Schriftstellerin Sibylle Berg im Interview über Weimar

Die Schriftstellerin Sibylle Berg verbrachte die ersten 22 Jahre ihres Lebens in Weimar. Jetzt war die Wahl-Züricherin wieder hier. Fritz von Klinggräff befragte sie zu dieser Stadt ihrer Vergangenheit und nach ihrer Wiederbegegnung

Die Autorin Sibylle Berg wurde 1962 in Weimar geboren. Foto: Katharina Lütscher

Die Autorin Sibylle Berg wurde 1962 in Weimar geboren. Foto: Katharina Lütscher

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Weimar. Sibylle Berg, Schriftstellerin in Zürich und gebürtige Weimarerin, hat ein neues Buch veröffentlicht. Sein Titel: "Vielen Dank für das Leben". Die Handlung beginnt in der DDR, trägt genug autobiografische Züge, dass wir einmal nachhaken wollten: Wie steht es um ihre Beziehung zur alten Heimat? Fritz von Klinggräff befragte sie per E-Mail.

Lebt die Hauptperson des Romans, Toto, aufgewachsen in einem DDR-Heim der Siebzigerjahre und gestorben im untergegangenen Europa der 2020er Jahre, in der besten aller möglichen Welten?

Ich kenne nur die Zeit jetzt. Sie scheint mir im Vergleich zur Vergangenheit nicht so übel, wenn man in der westlichen Welt und vielleicht noch als heterosexueller Mann geboren wurde.

Und wie steht's in dieser Hinsicht mit Ihnen selbst?

Ich bin sehr zufrieden, danke der Nachfrage. Ich habe den Ort gefunden, an dem mir körperlich wohl ist, einen Beruf, den ich als sehr frei erlebe, und einige Menschen, die tun, als hätten sie mich gerne.

Begann Ihr persönliches Unglück damit, dass Sie in Weimar geboren wurden?

Ich halte es für ein großes Glück, dass ich zwei Systeme erleben durfte. In Weimar geboren worden zu sein hieß: Es gab das DNT, es gab die Bücherei, es gab Detlef Heintze und die Reste der Bauhausuniversität. Dass hätte ich doch in Schweinfurt nie gehabt, davon abgesehen, dass ich den Satz: "Ich stamme aus Schweinfurt oder Darmstadt" nicht über die Lippen brächte.

Im Zeit-Magazin schrieben Sie sich 1997 Ihre ganze Verachtung für Weimar vom Leib: "Ohne Goethe wäre vielleicht die ganze Stadt schon zubetoniert worden, eingestampft und prima Hochhäuser drauf. Siebzigstöckig. Und Autobahnen, damit der Mief weggeht. Weimar, nicht mehr als eine Kleinstadt, die ihre beste Zeit mal hatte, irgendwann vor 200 Jahren. Heute aber gut zum Museum taugt."

Das ist schon lange her. Vermutlich war ich eine von vielen Enttäuschten. Weimar tat sich damals nicht besonders gut damit, freundlich zu einer neuen Generation von Künstlern zu sein; vielleicht also nur verletzte Eitelkeit, denn ich hatte nie das Gefühl, dass man in meiner Geburtsstadt stolz auf mich war. Also ein Quatsch, wer sollte denn warum auf mich stolz sein? Nun, ich war jung, da passieren solche Fehlleistungen.

Worüber schrieben Sie (in Ihrem Tagebuch, in Ihren Briefen), als Sie noch in Weimar lebten?

Ich habe nie Tagebuch geschrieben, und in Ermangelung von Bekannten auch keine Briefe, aber ich habe Kurzgeschichten über Morde geschrieben. Komisch, nicht?

Welche Gestalt hatte das Moment des großen Verrats in Ihrer Weimarer Kindheit?

Ein erwachsener Mann spuckte vor mir aus. Ich hatte damals das Gefühl, unglaublich hässlich zu sein. Ich war sehr dünn, hatte schon immer ein langes Alien-Gesicht und muss irgendwie anders gewirkt haben, irgendetwas an mir störte. Seit ich zehn war, schauten mich Weimarer Menschen befremdet an. Der Höhepunkt war das Ausspucken. Es hat mir auch einmal ein Lehrer in den Hintern getreten, und ein anderer Lehrer hat mich sexuell belästigt. Ach, es ist viel passiert, ich wüsste gar nicht, wer die Goldmedaille der Demütigung gewinnen würde.

Sie sind Sie im August 2012 doch wieder für eine Reportage nach Weimar gefahren.

Ich wollte schon lange einmal dorthin, um meinem Mann Weimar zu zeigen. Beim ersten Versuch haben wir uns verfahren und sind in Rottweil geendet. Ich hatte immerhin so viel Erinnerung an Weimar, dass mir klar war: Das ist eine andere Stadt. Diesmal war die Gelegenheit prächtig, denn mein Lieblingsintendant Hasko Weber wird das DNT übernehmen, und ich wollte sehen, was ihn erwartet.

Man riet Ihnen, sich mit Frank Motz in der ACC-Galerie zu treffen. Warum werden Sie gar nicht anders können, als ihn gegen Ihren Willen als großartigen Typen zu beschreiben?

Ich kenne Herrn Motz nicht, habe aber Herrn Zimmermann, den Ex-Bauhaus-Unirektor, getroffen, der mir ausgezeichnet gefiel, ich beneide ihn fast um das Gefühl, etwas Sichtbares, Nachprüfbares geschaffen zu haben. Dann traf ich noch den Inhaber des neuen Gretchen-Hotels, der war toll, und einen Theatermitarbeiter, der war großartig, also, wer ist Herr Motz? Habe ich was verpasst?

Warum raten Sie trotzdem allen in Weimar wegzuziehen?

Ich würde das nie jemandem raten. Wer bin ich denn, dass ich solche Empfehlungen aussprechen könnte. Jeder sollte unbedingt da bleiben, wo es ihm wohl ist.

Gefällt es Ihnen, dass Weimar sich seit dem Kulturstadtjahr von einer verschlafenen Klassiker- zu einer halbwegs selbstreflexiven und lebbaren Kulturstadt gewandelt hat?

Ich freue mich über jede positive Entwicklung auf der Welt. Weimar ist heute eine reizende kleine Stadt, in der es alles gibt, was man zum Glück braucht. Gutes Essen, feine Äpfel, einen hübsche Umgebung und ein paar Leute, mit denen man sich verstehen kann. Warum sollte ich Antipathie gegen eine Stadt hegen, die ja nur aus Menschen und Häusern besteht.

Außerdem fand ich den Schützengraben unverändert wunderbar. Es gibt ein großartiges Sushi-Restaurant, die Leute schienen mir entspannt, sie können einkaufen, das Wetter war kalt, die Stadt schläft um sieben, alles unauffällig.

Warum waren Sie für Ihre Reportage nicht in der Gedenkstätte Buchenwald?

Weil mein Mann Israeli ist, dessen Familie weitgehend in KZs vernichtet wurde, und er dann einen Monat schlechte Laune gehabt hätte.

Sybille Berg über Sybille Berg:

Ich wurde in Weimar geboren als Tochter einer Bibliothekarin und eines Musikprofessors, Anlässlich der Scheidung meiner Eltern wurde ich mit Fünf nach Rangsdorf zu zwei Musikprofessoren verbracht, wo ich bis zehnjährig blieb und als Fünfjährige zu klassischen Konzerten musste, um im Anschluss Aufsätze darüber zu schreiben, was meine Beziehung zur Klassik nachhaltig gestört hat.

Bis ich Zwanzig war, lebte ich mit meiner Mutter in Weimar, überlebte dank des Theaters. Ich war Puppenspielerin in Naumburg, weil ich mich noch zu jung fühlte, um Schriftstellerin zu werden.

Ich verließ die DDR als Republikflüchtige 1984. Meine Mutter starb im Anschluss. In Westdeutschland habe ich nie meinen Platz gefunden, den Kapitalismus versteh’ ich bis heute nur bedingt, ich hatte vermutlich 50 verschiedene Jobs, habe bruchstückhaft Politikwissenschaft und Ozeanographie studiert.

Außer Kampfsport mag ich keine körperliche Ertüchtigung. Ich verlasse mein Bett nur ungern, ich arbeite im Bett, esse im Bett und beziehe es oft frisch.

Ich bin seit acht Jahren verheiratet, ich lebe seit 20 Jahren in Zürich, ausschließlich vom Schreiben von Büchern, Theaterstücken, Essays.

Ich liebe zeitgenössische Kunst, höre nie Musik, gerade bin ich Schweizerin geworden, und ich habe meist gute Laune.

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