikhören und eigene kreative Tätigkeiten.

Longevity: Forscher untersuchen, wie Kunst und Kultur das biologische Alter hemmen
Veröffentlicht wurde die Untersuchung im Fachjournal „Innovation in Aging“. Die Daten stammen von 3556 Erwachsenen aus Großbritannien. Die Forschenden erfassten unter anderem Lesegewohnheiten, Konzert- und Museumsbesuche, Musikhören sowie weitere künstlerische Aktivitäten. Zusätzlich werteten sie Blutproben der Teilnehmenden aus.
Entscheidend war dabei nicht das Alter im Pass, sondern das biologische Alter. Denn der Körper hält sich nicht immer an das Geburtsdatum: Zwei Menschen können gleich alt sein und trotzdem in sehr unterschiedlichem Tempo altern.
Lesen Sie auch
Biologisches Alter messen: Was epigenetische Uhren zeigen
Um dieses biologische Alter zu bestimmen, nutzte das Forschungsteam sogenannte epigenetische Uhren. Darunter kann man sich ein Messverfahren vorstellen, das bestimmte chemische Veränderungen an der DNA untersucht. Die DNA ist der Bauplan unseres Körpers. An ihr können im Laufe des Lebens kleine chemische Markierungen entstehen. Sie beeinflussen, welche Gene eher aktiv sind und welche weniger. Diese Muster verändern sich mit den Jahren und gelten deshalb als wichtige Hinweise darauf, wie stark ein Körper biologisch gealtert ist.
In der Studie wurden sieben solcher Messverfahren eingesetzt. Besonders wichtig waren zwei neuere Modelle namens DunedinPoAm und DunedinPACE. Sie sollen nicht nur erfassen, wie alt ein Körper biologisch wirkt, sondern auch, mit welchem Tempo er altert.
Auch interessant
Kultur gegen Alterung: Was die Forschenden herausgefunden haben
Nach der Messung wurde sichtbar, wie stark kulturelle Teilhabe mit dem biologischen Alter zusammenhing. Wer mindestens dreimal im Jahr an kulturellen oder künstlerischen Aktivitäten teilnahm, alterte nach dem DunedinPACE-Modell im Schnitt rund zwei Prozent langsamer als Personen, die dies seltener taten. Wer monatlich Kultur erlebte oder selbst künstlerisch aktiv war, kam auf drei Prozent. Bei wöchentlicher kultureller Aktivität lag der Unterschied bei rund vier Prozent.
Vier Prozent klingen zunächst unspektakulär. Doch die Studienautorinnen und -autoren ordnen den Befund als durchaus relevant ein. Der Unterschied sei ähnlich groß wie jener, der in früheren Untersuchungen zwischen Menschen beobachtet wurde, die aktuell rauchen, und solchen, die das Rauchen aufgegeben haben.
Auch ein weiteres Messverfahren, PhenoAge, zeigte einen Zusammenhang: Menschen, die wöchentlich Kulturangebote nutzten oder künstlerisch aktiv waren, wirkten biologisch im Durchschnitt etwa ein Jahr jünger als jene, die nur selten mit Kunst und Kultur in Berührung kamen. Zum Vergleich: Wöchentlicher Sport war in dieser Analyse mit gut einem halben Jahr jüngerem biologischen Alter verbunden.
Das bedeutet nicht, dass ein Museumsbesuch den Sport ersetzt. Bewegung bleibt eine der am besten belegten Maßnahmen für ein gesundes Leben. Aber die Studie verschiebt den Blick: Kultur erscheint hier nicht nur als Erholung, Bildung oder Unterhaltung. Sie könnte auch ein Gesundheitsfaktor sein.
Mehr zum Thema Anti-Aging
- Was hilft gegen Falten? Hautärzte geben Tipps
- Hyaluronsäure: Wie kann man Falten am besten behandeln?
- Botox: Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Nervengift
- Botox oder Hyaluron – was ist besser? Das sagt der Experte
- Kollagen: Statt Pulver und Kapseln – das regt die Kollagenbildung an
Gesundheit: Warum Musik, Lesen und Kultur den Körper beeinflussen können
Damit stellt sich die entscheidende Frage: Warum sollte etwas, das wir als geistiges oder emotionales Erlebnis wahrnehmen, im Körper messbar werden? Die Antwort liegt der Studie zufolge vermutlich darin, dass kulturelle Erfahrungen selten nur im Kopf stattfinden. Kunst und Kultur enthalten demnach mehrere „aktive Zutaten“: soziale Begegnung, geistige Anregung, sinnliche Reize und Kreativität.
Auch Musik könnte dabei eine besondere Rolle spielen. Die Forschenden verweisen auf frühere experimentelle Studien, nach denen Musikhören im Vergleich zu Entspannung bestimmte Gene beeinflussen kann. Diese Gene stehen unter anderem mit Dopamin-Aktivität, der Funktion von Nervenzellverbindungen und der Bildung neuer Nervenzellen in Verbindung. Dopamin wird oft mit Glücksgefühlen verbunden, spielt aber auch eine Rolle für Motivation, Antrieb und Stressverarbeitung.
Auch interessant
Gesund altern: Warum Kultur besonders ab 40 Jahren wichtig sein könnte
Die Studienautorinnen Feifei Bu und Daisy Fancourt deuten die Ergebnisse als weiteren Hinweis darauf, Kunst und Kultur als gesundheitsförderndes Verhalten ernst zu nehmen – ähnlich wie Bewegung, Schlaf oder soziale Kontakte. Besonders deutlich zeigte sich der Zusammenhang bei Menschen ab 40 Jahren. Warum das so ist, lässt die Studie offen. Plausibel ist jedoch, dass kulturelle Erfahrungen gerade in einer Lebensphase wichtig werden, in der beruflicher Druck, gesundheitliche Fragen oder familiäre Verantwortung zunehmen können. Kultur kann dann mehr sein als Ablenkung. Sie kann ein Gegengewicht bilden.
Wichtig ist aber: Die Studie zeigt einen Zusammenhang, keinen endgültigen Beweis für Ursache und Wirkung. Sie kann also nicht sicher sagen, dass Kultur allein Menschen langsamer altern lässt. Denn wer regelmäßig ins Konzert geht, liest oder Ausstellungen besucht, unterscheidet sich möglicherweise auch in anderen Lebensbereichen von Menschen, die das selten tun.
Genau deshalb haben die Forschenden mehrere bekannte Einflussfaktoren statistisch berücksichtigt, darunter Einkommen, Bildung, Rauchen und Body-Mass-Index. Der Zusammenhang zwischen kultureller Teilhabe und langsamerem biologischen Altern blieb dennoch bestehen. Das macht den Befund belastbarer – auch wenn offen bleibt, welche Mechanismen am Ende tatsächlich entscheidend sind.









