Ausstellung

Anna Blumes erotische Abenteurer

Romantikerhaus Jena widmet dem Thüringer Konzeptkünstler und Mail-Art-Vertreter Birger Jesch eine Ausstellung

Birger Jesch vor Arbeiten aus der Serie „Schattenalbum“, die bis 1. März 2020 im Jenaer Romantikerhaus zu sehen sind.

Birger Jesch vor Arbeiten aus der Serie „Schattenalbum“, die bis 1. März 2020 im Jenaer Romantikerhaus zu sehen sind.

Foto: Ulrike Merkel

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In der Wendezeit startet der sächsische Konzeptkünstler Birger Jesch ein Kontaktanzeigen-Projekt. Im Namen von Kurt Schwitters’ Kunstfigur Anna Blume schaltet er eine Annonce unter anderem in den Thüringer Neusten Nachrichten, durch die die „reife Dame mit Sex-Appeal“ einen jungen schönen Mann aus der DDR für erotische Abenteuer sucht. „Ganzfoto Bedingung.“ Mehr als 300 Antworten erreichen den Künstler damals. Die Fotos, Briefe und Briefumschläge bereitet Jesch später auf. Er baut etwa aus quadratischen Textstellen ein neunteiliges Quadrat oder präsentiert die Notizen der Rückseiten: „Hoffe, daß das Ganzfoto Sie vorerst befriedigt!??“, steht da etwa geschrieben. Oder: „Entschuldigen Sie, aber ein besseres Photo was auf die Schnelle nicht zu bekommen.“ Irritierend sind drei Fotos, bei denen die Bewerber Personen, die neben ihnen standen, einfach abgeschnitten haben. Unweigerlich vermutet man da eine mögliche Ehefrau oder feste Partnerin im Hintergrund.

Das Romantikerhaus Jena widmet dem in Blankenhain (Weimarer Land) lebenden Künstler seine neue Ausstellung „Korrespondenzen: Autographen – Silhouetten – Collagen. Arbeiten von Birger Jesch“. Auslöser für die Einladung waren Jeschs Silhouetten-Bilder. Auch in der Zeit der Romantik war der Scherenschnitt eine beliebte Porträtform. Jeschs Silhouetten basieren allerdings auf Fotos. Sein Langzeitprojekt „Schattenalbum“ etwa verbindet Porträts mit Lebensweisheiten und Statements über Leben und Kunst der Dargestellten. Diese Serie soll in Jena zumindest als Vorortaktion seinen Abschluss finden, kündigt Birger Jesch an. Am 25. Januar lädt er ein letztes Mal zur Fotosession. „Interessierte müssen bereitsein, neben dem Profilbild auch einen handschriftlichen Kommentar beziehungsweise Autografen zu hinterlassen, erläutert der Künstler.

Fantasiebriefmarken und -stempel als Ausdruck der Kunst

Die Ausstellung gewährt darüber hinaus Einblicke in einen weiteren wichtigen Werkkomplex Birger Jeschs. In der DDR und Nachwendezeit gehörte er zu den wichtigsten Protagonisten der ostdeutschen Mail-Art-Szene. Die Akteure standen über Postsendungen – Briefe und Postkarten – mit anderen Künstlern im In- und Ausland im Austausch. Man schickte sich künstlerische Statements in Wort und Bild. Oftmals testeten die Vertreter auch die Möglichkeiten der postalischen Versendung aus, bis hin zu eigens kreierten Briefmarken und Poststempeln. Die Mail-Art war vor dem Mauerfall ein Mittel des künstlerischen Widerstandes und wurde seitens des Staat beargwöhnt und überwacht. Damit habe Birger Jesch zu jenen gehört, die schon früh an die Mauer geklopft hätten, betont Ulf Häder, Direktor der Städtischen Museen Jena.

Die Ausstellung ist bis 1. März 2020 zu sehen.

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