Wasserstoff als Energieträger mit Identifikationspotenzial

Meuselbach-Schwarzmühle.  Erfurter Sozialwissenschaftler diskutieren in Meuselbach über die gesellschaftlichen Aspekte der Modellregion Schwarzatal

Ein Wasserstoff-Brennstoffzellenzug fährt am 4. Februar 2019 aus dem Bahnhof Rottenbach (Königsee).

Ein Wasserstoff-Brennstoffzellenzug fährt am 4. Februar 2019 aus dem Bahnhof Rottenbach (Königsee).

Foto: Michael Reichel / dpa

Der Februar 2019 ist im Westen des Landkreises Saalfeld-Rudolstadt wegen eines besonderen Ereignisses in aktiver Erinnerung. Blau statt wie üblich rot war der Zug, der sich mit reichlich Prominenz, vor allem politischer Herkunft, von Rottenbach (Königsee) nach Katzhütte und wieder zurück bewegte. Der „Coradia iLint“ brachte auf seiner ersten Testfahrt aber vor allem den Plan mit, dass die Schwarzatalbahn in Zukunft mit Wasserstoff statt wie bisher mit Diesel angetrieben werden könnte.

Diese Idee ist seitdem erstaunlich zügig vorangetrieben worden. Technische Möglichkeiten wurden erdacht, erwogen und auch schon weiter gedacht. Im aktuellen Ausschreibungsprozess des Landes Thüringen für den Betrieb der Strecke ist die Antriebsart fix im Bewerbungstext verankert. Aus der Teststrecke möchte der Freistaat nun eine Wasserstoff-Modellregion machen.

Wasserstoffinformationszentrum könnte Touristen anlocken

Mit dieser Idee waren jetzt auch Wissenschaftler der Fachhochschule Erfurt in den politischen Gremien auf Werbetour. Mit ihnen auch Professor Jörg Fischer. Er ist Sozialwissenschaftler und beschäftigt sich nicht mit den technologischen Aspekten sondern vor allem mit der Frage, wie sich der soziologische Zusammenhalt der Region mit dieser Energieträger-Offensive verändern könnte. Aus einer internen Runde mit Multiplikatoren der Region in der Zukunftswerkstatt Schwarzatal hatten die Forscher schon erste Rückkopplung erhalten, die auch am Tag darauf in der Gemeinschaftsversammlung der VG Schwarzatal im wesentlichen bekräftigt wurde.

Martin Friedrich, Sitzendorfer Bürgermeister, betonte etwa, schon der Umstand, dass man eine Modellregion werden solle und damit überregionale Aufmerksamkeit in das Tal falle, könne nur als Vorteil angesehen werden. Der ländliche Raum müsse immer wieder damit leben, dass Infrastrukturabbau mit der schwindenden Einwohnerzahl begründet werde und durch so provozierten Wegzug eine gefährliche Spirale befeuert werde. Da sei ein solches Signal auch eines, dass wieder mehr Selbstbewusstsein generiert werde. Unterm Strich bleibe die pragmatische Weisheit: Jeder Euro, der hier investiert werde, sei zu begrüßen.

Abseits allgemeiner Hoffnungen gab es aber auch konkrete Ideen: Ein Wasserstoffinformationszentrum könne eine Magnetwirkung für Touristen entfalten. Auch die geplanten Carsharing-Angebote mit dem neuen Energieträger können Gemeinsamkeit als Wert steigern. Für die kleinen und nicht unmittelbar an der wasserstoffgetriebenen Strecke liegenden Dörfer lässt sich der soziologische Effekt ebenso vorstellen.

Claudia Böhm, Bürgermeisterin in Deesbach, erinnerte in diesem Zusammenhang an die hohen individuellen Mobilitätseinschränkungen für die alte Bevölkerung. „Zwar spielt die Antriebsart nicht die erste Rolle, aber wenn Wasserstoff es schafft, dass wir den Ältesten unter uns wieder einen Arztbesuch ermöglichen oder auch den Einkauf, für den sonst die Busse zu selten fahren, dann haben wir einen schönen Effekt.“ Unausgesprochen aber trotzdem präsent war auch die Idee, dass „Wasserstoff“ als ehrgeiziges gemeinsames Projekt durchaus geeignet sein könnte, in den bisher noch stark ihre Eigenständigkeit betonenden Dörfer manches Kirchturmdenken überwinden zu lassen. Dass außer dem Schwarzatal auch Königsee Teil der Modellregion werden soll, mochte dabei niemand als Nachteil empfinden.

Alles fiebert nur der Vorstellung der Machbarkeitsstudie im Umweltministerium am 26. November entgegen. Dann wird sich entscheiden, inwieweit Wasserstoff für die Modellregion wirklich mehr werden könnte als nur ein Energielieferant.

Am 26. November erscheint Machbarkeitsstudie

Immerhin wollen die Geldgeber ja ausdrücklich erreichen, dass der Wasserstoff auch in der Region hergestellt wird. Wie die dafür benötigte, erhebliche Menge an Elektroenergie in einem sensiblen Naturraum erzeugt werden soll, war zwar nicht Thema des Abends, interessierte viele im Raum aber mit Blick auf die demnächst auslaufende Ausnahmeerlaubnis für das einzige Windrad der Region ganz besonders. Wasserkraft aus den Talsperren war da nur eines der Stichwörter.