Erfurts größter Arbeitgeber hat zunehmend Probleme, leere Stellen neu zu besetzen: Es mangelt vor allem an Ärzten, Bauingenieuren und Erziehern, die in der Erfurter Stadtverwaltung und deren Eigenbetrieben arbeiten möchten. Aktuell sind 650 Stellen nicht besetzt, wie Marcus Cizek zusammengerechnet hat. Einbezogen hat der amtierende Personalchef im Rathaus die städtischen Eigenbetriebe von Entwässerung bis Zoo, nur für das Theater Erfurt gibt es eine gesonderte Rechnung. Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD) spricht von einer „verheerenden Lage auf dem Arbeitsmarkt“.
Neue Wege der Mitarbeiterwerbung
Zuletzt war es der städtische Ordnungsdienst, der tanzend mit einem Video um neue Kolleginnen und Kollegen und für das positives Image einer Beschäftigung in der Verwaltung warb. Durchaus mit einem gut-geklickten Achtungserfolg, wie Stadtsprecher Henry Köhlert sagt. Schlagzeilen negativer Natur aber machte die Stadt mit der eiligen Entlassung ihrer Gleichstellungsbeauftragten oder damit, dass eine Position wie die des Kulturdirektors erst nach dreimaligen Anlauf besetzt werden konnte. Dass sogar der Personalamtsleiter das Prädikat „kommissarisch“ trägt und dies bereits seit Monaten, ist zudem keine wirkliche Werbebotschaft: Zu seiner, wie etlichen weiteren Führungspositonen im Rathaus, die schon lange unbesetzt sind, gibt es eine Konkurrentenklage.
Am Chef des Hauses, also an ihm, läge es jedenfalls nicht, betont Oberbürgermeister Andreas Bausewein. Er sei stolz darauf, dass sich 82 Prozent der etwa 3500 Stadtbeschäftigten sehr zufrieden oder zufrieden mit ihrem Job zeigten – so habe eine Umfrage aus 2023 innerhalb der Verwaltung ergeben. „Das sind Quoten, die woanders eher selten sind“, sagt Bausewein. Damit könne man werben: „Für eine Verwaltung haben wir kein schlechtes Image.“
An Tarife und gesetzlichen Rahmen gebunden
Allerdings wisse auch er, dass es im Vergleich zur „freien Wirtschaft“ dem Rathaus an finanzieller Magnetwirkung fehlt. In bestimmten Branchen sei die Stadtverwaltung bei Gehältern nicht mehr konkurrenzfähig. Was im öffentlichen Dienst gezahlt werde nach allen Tarifordnungen, rechtlich möglichen Einstufungen und Zuschlägen, erreiche in manchen Bereichen keinesfalls das Niveau, das „in Unternehmen da draußen“ üblich sei. Einfach die Gehälter zu erhöhen, sei angesichts gesetzlicher Rahmen nicht machbar: „Das bedeutet rasch eine Untreueanzeige – und die will ich nicht haben“, sagt Bausewein.
Doch wie kann die Stadtverwaltung punkten? „Wir arbeiten an den weichen Faktoren“, sagt er. So werde derzeit geprüft, ob es sinnvoll wäre, dass die Stadt einen Betriebskindergarten einrichten und so insbesondere jungen Familien eine Perspektive bieten sollte. Für die Stadtordnungskräfte steht Betriebssport auf dem Plan. Längst schon würden an vielen Stellen Möglichkeiten geboten, die Verwaltungsarbeit im Homeoffice zu erledigen. Flexible Arbeitszeiten seien gang und gäbe.
Verkürzte Wochenenarbeitszeit ist inzwischen die Regel
Hätten früher Mitarbeiter wenige Jahre vor dem Ruhestand eine Reduzierung ihrer Wochenstunden gewünscht und die Arbeitsbelastung gesenkt, so seien dies inzwischen immer mehr junge Menschen und Neueinsteiger, die auf diese Weise ihre Work-Life-Balance austarieren würden, so Bausewein. 30 Wochenarbeitsstunden seien mittlerweile die Regel und nicht mehr die Ausnahme.
Die meisten offenen Stellen gebe es im Bürgeramt, das Amt für Gebäudemanagement folgt auf Platz 2, den Bronzeplatz hat das Amt für Soziales.
Einige Positionen sind „dauerausgeschrieben“
Dass 650 Stellen unbesetzt und aktuell gerade einmal zwei Dutzend Stellen in der städtischen Stellenbörse unter www.erfurt.de ausgeschrieben sind, sei kein Widerspruch: 50 bis 60 Stellen befänden sich intern in der Ausschreibung, so Cizek, andere würden sich nicht auf Einzelbewerber beziehen, sondern seien gerade bei Ärzten, Bauingenieuren und Erziehern gewissermaßen „Dauerausschreibungen“, die nicht gelöscht würden, wenn eine Stelle in diesem Bereich besetzt werde.
Dabei würden Ausschreibungen inzwischen „offener“ gefasst, es werde nicht mehr die „Eierlegende Wollmilchsau“ gesucht, um Stellen besetzen zu können. Was interne Ausschreibungen angeht, sei die Bereitschaft, Führungspositionen und mehr Verantwortung bei nur geringem Mehrverdienst zu übernehmen, in den letzten Jahren gesunken, hat Cizek festgetellt.

Immer mehr übertragene Aufgabenfelder
Eine weitere Stellschraube, um Leerstellen in der Verwaltung zu besetzen, sei die Ausbildung in der Stadtverwaltung. 72 Azubis sind im Vorjahr angetreten in unterschiedlichsten Bereichen der Verwaltung. Das sei viel – reiche aber längst nicht, um vom Land oder Bund übertragene Aufgaben erfüllen zu können, ob es sich dabei um Wohngeldbelange oder aber den Bereich Ausländerbehörde handelt. 85 Stellen sind in letzterer unbesetzt. Große Fluktuation und Personalbedarf gebe es aber auch in der Verkehrsüberwachung und Ordnungsbehörde.
Während das zu immensen Wartezeiten für ein Einbürgerungsgespräch oder seltener Knöllchen-Verteilung und Kontrollen in äußeren Stadtteilen führt, kann beispielsweise eine Erzieherin in einem der 16 städtischen Kindergärten die ihr anvertrauten Kinder nicht auf später vertrösten oder ihr Revier bei Ausfall oder Fehlen von Kolleginnen kleiner fassen. „Hier stehen die Kinder jeden Tag vor der Tür“, sagt Bausewein. Folge sind: hier werden die meisten Überlastungsanzeigen geschrieben, so Cizek. 193 liegen im Personalamt in Summe derzeit vor –104 davon aus dem Jugendamt, der Großteil mit 67 sind besagte Erzieherinnen und Erzieher in Kitas. Alle würden ernst genommen, seien in der Anzahl angesichts der Größe des Unternehmens Stadtverwaltung aber trotzalledem „nicht dramatisch“ zu nennen.
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