Erfurt. Vor zehn Jahren wurde die restaurierte Alte Synagoge in Erfurt als Museum eröffnet. Zum Jubiläum gibt es am Samstag eine Nacht voller Veranstaltungen.

925 Jahre. Auf dieses Alter datieren Wissenschaftler die Holzbalken in den ältesten Mauerresten. Sie wurde umgebaut, erweitert, aufgestockt. Um 1250 entstand die Fassade mit dem markanten Rosettenfenster. Die Synagoge war das Herz einer blühenden jüdischen Gemeinde im mittelalterlichen Erfurt. Bis zu jenem Märztag 1349, als der Mob die jüdischen Nachbarn erschlug, sie in den Feuertod trieb, die wenigen Überlebenden aus der Stadt trieb.

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Die neuen Besitzer nutzten die Synagoge als Lagerhaus, zogen Holzdecken ein, brachen Wände für Toreinfahrten auf. Dann wurde sie Wirtshaus. Hier floss Bier, im Obergeschoss, unter prunkvoller Empore, tanzten sie Polonaise, im Keller rollten Bowlingkugeln. Dass dies einst ein geweihter Ort war, wusste da schon niemand mehr. Dieses Vergessen war auch ihr Schutz, sie überdauerte die Zeitläufe im Verborgenen.

Jahresringe der Stadt

Eingang zur Alten Synagoge, die an diesem Wochenende Geburtstag feiert.
Eingang zur Alten Synagoge, die an diesem Wochenende Geburtstag feiert. © Sascha Fromm

Bis vor mehr als 30 Jahren die Denkmalschützerin Rosita Petersheim unter den steinernen Häuten die einstige Synagoge erkannte. Es war eine behutsame Sanierung. Sie gab dem Ort seine Würde zurück, ohne die Brüche und Narben der Zeit verschwinden zu lassen. Auch das macht seine Aura heute aus. Jahresringe der Stadt. In das Kellergeschoss zog der Schatz ein, den ein jüdischer Kaufmann, sehr wahrscheinlich hieß er Kalman von Wiehe, ganz in der Nähe unter einer Kellertür vergrub, das drohende Pogrom ahnend. Die Alte Synagoge wurde zu einem Ort, der erinnert, dass es vor mehr als 900 Jahren ein reiches jüdisches Leben in dieser Stadt gab. Und was sie sich selbst genommen hat, als sie für Jahrhunderte die letzten Juden vertrieb.

Teile des Schatzes waren schon in New York zu sehen, in Paris, in London. Er hat auch den Ort bekannt gemacht, an dem er heute aufbewahrt wird. Und es geht immer weiter, bemerkt Maria Stürzebecher, Kuratorin und Beauftragte für das Unesco-Welterbe der Stadt. Die Forschungen am jüdischen Erbe bringen immer mehr Erkenntnisse zutage. Manchmal sind es winzige Details. Der kunstvolle Silberschlüssel aus dem vergrabenen Schatz zum Beispiel. Wofür wurde er verwendet? Als Schmuckstück getragen, um Hab und Gut auch am Shabbat zu schützen, wenn jegliche Arbeit ruhen musste? Eine israelische Kollegin vermutet das. Puzzlestücke eines längst verwehten Alltags. Wer fertigte überhaupt all den Schmuck an? Wer die Inschriften auf den Grabsteinen? Was, fragt Maria Stürzebecher, kann man herausfinden über jüdische Handwerker im mittelalterlichen Erfurt? Viele Schriftquellen aus dem Stadtarchiv sind noch nicht erschlossen, immer wieder spülen Bauarbeiten alte jüdische Grabsteine an die Oberfläche. Und wer weiß, bemerkt die Kuratorin, worauf wir noch stoßen. Sie jedenfalls, traue dieser Stadt noch einiges zu.

Stadt bemüht sich um den Welterbetitel

Die Alte Synagoge, die älteste, bis zum Dach erhaltene Synagoge in Mitteleuropa, ist das Herzstück, mit dem sich die Stadt mit ihrem mittelalterlichen jüdischen Erbe um den Welterbetitel bemüht. Im Februar 2021, so Maria Stürzebecher, wird der Antrag in Paris eingereicht. Eine aufwendige detaillierte Dokumentation, an der die Fachleute derzeit arbeiten. Anderthalb Jahre hat dann die Unesco-Beraterorganisation Icomos Zeit, um den Antrag zu prüfen. Im Sommer 2022 tagt die Kommission, dann wird die Entscheidung fallen. Dieser Ort der Vergangenheit ist ein Ort der Zukunft.

Ein Teil des rund 700 Einzelstücke umfassenden jüdischen Schatzes von Erfurt.
Ein Teil des rund 700 Einzelstücke umfassenden jüdischen Schatzes von Erfurt. © Sascha Fromm

Besucher treffen am Eingang Vera Barabaner. Sie arbeitet in der Alten Synagoge, empfängt Gäste, beantwortet Fragen. Sie gehört zur Jüdischen Gemeinde der Stadt, kam vor 13 Jahren aus Weißrussland. Manchmal, bevor die ersten Besucher kommen, betritt sie den Raum im Erdgeschoss, gibt sich seiner Stille hin. Versucht sich vorzustellen, wie sie hier ihre Gebete sprachen, wie der Kantor sang, wie das Licht in den Öllampen flackerte. Dieser Ort, spürt sie dann, hat auch mit ihr zu tun. Ein Band durch die Jahrhunderte.

Es gibt Menschen in dieser Stadt, für die ist die Alte Synagoge auch ein Ort der Vergewisserung.

Eine ganze Nacht lang Geburtstagsfeier

Am morgigen Samstag feiert die Alte Synagoge Erfurt ihr zehnjähriges museales Bestehen mit einer Nacht voller Veranstaltungen. Geöffnet ist sie ab 17 Uhr, Kinder erwartet ein spezielles Programm.

Nach einem Festakt gibt es Konzerte unter anderem mit sephardischen Liedern, eine Podiumsdiskussion über jüdische Gegenwart und Zukunft, Führungen, ein Theaterstück. Dani Levys Film „Alles auf Zucker“ wird gezeigt. Gegen 21.30 Uhr wird eine Ausstellung mit Fotografien von Marcel Krummrich und Ulrich Kneise, die das mittelalterliche Erbe aus neuen Perspektiven zeigen, eröffnet. Am Morgen wird zu einer Andacht mit Rabbiner Alexander Nachama geladen.

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