Der erste Weg wird sie ins Hotel führen und danach in die Messehalle. „Um zu trainieren“, sagt Annett Kaufmann. „Für mehr bleibt leider keine Zeit“, bedauert sie ein wenig. Erzählungen zu Hause machen neugierig, die Stadt Erfurt noch ein wenig mehr zu entdecken. In der Zeitachse ihres Aufstiegs ist sie schon jetzt ein sehr besonderer Ort.

Die Bilder sind noch vor Augen. Wie der Ball von Yuan Wan Millimeter über die Tischkante zischt, wie Annett Kaufmann nach dem Matchball unterm Beifall der vollen Messehalle die Hände perplex vor ihr Gesicht hält. Wie sie später hinter der Bande hockt, um ihren Erfolg einen Moment lang allein sacken zu lassen. Ein Jahr ist es her, dass sie sich als damals 17-Jährige durch das Damenfeld zum Titel im Doppel und auch im Einzel schmettert – und in die Herzen vieler Tischtennis-Fans.

Ein frisches Gesicht im deutschen Tischtennis, das ist sie im Juni 2024. Sympathisch, unverstellt, unbefangen in ihrem Spiel – und erfolgreich. Ein Stern im Tischtennis, der zuvor zaghaft schon geleuchtet hat, begeistert und geht nach der 92. Deutschen Meisterschaft in Erfurt erst richtig auf. Furiose Sommerspiele folgen und die WM-Krone in der U19 als überhaupt erste Europäerin.

Das ist etwas Besonderes, wenn man sich selbst so in die Geschichte schreibt. Damit möchte ich nicht aufhören.

Annett Kaufmann, Tischtennisspielerin, über ihre beiden nationalen Titel vor einem Jahr

Wenn die junge Frau aus Bietigheim an den goldenen Start bei den erstmals in Thüringen ausgetragenen TT-Finals denkt, kommt Stolz auf. „Das ist etwas Besonderes, wenn man sich selbst so in die Geschichte schreibt“, sagt Annett Kaufmann über ihre ersten Damen-Titel, „damit möchte ich nicht aufhören.“

TISCHTENNIS TT-FINALS 2024 IN ERFURT
Damit möchte man nicht aufhören: Annett Kaufmann (SV Böblingen) nach dem Matchball.© FUNKE Foto Services | Sascha Fromm

Die Rückkehr an diesem Wochenende aber ist eine andere. Das Abitur, für das sie 2024 eine Pause vom Sport eingelegt hat, liegt mit Bravour hinter ihr. Bei dem erneut größten Tischtennis-Fest Europas wird sie nicht nur an der Platte lächeln. Sie grüßt in diesen Tagen von den Plakaten. Spätestens seitdem sie als Reservespielerin bei den Olympischen Spielen das Team ins Spiel um Bronze geführt hat, ist der Name Annett Kaufmann in aller Munde. Sie ist eines der neuen Gesichter im deutschen Tischtennis.

„2024 zu überbieten wird in nächster Zeit wohl etwas schwierig“, betont sie. Die Vorfreude aber auf ihre erste Mission Titelverteidigung ist trotz starker Konkurrentinnen groß. Gerade, weil es wieder nach Erfurt geht.

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Fäden der Familie kreuzen sich an der Gera

Die Stadt an der Gera ist ein Ort, an dem sich Fäden der Familie Kaufmann kreuzen. Vater Andrej, 49, feuert einst dort übers Eis. In der Saison 1998/99 steht der aus Kasachstan von Ust-Kamenogorsk (heute Öskemen) gekommene Stürmer bei den Black Dragons unter Vertrag, damals unter dem Familiennamen Singelejew. Der Neuling in der 1. Liga Nord bildet der ESC Erfurt in Deutschland die erste Station für den Mann mit deutschen Wurzeln. Er knüpft schöne Erinnerungen daran.

Vielleicht sei Erfurt ja ein gutes Omen. Das habe er ihr auf den Weg gegeben und auch sonst einiges von damals erzählt, sagt Annett Kaufmann. Bei ihm hätte es ja gut geklappt. Die Drachen bilden für den Stürmer den Start für weitere 20 Jahre als Profi von Landshut, über Dresden bis Wolfsburg und Bietigheim.

Annett Kaufmann mag Eishockey. Sie ist ein Sportlerkind. Mutter Anna rast auf Skiern die Pisten herab; sie ist wie ihr Mann zudem Sportwissenschaftler. Dass die Töchter Alexandra, 22, und Annett nicht im Wintersport landen, wundert auf den ersten Blick, aus Elternsicht aber auch wieder nicht.

TISCHTENNIS TT-FINALS 2024 IN ERFURT
Yuan Wan (TTC 1946 Weinheim) greift an, Annett Kaufmann erwartet den Ball. Kommt es am Montag zu einer Neuauflage des Endspiels von 2024? Mit Sabine Winter (TSV Dachau) will eine weitere Topspielerin nach dem Titel greifen.© FUNKE Foto Services | Sascha Fromm

„Unsere Eltern wollten nicht unbedingt, dass wir den gefährlichsten Sport machen“, erzählt die Jüngste. Ein Pokal, den ihre vier Jahre älter Schwester beim Tischtennis gewonnen hat, möchte sie haben. Den aber will diese nicht abtreten. „Sie hat im Spaß gesagt, ich soll selbst einen gewinnen“, erzählt die U19-Weltmeisterin.

Links wie rechts – der ungewöhnliche Weg

Nichts anderes will sie danach. Sie lernt über die Jahre. Was es heißt, das Spiel hervorragend zu lesen, ihr eigenes variabel zu gestalten – und umzudenken. Gewöhnlich schreibt sie mit rechts, wirft damit, macht eben alles, was mit der angeborenen Arbeitshand zu verrichten ist. Die Linke ist fürs Feine. Dass sie damit knallhart angreifen kann, verhilft dem deutschen Damen-Team bei den Olympischen Spielen in Paris fast zu einer Medaille.

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„Ich habe damals mit beiden Händen angefangen. Mit Links hat es deutlich mehr Spaß gemacht“, erinnert sich Annett Kaufmann. Das liegt fast 14 Jahre zurück.

Mit über eins-achtzig ist sie groß. Und „die Hochbegabte“, wie sie der Deutsche Tischtennis-Bund in ihrem Porträt beschreibt – und will hoch hinaus, ohne abzuheben. Der Weg ist weit. Starke Auftritte wie zuletzt bei der WM gegen die Nummer drei der Welt machen trotz Niederlage große Lust auf mehr. Genauso wie die TT-Finals.

„Wenn man vor so einer Heim-Kulisse spielt, ist das echt ein schöner Moment.“ Annett Kaufmann genießt den Gedanken an die Rückkehr. „Erfurt, das ist meine Halle.“

Alle Infos zum Turnier: www.tt-finals.de