Thüringer Gastgewerbe leidet unter Dokumentationszwang

Gera.  Durch Bürokratie entstehen Thüringens Gastronomen und Hoteliers jährlich hohe Kosten. Mit Blick auf die Corona-Krise fordert die IHK Ostthüringen eine deutlich Reduzierung.

Die Geraer Hotelbesitzerin Monika Lips hat seit 2012 hat den Vorsitz des Tourismusausschusses der IHK Ostthüringen inne und ist außerdem Vizepräsidentin des Thüringer Hotel- und Gaststättenverbandes.

Die Geraer Hotelbesitzerin Monika Lips hat seit 2012 hat den Vorsitz des Tourismusausschusses der IHK Ostthüringen inne und ist außerdem Vizepräsidentin des Thüringer Hotel- und Gaststättenverbandes.

Foto: Ulrike Merkel

Zwischen 15.000 und 60.000 Euro müssen Gastronomen und Hoteliers im Jahr für Bürokratie aufwenden. Für die Industrie- und Handelskammer Ostthüringen (IHK) deutlich zu viel. Auch mit Blick auf die schwierige Situation durch die Corona-Krise fordert die Kammer die Politik auf, Thüringer Unternehmen im Gastgewerbe „von unnötigen und aufwendigen Informations- und Meldepflichten zu befreien“. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog.

Allein in Ostthüringen würden davon 2700 Betriebe profitieren. Neue Gesetze sollten zudem künftig vor der Einführung in verbindlichen Praxis-Checks getestet werden.

Überflüssige Vorschriften gebe es viele, sagt Monika Lips, Inhaberin des Geraer Hotels Zwergschlösschen und Vorsitzende des Tourismus-Ausschusses der Industrie- und Handelskammer Ostthüringen. „So müssen laut Hygienevorschrift Gastro-Unternehmer zum Beispiel die Temperaturen von Kühlschränken täglich per Hand in ein Formular eintragen und ein Jahr aufbewahren – selbst dann, wenn sie über ein automatisches und digitales Mess-System verfügen.“ Auch für die Schankanlage müsse ein eigenes Buch geführt werden, erläutert Monika Lips. Ebenso wie für den Fettabscheider, also für jene Anlage, die Fette und Öle vom Abwasser trennt, bevor es in die Kanalisation fließt.

Gastro-Unternehmen leisten laut einer Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertages durchschnittlich 14 Überstunden pro Woche, um die bis zu 125 Bürokratie-Vorschriften zu erfüllen. Dazu zählen etwa Vorgaben zur Kassenrichtlinie, Hygieneüberwachung, Datenschutzgrundverordnung oder zur Kontrolle sogenannter „ortsfester und ortsveränderlicher Geräte“ durch Elektriker.

Auch die Meldezettel in Hotels und Pensionen sollten nach Ansicht der Ausschussvorsitzenden als umständliches „Relikt aus der Kaiserzeit“ endlich abgeschafft werden. Da Hotelmitarbeiter eh nicht befugt seien, sich Ausweispapiere vorlegen zu lassen, würden die Zettel keinesfalls helfen, Kriminalität einzudämmen. „Die Aussage des Scheins ist gleich Null“, betont Lips. „Aber die Bürokratie will es so, also wird der Meldeschein dem Gast vorgelegt, ausgefüllt, abgeheftet und jahrelang aufbewahrt.“

Allein die Dokumentationen des Zwergschlösschens umfassen knapp 50 Regalmeter. Als Monika Lips den Beruf der Hotelfachfrau erlernte, dachte sie bei Leibe nicht daran, mit welchen gesetzlichen Verpflichtungen sie sich mal beschäftigen muss. Ähnlich geht es ihrem Koch. Ein spontanes Saisongericht könne er nicht mehr zubereiten. Denn jede Speise, Beilage und Soße müsse aufwendig dokumentiert werden, damit man es dem Gast, falls gewünscht, vorlegen könne. „Gefragt hat noch keiner“, sagt Monika Lips.

Von den mehr als 100 Vorschriften betreffen laut IHK Ostthüringen 57 Prozent auch andere Branchen, beispielsweise die Vorgaben zu Personal, Betriebsführung, Steuern und Sozialabgaben. „Somit würde die Umsetzung der Vorschläge für Bürokratie-Entlastungsmaßnahmen zu einem umfassenden Reduktionsprogramm beitragen“, hebt die Kammer hervor.

Biografisches

  • Monika Lips ist gelernte Hotelmeisterin.
  • Seit 2012 hat sie den Vorsitz des Tourismus-Ausschusses der IHK Ostthüringen inne und ist außerdem Vizepräsidentin des Thüringer Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga.
  • In dritter Generation führt die 49-Jährige das Geraer Zwergschlösschen. Das Hotel mit Restaurant verfügt über 18 Zimmer.