RWE-Legende Jürgen Heun: „Bis der BFC noch ein Tor schießt“

Erfurt  Vor dem Gastspiel des DDR-Serienmeisters BFC Dynamo Berlin beim FC Rot-Weiß Erfurt erinnern sich Jürgen Heun und Rüdiger Schnuphase an legendäre Duelle.

2. September 1988: Uwe Backhaus (l.) und Keeper Gerd Sachs strecken sich vergeblich. Andreas Thom trifft zum 1:3. Am Ende heißt es gar 2:6.

2. September 1988: Uwe Backhaus (l.) und Keeper Gerd Sachs strecken sich vergeblich. Andreas Thom trifft zum 1:3. Am Ende heißt es gar 2:6.

Foto: Sascha Fromm

Stille. Für einen Moment herrschte blankes Entsetzen. Dann brach der Sturm der Entrüstung los in dem Stadion, das damals noch den Namen des bulgarischen Kommunisten Georgi Dimitroff trug; das eine Holztribüne sowie ein steinernes Marathontor besaß. 24.000 Zuschauer schäumten vor Wut; schimpften, zeterten, krakeelten und veranstalteten ein ohrenbetäubendes Pfeifkonzert.

Ziel des geballten Volkszorns war der Rostocker Schiedsrichter Henning, der an jenem Samstagnachmittag des 11. April 1981 angeblich zu lange hatte nachspielen lassen. Was Rainer Troppa per Kopf zum 3:3-Ausgleich nutzte für den BFC Dynamo, der beim Gastspiel in Erfurt mächtig gewankt hatte, aber nicht gefallen war. Wie so oft in der einstigen DDR-Fußball-Oberliga.

„Es wussten ja eigentlich alle, dass – wenn es eng war – so lange gespielt wird, bis der BFC noch ein Tor schießt“, sagt Jürgen Heun, Rekordspieler und Rekordtorschütze des FC Rot-Weiß. Beim damaligen Last-Minute-Remis hatte er seine Mannschaft mit drei Treffern und der zwischenzeitlichen 3:1-Führung vermeintlich auf die Siegerstraße gebracht. Am Ende fühlte er sich wie alle anderen um den Lohn der Mühen betrogen. In insgesamt 19 direkten Duellen gegen die Berliner schoss Heun stolze 16 Tore, nur zweimal aber konnte er einen Sieg bejubeln.

Wenn an diesem Sonntag der BFC Dynamo zur Regionalliga-Partie in Erfurt gastiert, werden auch bei dem heute 61-Jährigen eine Menge Erinnerungen wach. Erinnerungen an „immer aufregende Spiele“ gegen den meistgehassten Club der DDR. Auf Anweisung des Ministeriums für Staatssicherheit gegründet, sollte der BFC die Überlegenheit des sozialistischen Systems auf dem grünen Rasen demonstrieren. Stasi-Chef Mielke holte sich die besten Spieler aus dem ganzen Land zusammen. Und wenn deren Qualität einmal nicht ausreichte, halfen die angeblich Unparteiischen gern nach. Laut „Berliner Zeitung“ waren sieben jener zehn Schiedsrichter, die am häufigsten BFC-Spiele pfiffen, Offiziere der Stasi oder Informelle Mitarbeiter.

Häme, wenn der BFC im Europapokal mal wieder frühzeitig ausgeschieden war

„Dabei hätte es die Mannschaft überhaupt nicht nötig gehabt“, meint Rüdiger Schnuphase. „Die waren so klasse besetzt und meistens auch besser als wir.“ Aber eben nicht immer. Einen Aufschrei zieht noch heute das Skandalspiel am 28. September 1984 nach sich, bei dem sich der FC Rot-Weiß einen offenen Schlagabtausch mit dem individuell klar überlegenen Seri­enmeister geliefert und Schnuphase unter anderem zwei Kopfbälle versenkt hatte. 4:4 stand es bis in die Schlussphase hinein, ehe Schiedsrichter Stenzel nach einer „Schwalbe“ von Frank Pastor auf Elfmeter entschied. Rainer Ernst nahm das Geschenk dankend an – 5:4. Der Begriff des „Schiebermeisters BFC“ war längst zum Inbegriff der Ungerechtigkeit geworden.

Selbst der besonnene Erfurter Sportjournalist Gerhard Weigel fühlte sich damals im „Volk“ zu folgender Einschätzung veranlasst: „Mit derartigen, das Publikum streckenweise geradezu provozierenden Schiedsrichterleistungen ist weder unserem Fußball geholfen, noch wird dadurch unser Meister populär. Die Quittung wird meist auf internationalem Terrain präsentiert, unsere Spitzenclubs haben das alle schon mehr als einmal zur Kenntnis nehmen müssen.“

Statt Mitleid herrschte überall heimlich Schadenfreude und sogar Häme, wenn der BFC im Europapokal mal wieder frühzeitig ausgeschieden war. So dominant der Club von Stürmerstar Andreas Thom (Schnuphase: „Er war der Beste von allen“) mit zehn Meisterschaften in Folge zwischen 1979 und 1988 war, so schlimm stürzte er nach der Wende ab. Von heute auf morgen fiel die Unterstützung aus der Politik weg; die besten Spieler zog es in den goldenen Westen. Um einen Neubeginn zu demonstrieren, taufte sich der BFC in „FC Berlin“ um und trat unter diesem Namen erstmals am 24. Februar 1990 in Erfurt an. Doppeltorschütze Thomas Doll war damals selbst von Thomas Linke nicht zu stoppen – 1:3.

Beide Clubs finden sich derzeit in den Niederungen der Viertklassigkeit wieder

Jürgen Heun musste in diesem Spiel verletzt zuschauen. Rüdiger Schnuphase hatte seine Karriere bereits beendet. Doch beim Blick zurück sagen beide unisono: „Die Spiele gegen den BFC waren immer echte Highlights.“ Seit 1999 heißt der Verein auch wieder BFC Dynamo. Seine Fans waren es, die auf eine Rückbenennung und damit auf das Bekenntnis zu den sportlichen Wurzeln gedrängt hatten.

Sehr zur Freude der einstigen Größen wie Bodo Rudwaleit, Norbert Trieloff oder Rainer Ernst, die Heun und Schnuphase am vergangenen Freitag beim EM-Qualifikationsspiel der DFB-Elf ge­gen die Niederlande nach vielen Jahren wiedergetroffen hatten. Der DFB hatte alle Nationalspieler nach Hamburg eingeladen. Logisch, dass dabei so manche Anekdote die Runde machte.

Die sportliche Gegenwart ist umso schmerzhafter. Von Insolvenzen erschüttert, finden sich beide Clubs derzeit in den Niederungen der Viertklassigkeit wieder. Nur ein Bruchteil der Zuschauer von einst wird am Sonntag ins Steigerwaldstadion kommen. „Es tut weh, was bei Rot-Weiß im Moment passiert“, sagt Schnuphase, der dennoch live dabei sein wird. Heun will sich spontan entscheiden: „Zuletzt war ich gegen Meuselwitz dabei. Deshalb hält sich meine Vorfreude in Grenzen.“

Ein Gemütszustand, der vor 30 Jahren undenkbar gewesen wäre.

FC Rot-Weiß Erfurt – BFC Dynamo, Sonntag, 15 Uhr

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