Entdecker fremder Welten

Prof. Dr. Artie Hatzes sucht Planeten bei anderen Sternen und leitet seit zehn Jahren die Thüringer Landessternwarte Tautenburg. Ein Interview mit dem Wissenschaftler.

Prof. Dr. Artie Hatzes, Direktor der Thüringer Landessternwarte Tautenburg, vor dem Observatorium. Foto: Margit Kasper

Prof. Dr. Artie Hatzes, Direktor der Thüringer Landessternwarte Tautenburg, vor dem Observatorium. Foto: Margit Kasper

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Vor zehn Jahren kamen sie vom McDonald Observatorium in Texas nach Thüringen, um die Leitung der Landessternwarte in Tautenburg zu übernehmen. War das ein Kulturschock?

Auf jeden Fall. Ich musste ja erst einmal die Sprache lernen. Und Austin, Texas, wo ich wohnte, zählt fast eine Million Menschen. Jetzt bin ich in Weimar zu Hause. Alles ist kleiner, gemütlicher. Das Kulturangebot aber ist umfangreicher und vielfältiger.

Haben sich Ihre Hoffnungen in Tautenburg erfüllt?

Ich hatte nie zuvor davon gehört. Ich hoffte, dieses kleine Institut in ganz Europa und darüber hinaus bekannt zu machen. Das haben wir geschafft. Wir sind eine gute, international anerkannte Forschungseinrichtung.

Hat das Observatorium Weltklasse-Niveau?

Ich denke ja. Natürlich gibt es inzwischen weit größere, leistungsfähigere Teleskope. Aber wir betreiben hier Spitzenforschung. Dazu gehören die Suche nach Planeten außerhalb unseres Sonnensystems, Arbeiten zur Sternentstehung oder das Erforschen extragalaktischer Objekte.

Das Observatorium besteht seit nunmehr 50 Jahren. Wie feiern Sie das Jubiläum?

Mit einem internationalen Symposium vom 19. bis 22. Oktober. Wir erwarten rund 90 Astronomen und Astrophysiker aus 22 Ländern. Vor 50 Jahren war unser 2-Meter-Spiegelteleskop das fünftgrößte der Welt. It’s an oldie, but a goody (alt, aber gut), wie wir Amerikaner sagen. Wie eine gute Flasche Wein, je älter, desto besser. Auf dem Symposium wollen wir unter anderem zeigen, welche Forschungen mit 2- bis 4-m-Teleskopen in einer Zeit möglich sind, in der es bald bis zu zehnmal größere Beobachtungsgeräte geben wird. Die Suche nach extrasolaren Planeten ist dafür ein gutes Beispiel.

Inwiefern?

An großen Teleskopen wie der Europäischen Südsternwarte in Chile gibt es nur sehr begrenzte Beobachtungszeit – ein oder zwei Nächte pro Jahr. Der Wettbewerb ist riesengroß. Aber bei der Suche nach Exoplaneten brauchen wir 100 Nächte oder mehr, um die Signale des Planeten zu erfassen. Dazu nutzen wir Teleskope weltweit, auch kleine, wie eine Art Staffellauf um den Erdball und können so 24 Stunden ununterbrochen beobachten.

Mit welchem Erfolg?

Mit dem Tautenburger Teleskop haben wir 10 Exoplaneten gefunden. Derzeit sind bereits mehr als 450 dieser Planeten nachgewiesen. Es ist ein großes Forschungsgebiet und es gibt zahlreiche Teams, die die fremden Welten aufspüren wollen. Es ist wie bei einer Olympiade, jeder will der Erste sein.

Die Weltraumteleskope Corot und Kepler suchen ununterbrochen nach Hinweisen auf extrasolare Planeten. Wenn sie Kandidaten finden, brauchen wir Teleskope auf der Erde, um sie zu bestätigen. Das machen wir in Tautenburg. Ich denke, wenn ich in gut zehn Jahren in den Ruhestand gehe, sind über 1000 Exoplaneten bekannt. Die Astronomen finden immer kleinere, erdähnliche wie Corot 7b, an dessen Entdeckung wir in Tautenburg beteiligt waren. Darüber sind wir sehr froh.

Sie wollen die zweite Erde finden?

Das ist das größte Ziel. In den nächsten fünf Jahren haben Astronomen vielleicht einen erdähnlichen Planeten um einen anderen Stern und mit anderen Lebensformen gefunden.

Wir sind nicht allein im All?

Es gibt vielleicht viele Planeten, die ganz einfache Lebensformen haben. Doch solche Exemplare wie wir sind eher selten. Das ist nicht wie in Star Trek.

Warum diese Suche?

Es gibt tausende Sterne am Himmel. Seit Generationen fragen sich Menschen, ob es da draußen noch jemand gibt. Und es ist im Grunde auch eine philosophische Frage von hohem öffentlichen Interesse. Das zeigt nicht zuletzt der Besucherandrang zu unserem Tag der offenen Tür und zur "Langen Nacht der Sterne", zu der wir am 13. November wieder einladen.

Astronomen schauen inzwischen fast zu den Anfängen unseres Universums und haben vieles erklärt. Glauben Sie als Wissenschaftler an Gott?

Wir wissen längst nicht alles. Wie entstehen Planeten und Sterne? Wie häufig ist Leben im Universum? Ein großes Rätsel ist: Was war vor dem Big Bang? Niemand kann sagen, was vor dem Anfang der Zeit war. Ich denke, es muss etwas Größeres geben als uns.

Fasziniert Sie als Astronom der Sternenhimmel noch immer?

Jederzeit. Wenn ich an einem der Teleskope am La Silla-Observatorium der Europäischen Südsternwarte in Chile in langen Nächten Daten aufnehme, ist das oft ein bisschen langweilig. Dann gehe ich hinaus, sehe den wunderschönen Himmel und weiß wieder, warum ich Astronom geworden bin.

Weshalb eigentlich?

Die Geheimnisse dieses herrlichen Himmels zu lüften. Übrigens haben wir in Tautenburg trotz aller Lichtverschmutzung in unseren Breiten noch einen erstaunlich guten, das heißt dunklen, Nachthimmel.

Zur Astronomie bin ich als 12-Jähriger gekommen. Im Juni 1969 fragte mich meine Mutter, was ich mir zu Weihnachten wünsche. Ich sagte, ein Teleskop. Es war die Zeit des Apollo-Programms der Nasa. Im Juli landeten die ersten Menschen auf dem Mond und ich war natürlich ganz begeistert. Meine Eltern hatten nicht viel Geld. Ich glaubte nicht, diesen Wunsch erfüllt zu bekommen. Jetzt weiß ich, dass meine Mutter im Juni gefragt hat, um bis Dezember dafür sparen zu können. Das Teleskop steht heute in meinem Arbeitszimmer.

Warum aber wählten Sie die Suche nach Exoplaneten?

Ich verteidigte 1988 meine Doktorarbeit und suchte danach eine Forschungsstelle. Es gab eine Ausschreibung eines Wissenschaftlers in Texas. Dieser suchte jemand, der ihm hilft, extrasolare Planeten zu entdecken. Ich dachte: Ist der verrückt? Entschied mich dann doch dafür. Es war also ein Zufall, aber die beste Entscheidung meiner Karriere. Denn ich war von Anfang an dabei und kenne alle, die auf diesem Gebiet arbeiten.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Auf den Bau des Lofar-Antennenfeldes in Tautenburg als Teil eines neuen Radioteleskops mit Stationen in mehreren Ländern Europas. Damit hat das Observatorium ein weiteres Forschungsgebiet erschlossen, das neue Erkenntnisse über die Zeit kurz nach dem Urknall bringen soll.

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