Leben auf dem Land ist nicht immer idyllisch

Osthausen  Bei einem Ortsgespräch in Osthausen benennen regionale Akteure die Probleme, die mit Hilfe der Politik behoben werden könnten.

Was läuft gut auf dem Land? Wo gibt es Nachholebedarf? Um diese Fragen ging es am Mittwochabend beim Ortsgespräch mit Ministerin Birgit Keller (Linke, Bildmitte) in Osthausen.

Was läuft gut auf dem Land? Wo gibt es Nachholebedarf? Um diese Fragen ging es am Mittwochabend beim Ortsgespräch mit Ministerin Birgit Keller (Linke, Bildmitte) in Osthausen.

Foto: Britt Mandler

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Ein wenig nervös wirkt Klaus Kolodziej (CDU), der Bürgermeister von Osthausen und Wülfershausen. Der Politiker steht mit beiden Beinen sicher im Leben. Doch gibt es auch für ihn nicht alltägliche Situationen. Ministerbesuche etwa. Dabei hatten Kolodziej und der Gemeinderat sich extra darum beworben, dass Infrastrukturministerin Birgit Keller (Linke) mit ihrem Team nach Osthausen kommt.

Nun steht sie hier, auf dem Dorfanger, und lässt sich eine Bratwurst schmecken. Anschließend geht es zum Ortsgespräch. Neu ist die Veranstaltung nicht, verrät die Ministerin. Im vergangenen Jahr fanden vier solcher Gespräche statt – in Kommunen, die ihr von ihren Mitarbeitern vorgeschlagen wurden. Ziel sei es, direkt vor Ort zu erfahren, wo der Schuh drückt. Und zwar nicht in der Stadt, sondern auf dem Land. In Dörfern, die sich mitunter abgehängt fühlen.

Es müssen mehr als vier Gespräche sein

Aus den Gesprächen im vergangenen Jahr habe sie wichtige Impulse für die Fachabteilungen des Ministeriums mitgenommen, so Keller. Zudem sei die Entscheidung gefallen, es nicht bei vier Ortsgesprächen zu belassen. Vielmehr sollten diese 2019 fortgesetzt werden – in Dörfern, die sich dafür bewerben. „Da machen wir mit!“, befand der Gemeinderat von Osthausen-Wülfershausen. Und trug so gute Argumente zusammen, dass die Ministerin tatsächlich zusagte.

Nun also nimmt sie im Saal auf einer Gartenbank Platz. „Ich bin nicht gekommen, um viel zu reden. Ich will zuhören“, signalisiert sie. Und gibt das Mikrofon weiter. Der Bürgermeister macht den Auftakt. „Wir im ländlichen Raum haben Vorteile, aber auch Probleme“, wagt Kolodziej den Auftakt. Osthausen und Wülfershausen seien wie die anderen Orte der Verwaltungsgemeinschaft Riechheimer Berg gut gelegen. Das lockt junge Familien an, die im Umfeld arbeiten. Die Gemeinden, sagt Kolodziej, sind teils schon seit Jahrhunderten selbstständig und wollen dies auch bleiben. Doch das werde ihnen zunehmend schwerer gemacht, da der Geldhahn vom Land immer weiter zugedreht werde. Rudolf Neubig, sein Amtskollege aus Riechheim, berichtet von denselben Problemen.

Endloses Warten auf Antwort aus Erfurt

Diana Machalett, die Vorsitzende der Verwaltungsgemeinschaft, spricht die Ministerin auf das wichtigste Vorhaben der Osthäuser an: Sie wollen ihren Kindergarten erweitern. Die Gemeinde Witzleben beteiligt sich finanziell daran, doch können beide Kommunen das Projekt nur mit Fördermitteln stemmen. Doch warte man noch immer auf eine Zusage. Die konnte am Mittwoch noch nicht gegeben werden. Das Infrastrukturministerium befürwortet das Osthäuser Projekt zwar, die Fördermittel kommen aber vom Bund, und da fällt erst in den nächsten Tagen eine Entscheidung. In der Regel richte sich der Bund aber nach den Empfehlungen des Landes, so eine Mitarbeiterin. Schulleiterin Sandra Linß kritisierte ebenso wie eine Anwohnerin aus Wülfershausen und Ralf Gumpert, Chef der Agrargenossenschaft Bösleben, die nur langsam voranschreitende Digitalisierung. Die werde aber immer wichtiger – für das Lernen, für Privatleute, für den Beruf.

Gumpert betont zudem, dass es seinem Betrieb kaum möglich sei, regionale Kreisläufe darzustellen. Zwar wachse auf hiesigen Feldern Futter für das Vieh. Das müsse aber 130 Kilometer bis zum Schlachthof gefahren werden. „Hier ist die Politik gefragt“, so seine Forderung. Auch Gumpert erhielt eine Antwort: Es gebe Gespräche mit der Innung, vor Ort wieder Schlachtmöglichkeiten zu schaffen.

Ex-Landrat Lutz-Rainer Senglaub brachte die Bitte hervor, auch in Zukunft von einer Kreisreform abzusehen. Erfahrungen in Nachbarbundesländern hätten gezeigt, dass das kein Einsparpotenzial schafft.

Ralf Gumpert brachte es schließlich auf den Punkt: „Der ländliche Raum ist nur so stark wie die Akteure, die ihn gestalten.“ Hier sei mitunter aber eine stärkere Förderung des Landes nötig, als es derzeit der Fall ist.

Was Menschen im ländlichen Raum umtreibt

Die Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr ist oft nicht ausreichend, um ohne Auto einkaufen oder zum Arzt fahren zu können.

Bemängelt werden zudem Funklöcher und zu geringe Geschwindigkeiten beim Internetempfang. Das macht insbesondere Unternehmen das Leben schwer, auch das Arbeiten von Zuhause aus ist so nur eingeschränkt möglich.

Landwirte beklagen, dass es ihnen nur schwer möglich ist, regionale Kreisläufe zu schaffen. Zwar wächst hier Futter, um die eigenen Tiere zu mästen, der nächste Schlachthof liegt aber 130 Kilometer entfernt, so dass lange Fahrtstrecken anfallen, um in der Region heimische Produkte anbieten zu können.

Wichtig ist den Kommunen der Erhalt ihrer Selbstständigkeit. Sie fordern vom Land, zur Verfügung stehende Gelder gerecht zu verteilen.

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