Anna Mühlhause aus Nordhausen: Wegrennen ist keine Option

Nordhausen.  Junge Nordhäuserin verarbeitet eigene Behinderung literarisch. Mit Selbstironie, aber ohne Selbstmitleid will sie Mut machen.

Anna Mühlhause sitzt seit ihrer Geburt im Rollstuhl. Ein Grund, in Selbstmitleid zu versinken, ist das für sie aber nicht.

Anna Mühlhause sitzt seit ihrer Geburt im Rollstuhl. Ein Grund, in Selbstmitleid zu versinken, ist das für sie aber nicht.

Foto: Marco Kneise

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„Nehmen wir doch Platz.“ – „Danke, aber ich sitze schon.“ Seit Geburt an sitzt Anna Mühlhause im Rollstuhl. Unbedachte Situationen wie diese erlebt die Nordhäuserin daher zuhauf, genauso wie das Gefühl, unterschätzt oder zurückgestoßen zu werden. So oft, dass sie mit gerade einmal 21 ein Buch über ihre Behinderung geschrieben hat. „Ja, ich sitze im Rollstuhl. Und nein, für Selbstmitleid habe ich keine Zeit. Wozu auch? Ich bin ja schließlich nur behindert“, wirbt Anna Mühlhause im Klappentext von „Spas(s)ti: ...wenn Weglaufen keine Option ist“ für einen Blick in diese 153 Seiten.

Doch zurück auf Anfang: Mühlhause ist noch nicht geboren, da wird ihre Mutter ins Krankenhaus eingeliefert. Mitten in ihrer Schwangerschaft platzt ihr der Blinddarm. Die vorangehende Entzündung ist unbemerkt geblieben, so dass den Ärzten nichts anderes übrig bleibt, als das Baby mit einem Notkaiserschnitt zur Welt zu bringen. Sechs Wochen vor der eigentlich geplanten Geburt. „Durch eine Blutvergiftung wusste niemand, ob ich überhaupt durchkomme“, erzählt Anna Mühlhause.

In dem kleinen Mädchen steckt eine große Kämpferin – Anna überlebt. Doch die Frühgeburt hinterlässt Spuren. Hinter ihrer Diagnose, einer infantilen Zerebralparese, versteckt sich eine frühkindliche Hirnschädigung, die bei der jungen Frau zu Spastiken führt. „Diese unkontrollierbaren Bewegungsstörungen werden immer schlimmer, umso mehr ich probiere, sie doch zu kontrollieren.“ Auch Wahrnehmungsstörungen und Probleme bei der räumlichen Orientierung seien Teil der Folgen. „Beim dreidimensionalen Koordinatensystem in der Schule war ich völlig überfordert“, gesteht Anna Mühlhause lächelnd.

Doch höhere Geometrie soll ihr als Schülerin nicht die meisten Probleme bereiten. Vielmehr sind es ihre Mitschüler: An ihrer ersten Realschule wird so gemobbt, dass die sonst so strebsame Schülerin jede Motivation verliert. „Ich hatte überhaupt keinen Bock mehr auf Schule und Hausaufgaben. Es gab immer und überall Sticheleien. Aber an der ersten Schule wurde mir einmal sogar von meinen Mitschülern gedroht, mich die Treppe runter zu schubsen.“ Dass sie all dass mit unbeirrbar lächelndem Gesicht erzählen kann, hat sie nicht zuletzt einem Wechsel an die Petersberg-Regelschule und später ans Herder-Gymnasium zu verdanken.

Als die Nordhäuserin ihr Abitur hat, ist in ihr längst der Wunsch, all dies literarisch zu verarbeiten. Schon mit 12 Jahren habe sie davon geträumt. Ernsthaft verfolgt sie diese Idee schließlich, als sie vor knapp vier Jahren am Rücken operiert wird. „Ich habe vieles lange mit mir selbst ausgemacht, aber irgendwann platzt es aus einem raus“, erzählt sie von ihrem Buch, das anderen Behinderten Mut machen und Interessierten den Blick weiten soll. „Rollstuhlfahrer werden doch oft als bescheuert abgestempelt. Hinter uns steckt mehr“, sagt Anna Mühlhause, die seit Oktober in Marburg Psychologie studiert. In einem Kinderhospiz wolle sie später anderen helfen.

Sie selbst bekommt keine Hilfe, als es darum geht, ihr Buch zu verlegen: Sie heiße nun mal nicht Fitzek oder Rowling. Verlage lehnten die bis dahin unbekannte Autorin ab. Einer sagte ihr sogar, sie hätte mehr auf die Tränendrüse drücken sollen, um es zu vermarkten. „Aber das wäre nicht ich. Ich bin ein witziger Mensch, der sich nicht selbst bemitleidet“, sagt sie über das nun im Eigenverlag erschienene Buch. Das Leben und die Welt hätten für Selbstmitleid zu viel zu bieten. Das wolle sie auch anderen Behinderten mitgeben. Das Wort „Behinderte“ betont sie dabei. Auch das wäre verlogen – „Erkrankung“ oder „Beeinträchtigung“ zu sagen, findet die junge Studentin, die sich eine Rückkehr nach Nordhausen kaum vorstellen kann.

Zu gut ist sie dafür in Marburg aufgenommen worden. Das bundesweit einzige inklusive, also eigens auf Behinderte zugeschnittene Wohnheim und hilfsbereite Kommilitonen hätten es ihr leicht gemacht. Sie liebe ihre Familie und komme regelmäßig heim. Aber in Sachen Behindertengerechtigkeit seien andere Städte weiter, sagt sie über zu hohe Bordsteine an der Bleiche oder einen Kinofilm über Behinderte, der in Saal 4 – den mit den meisten Treppen – gezeigt worden sei. „Für solche Dinge will ich die Augen öffnen.“

Das Buch kann on demand in den Nordhäuser Buchhandlungen oder im Internet bestellt werden.

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