Nationalmannschaft

Kai Havertz könnte die Torjäger-Debatte im DFB-Team beenden

Kai Schiller
| Lesedauer: 5 Minuten
Kai Havertz soll die Sturmprobleme der deutschen Nationalmannschaft lösen.

Kai Havertz soll die Sturmprobleme der deutschen Nationalmannschaft lösen.

Foto: dpa

London.  Deutschland und Neu-Stoßstürmer Kai Havertz überzeugen über weite Strecken in Wembley. Doch wo steht das DFB-Team kurz vor der WM?

Kai Havertz hatte eine schwarze Plastiktüte über seine Schulter geworfen und stürmte nach dem 3:3-Spektakel gegen England zu vorgerückter Stunde durch die Katakomben des Wembley-Stadions, als ob er noch die letzte Bahn erreichen müsste. Erst die District Line, bei Edgare Road einmal umsteigen und schließlich in der Baker Street die Metropolitan Line bis vor die Haustür nach Wimbledon nehmen. Eine so kurze Rückreise wie der Chelsea-Profi hatte nach einem außergewöhnlichen Fußball-Abend kein anderer Nationalspieler.

Kai Havertz trifft gegen England doppelt

Man darf allerdings davon ausgehen, dass der Deutsche Fußball-Bund, der sich für gewöhnlich nicht lumpen lässt, dem schweigsamen Havertz sogar eine Mitfahrgelegenheit organisierte. Und einen direkten Shuttleservice hatte sich der Zweifach-Torschützen zumindest aufgrund der zweiten Halbzeit gegen die Three Lions auch redlich verdient. Wie der Rest des deutschen Teams hatte auch Havertz in der ersten Halbzeit die Schweigeminute für Queen Elisabeth II eigenmächtig um 45 weitere Minuten auf dem Platz verlängert, ehe der Wahl-Londoner in Durchgang zwei wie Kai aus der Kiste daherkam und mit zwei sehenswerten Treffern doch noch für ein nicht mehr zu erwartendes Fußball-Spektakel sorgte.

„Kai hat es richtig gut gemacht“, lobte auch Bundestrainer Hansi Flick den 23-Jährigen. Sein Tor Nummer eins erzielte der 1,90 Meter große Lulatsch mit einem gefühlvollen Schuss aus rund 20 Metern in den rechten Winkel, seinen zweiten Treffer zum 3:3-Endstand wuchtete der polyvalente Offensivakrobat im Stile eines echten Seeler-Völler-Müller-Stoßstürmers nach einem Abpraller über die Linie. Die unendliche Geschichte nach der Suche nach einer echten Neun war zumindest in diesem Moment kurzzeitig beendet.

Als es Havertz noch nicht die Stimme versagt hatte, hatte er vor Kurzem im „Kicker“ noch zum Besten gegeben, dass er sich grundsätzlich „in jede Position hineinversetzen“ könne. Aber: „Natürlich fällt es mir auf der Zehn etwas schwerer, weil ich bei Chelsea in den vergangenen eineinhalb Jahren eigentlich nur Mittelstürmer gespielt habe und das zwei komplett verschiedenen Positionen sind.“

Das weiß und wusste natürlich auch Trainer Flick, der im Hinblick auf die schon bald startende WM sich eine spezifische und eine sehr allgemeine Frage stellen muss. Die spezifische: Kann Havertz, dem seit seinem 80-Millionen-Euro-Wechsel von Leverkusen nach London 24 Tore und 14 Torvorlagen in 100 Chelsea-Einsätzen gelungen sind, die Torjäger-Debatte tatsächlich beenden? Und die sehr allgemeine Frage: Wo steht seine Mannschaft nun eigentlich nach dem schwachen 0:1 gegen Ungarn und dem ambivalenten 3:3 von Wembley?

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„Ich bin von Haus aus eher positiv. Ich klammere das Spiel gegen Ungarn komplett aus“, sagte Flick, der wahrscheinlich am liebsten auch die erste Halbzeit gegen England ausgeklammert hätte. „In der Abwehrkette müssen wir die Automatismen verbessern. Wir haben uns auch Chancen herausgearbeitet. Es ist wichtig, dass wir mit Überzeugung ins Spiel gehen.“

Viel Zeit, um mit einer gewissen WM-Überzeugung ins eigene Eröffnungsspiel gegen Japan zu gehen, hat die deutsche Mannschaft allerdings nicht mehr. Bereits in sechs Wochen muss sich Flick entscheiden, welche maximal 26 Akteure er in Richtung Arabien mitnehmen will. Am 13. November fliegt das DFB-Team ins Mini-Trainingslager nach Oman.

„Es ist wichtig, dass jeder einzelne Spieler in dieser Zeit noch ein bisschen an sich arbeitet“, sagte Flick, ehe er sich ein letztes Mal vor der WM von seinen Spielern verabschiedete. Bis zur endgültigen Nominierungsfrist muss auch er selbst noch ein wenig arbeiten. Die beiden Länderspiele gegen Ungarn und England haben deutlicher als erhofft gezeigt, dass er weder hinten noch vorne auf ein unverrückbares Gerüst setzen kann. Zudem muss der frühere Bayern-Trainer hoffen, dass die Mini-Krise des Rekordmeisters möglichst schnell beendet wird. „Ein guter FC Bayern ist auch gut für die Nationalmannschaft“, hatte einst Münchens Grandseigneur Uli Hoeneß gesagt. Im Umkehrschluss bedeutet das nur dummerweise auch, dass ein schlechter FC Bayern möglicherweise auch schlecht für die Nationalmannschaft sein kann.

Uli Hoeneß lobt Jamal Musiala

Apropos Uli Hoeneß. Der sagte am RTL-Mikrofon nach diesem rätselhaften 3:3 dann auch noch, dass ihm besonders Jamal Musiala imponiert habe, der „dem Druck standgehalten“ habe, nachdem die Medien den gerade einmal 19 Jahre alten Freigeist bereits „zum Messias“ stilisiert hätten. Von einem Messias wollte Flick freilich nichts wissen, betonte aber, was für „ein außergewöhnliches Talent“ dieser Nicht-Messias sei.

Auch Havertz ist natürlich kein Messias – obwohl er kurz vor seinem Kurztrip ins heimische Wimbledon doch noch so viele Sätze wie zuvor Tore zum Besten gab. „Wir haben noch sieben Wochen Zeit, die Fehler abzustellen“, sagte er sehr weise. „Vielleicht war das wieder ein gutes Spiel zum Lernen.“