Zum Finale des Erfurter Clueso-Konzerts leuchten Tausende Handylichter

Frank Karmeyer
| Lesedauer: 7 Minuten
Fast zweieinhalb Stunden macht Clueso den Erfurter Domplatz zu seiner Bühne - mit einem angestrahlten Dom und einem kleinen Feuerwerk. 

Fast zweieinhalb Stunden macht Clueso den Erfurter Domplatz zu seiner Bühne - mit einem angestrahlten Dom und einem kleinen Feuerwerk. 

Foto: Michael Kremer

Erfurt.  Fast zweieinhalb Stunden macht Clueso den Ort zu seiner Bühne, an dem er sonst Gemüse an den Marktständen kauft und gegenüber im Café sitzt.

Vier Mal an zwei Wochenenden hat sich Erfurt als musikalische Großstadt fühlen können: Die Ärzte therapierten den Domplatz gleich zwei Abende mit punkigem Rock, dann machte Roland Kaiser vor Domplatz-Kulisse seine schlager-königliche Aufwartung.

Zum krönenden Abschluss der Sommerarena: Ein Heimspiel für Clueso in Erfurts guter Stube. Dort, wo er sonst sein Gemüse kauft, bot der Musiker eine mehr als zweistündige Show, an deren Ende ein Meer von Handylichtern den Platz stimmungsvoll erleuchtet.

Der Sänger

Dass die Konzerte nach den Pandemie-Pausen einzigartig würden, hatte er im Interview zu seiner Tour vorausgeschickt. Er müht sich am Samstag redlich, seine Prophezeiung wahr zu machen. Aber es ist ihm auch anzumerken, dass die nach eigenen Worten „magische Kulisse“ und das Spielen in der eigenen Heimatstadt etwas ganz Besonderes für ihn sind.

Der 42-Jährige ist Profi genug, sich die eigene Aufregung nicht übermäßig anmerken zu lassen, auch wenn bei den ersten Ansagen die Stimme zittert. Er trägt schwarze Hose, weiße Sneaker, weißes T-Shirt unter blau-schwarzer Jacke sowie eine silberne Kette um den Hals. Das Publikum „gehorcht“ ihm vom ersten Song an: Arme werden geschwenkt, es wird auf seinen Wunsch geklatscht, gehüpft und mitgesungen.

Seine Gäste

Waren 2017 Gäste wie Wolfgang Niedecken, Romano, Chefket und Kat Frankie als Unterstützer beim Domplatzkonzert am Start, bringt Clueso dieses Mal gleich zwei gute Bekannte aus „Sing meinen Song“ in Südafrika mit nach Erfurt: Die Sängerin Lotte, die bei der Tauschkonzert-Sendung Cluesos Titel „Gewinner“ sang und zu einem Gänsehaut-Moment gemacht hat, tritt als Support vor Clueso auf die Bühne. Da hat Martin Hübner, Bruder von Clueso, gemeinsam mit Saxophonist Antonio Lucaciu das Publikum schon eingestimmt.

Mit Elif singt Clueso den gemeinsamen Hit-Titel „Mond“. Weiterer Gast des Abends: Die erst 24-jährige Sängerin Mathea aus Österreich. Ihr gemeinsames Lied: „Der letzte Song“ – mit der passenden Liedzeile „Jede Party ist auch irgendwann zu Ende“, einem „Uh-uh-uh-uh“ zum Ende und einem bereitwillig dazu einsetzenden Publikumschor. Als Überraschungsgast – sogar für Clueso! – steht bei „Tanzen“ plötzlich Kelvin Jones neben ihm auf der Bühne. Ebenfalls ein Sing-meinen-Song-Mitstreiter.

Die Band

Achtköpfig und bestens aufgelegt, mit einem euphorischen Tim Neuhaus am Schlagzeug für den treibenden Beat, drei Bläsern (Antonio Lucaciu, Konstantin Dösen und Antonia Hausmann), zwei Gitarren (René Mühlberger und Deniz Erarslan), einem Bass (Marlene Lacherstorfer) und einem Keyboard (Johannes Arzberger).

Bestens aufeinander eingespielt – die Tour geht schließlich schon einige Wochen, man versteht sich blind. Tim Neuhaus gibt bereits seit dem Clueso-Album „Gute Musik“ den Takt vor.

Die Setliste

Mit „Achterbahn“ eröffnet Clueso das Konzert am Samstag und schließt mit dem Song „Heimatstadt“ an - es ist nicht die einzige Liebeserklärung an Erfurt an diesem Abend. Dann „Neuanfang“. Mit dem gleichnamigen Album läutete der Musiker 2016 einen musikalischen Neustart ein und seinen Abschied vom Erfurter Zughafen ein. Es folgt: „Kein Zentimeter“, „37 Grad“, „Flugmodus“, „Tanz aus der Reihe“, „Love the People“.

Mit Elif singt er dann den ruhigen Titel „Mond“. Danach „Anlauf nehmen“ – in Erinnerung an Opa Horsti. Es folgen „Zu schnell vorbei“, „Die schönsten Tage“, „Sag mir was du willst“, „Der letzte Song“ mit Mathea, „Cello“, „Zusammen“, „Tanzen“ gefolgt von „Chicago“ und „Gewinner“ als letztem Song vor den Zugaben. Als da sind: „Wenn du liebst“ mit Lotte, „Freidrehn“ und „Alles zu seiner Zeit“.

Das Publikum

Nach zwei Jahren Pandemie ist den Zuhörern der Hunger nach Live-Musik anzumerken. 14.000 drängen sich auf dem Domplatz und etliche Zaungäste ringsumher und müssen sich nicht lang zum „Tanzen“ bitten lassen. Clueso-Musik scheint der kleinste gemeinsame Nenner für alle unter 50-Jährigen oder aber auch darüber hinaus. Mutmaßlich ältester Gast ist Cluesos eigene Oma: mit 92 Jahren. Besonders die Erfurter haben Cluesos Karriere verfolgt und „ihren Cluesen“ ins Herz geschlossen.

Hier brach er seine Friseur-Lehre ab, hier trifft man ihn bei seinem Lieblingsitaliener, im Zughafen oder in Clubs. „Ich bin an Erfurt kleben geblieben und Erfurt auch an mir“, hat er in einem Interview gesagt. Von ersten Hip-Hop- und Breakdance-Ambitionen über die ersten TV-Auftritte bis hin zu nicht abreißen wollenden Charterfolgen wird die Entwicklung des prominenten Sohns der Stadt verfolgt. Presseclub, Centrum, Predigerkeller - und nun der Domplatz.

Wer ihn bis dato nicht kannte, hat ihn in der Tauschkonzert-Sendung „Sing meinen Song“ von einer nahbar-verletzlichen Seite kennengelernt. Es ist nicht böse gemeint: Der jungenhaft-charmante Clueso bietet mit seinem leicht verdaulichen Deutsch-Pop einfach für jeden einen Anknüpfungspunkt.

Die Botschaft

Clueso fordert bei all den schönen Momenten in seinem Konzert dazu auf, nicht zu vergessen, dass Krieg an vielen Orten der Welt und in der Ukraine herrscht.

Und bei längerem Aufenthalt in Erfurt wünscht er sich von seinem Publikum, dass dieses vor allem die kleinen Läden unterstützt, dort einkaufen geht oder einen Kaffee trinken.

Der bewegendste Moment

In Erinnerung an seinen verstorbenen Opa Horsti, der ihn stets ermuntert habe, sein Glück mit der Musik zu probieren, spielt Clueso „Anlauf nehmen“ zur Gitarre.

„Horsti, ich weiß du bist hier heute Abend“, blickt Clueso gen Himmel. Im Hintergrund zeigen alte Schwarz-Weiß-Fotos ihn und seinen Opa.

Nach dem Konzert

Auf kurzem Weg geht es für Clueso in die eigene Wohnung, wenige Meter vom Domplatz entfernt. Ein Absacker nach all dem Adrenalin in der Engelsburg? Zur Aftershowparty dort jedenfalls gibt es ein Wiedersehen mit Martin Hübner und DJ Beathova an den Turntables. Erst einmal macht Clueso etwa einen Monat lang Pause von der „Du warst immer dabei“-Tour. Diese wird erst am 21. September in Wien fortgesetzt.

Das lässt seinen Musikern Zeit für eigene Projekte. Beispielsweise für Saxofonist Antonio Lucaciu - der ist mit Sascha Stiehler und Sarah Lesch bereits am 4. September wieder in Erfurt zu erleben - dann auf der Predigerwiese. Und mit Clueso gibt es ein mögliches Wiedersehen in Erfurt am 28. Dezember - zum Weihnachtskonzert in der Messehalle. Und wer nicht so lange warten mag: Bei YouTube findet sich das komplette Clueso-Domplatz-Konzert aus dem Jahr 2017 zum Nachhören. Aufnahmen des 2022er-Konzerts sind ebenfalls im Kasten – Filmemacher Dennis Schmelz aus Erfurt war auf der Bühne bei der Arbeit zu sehen – jetzt steht deren Schnitt an.

Unterm Strich

Zwei Stunden voller Hits, guter Laune und Wohlfühlmomenten mit einem besonderen Künstler an einem besonderen Ort. Oder mit Clueso gesagt: „Zu schnell vorbei“.