Erinnerungen an die Steigerbrauerei (Teil 2): Nur Pferdekutscher lieferten in der Stadt aus

Erfurt  In der Familienchronik der Gebrüder Treitschke geblättert.

Dieses Gruppenbild zeigt lediglich die Mitarbeiter der Böttcherei

Dieses Gruppenbild zeigt lediglich die Mitarbeiter der Böttcherei

Foto: Hartmut Schwarz

In der Treitschke-Familienchronik wird der Werdegang, die Entwicklung der Steigerbrauerei, kaum dokumentiert. Dafür zeigt diese noch andere Seiten im Unternehmen. Zum Beispiel das Hobby des Brauerei-Erbauers. Friedrich Treitschke war Hobby-Meteorologe.

Am Sommersitz in Hochheim (heute Standort der Lebenshilfe) hat er für die Wetterbeobachtung eigens einen Turm errichten lassen. Angeblich wegen Baufälligkeit wurde dieser in den 1960er Jahren abgerissen. Im Wintersitz, in der Marktstraße, wurde auf dem Dach eine kleine Erhöhung aufgesetzt, die ebenfalls der Wetter-Beobachtung diente. Und auf dem Inselsberg hat er außerdem noch eine Beobachtungsstation errichtet. Der Hausmeister der Gaststätte wurde von ihm dafür bezahlt, regelmäßig die Daten abzulesen. Übermittelt wurden die gesammelten Daten kontinuierlich an die Seewetterwarte in Hamburg.

Und natürlich gibt es auch noch viele persönliche Erinnerungen. Schließlich haben die Kinder, die letzten Zeitzeugen, ihre Jugendzeit in der Brauerei zugebracht.

Als Jugendliche mussten sie regelmäßig aushelfen, wenn Not am Mann war – unentgeltlich – schließlich war es ein Familienbetrieb. Die beiden Prokuristen, Emmerling und Eniglein, aber auch Braumeister Nohle und dessen Brauführer Schulz (die rechte Hand) haben bleibende Eindrücke hinterlassen.

Viele Geschichten und Anekdoten wurden weitergegeben und weiter erzählt. Wissen, mit dem Gerüchte aus dem Weg geräumt – und Wissenslücken der Stadtgeschichte gefüllt werden können:

Die Marke „Severi-Pils“ entstand noch in der Zeit, als die Brauerei in der Marktstraße beheimatet wurde, die Keller unter der Erfurter Severi-Kirche, die heute für die Florale Weihnachtszeit genutzt werden, dienten damals als Bierkeller.

Die Erbengemeinschaft Treitschke hatte 13 Immobilien in Erfurt, allesamt Gaststätten mit darüber liegenden Wohnungen, u.a. direkt gegenüber dem Waisenhaus, in der Weißen Gasse, im Fischersand, in der Marktstraße („Haus zum Kurfürstenhut), in der Pergamentergasse, der Kaffeetrichter und der „Daberstedter Hof“. Dieser war in der Schillerstraße nur durch eine Querstraße von der Riebeck-Brauerei getrennt – dort wurde ausschließlich Steiger-Bier ausgeschenkt – direkt neben der Konkurrenz. Gasthäuser und Niederlassungen habe es außerdem in Buttstädt, Buttelstedt, und Greußen gegeben. Auch das Gasthaus in Ernstroda stand auf der Lieferliste. Dorthin wurde immer die Wäsche mitgegeben, da sich in dem kleinen Thüringer Ort viele Frauen mit der Wäscherei ihr Einkommen verdienten.

Auch ein eigener Fuhrpark war auf dem Brauerei-Gelände stationiert. Lastwagen für die Transporte über Land, Pferdefuhrwerke für die Auslieferung in der Stadt. Den Bierkutschern schärfte der „Major“ (Otto Breithaupt) ein, dass sie bei ihren Fuhren niemanden mitzunehmen haben. Das wurde dem begeisterten Jäger zum Verhängnis, denn an der Straße im Forst bei Egstedt (seinem Jagdrevier) versuchte er sich einmal als Anhalter, wollte vom Lieferwagen mitgenommen werden, der auf der Rückfahrt von Schellroda in die Brauerei war. Aber der Kutscher ließ seinen Chef kurzerhand am Wegrand stehen. Der Brauerei-Chef fluchte zwar lautstark, beförderte Bierkutscher Kluge aber später zum Personalfahrer – weil er seine Anordnung befolgt hatte.

Die Grundregel: Pils gehört in grüne Flaschen, Helles in braune, konnte zu DDR-Zeiten aus Kapazitätsgründen nicht immer eingehalten werden. Die Bierflaschen wurden in Lauscha angefertigt, einer vollkommen überlasteten Produktionsstätte. Es kam regelmäßig zu Engpässen – lediglich für die Versorgung staatlicher Feiertage (1. Mai, 7. Oktober und vor allem die Sommerfeste auf der iga) wurden Ausnahmen gemacht, konnte sich die Steigerbrauerei eine Wagenladung neuer Flaschen abholen.

Haustrunk sollte eigentlich nur das enthalten, was im Vor- und Nachlauf bei der Reinigung anfiel. Da die letzte Flasche stets nur noch Wasser enthielt, wurde dies nie umgesetzt. Zwei Liter standen jedem Mitarbeiter pro Tag zu. Sinn und Zweck war es, damit den Antrieb zu Diebstählen zu nehmen. Das Bier musste während der Arbeitszeit getrunken werden, durfte die Brauerei nicht verlassen. Man konnte den Haustrunk allerdings auch als Brause genießen. Für größere Familienfeiern konnte der Mitarbeiter sein Deputat sammeln – ausnahmsweise durften die Kästen dann die Fabrik verlassen.

Nachverwertet wurden auch die Reste des gemaischten Getreides, was in der Brauerei einmal zu großer Aufregung geführt habe. „Alle unsere Schweine sind tot!“, hieß es – bis sich herausstellte, dass alle nur ihren Rausch ausgeschlafen hatten.

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