Zweimal im Monat begeben sich Lena und Jasmin (*) auf eine Besuchstour durch Erfurt, die man eine besondere nennen muss: Hinter den Türen, an denen sie klingeln, arbeiten Frauen als Prostituierte.

Lena (25) ist Studentin, Jasmin (26) arbeitet nach ihrem Lehramtsstudium als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Erfurter Universität. Beide gehören zur kirchlichen Gruppe „Eliora“ . Die Frauen betrachten sich nicht als Sozialarbeiterinnen. Sie ermuntern bei ihren Gesprächen nicht zum Ausstieg. Sie stellen nicht die Arbeit der Frauen infrage und erwarten es auch nicht von ihnen. „Wir bieten ihnen“, sagen sie, „das Gespräch an.“ Worüber auch immer die Frauen reden wollen, die Entscheidung liegt bei ihnen.

Viele sind überrascht, einige wünschen kein Gespräch

Wenn sie an den Türen klingeln, haben sie eine Rose für die Frauen in der Hand. Das stiftet, sagen sie, schon mal eine Offenheit. Viele sind zunächst überrascht, einige wünschen kein Gespräch, andere freuen sich über das Angebot. Auch wenn sich das Gespräch nicht immer einfach gestaltet, weil die Sprachbarrieren groß sind. Sehr viele Frauen, die sie besuchen, kommen aus Osteuropa. Die Familien dort, vor allem die Kinder sind das Thema, worüber sie häufig reden. Dann holen sie das Handy heraus und zeigen Fotos.

Wenn man Lena und Jasmin nach den Gründen ihrer Besuche fragt, sprechen sie von menschlicher Wertschätzung. Man könnte es auch ein Zeichen weiblicher Solidarität nennen. Die sollen die Frauen erfahren, von denen in der Gesellschaft ein so stigmatisierendes Bild vorherrscht, weil man gemeinhin annimmt, sie würden sich aus freien Stücken prostituieren. Aber so sei es eben nicht. Sie sprechen von einer großen Grauzone, die sie Armutsprostitution nennen.

Eine junge Mutter aus Bulgarien erzählte von ihren Kindern, deren Vater sie verlassen hatte, die jetzt bei den Großeltern leben und dass von dem Geld, das sie schickt, die gesamte Familie zu Hause leben muss. Viele Geschichten, sagen sie, ähneln sich. Und es sei immer wieder bewegend zu erfahren, mit welcher Dankbarkeit die Frauen auf dieses Gesprächsangebot reagieren. Sie haben schon in einem Bordell mit den Frauen dort Advent gefeiert. Mit Kuchen und Geigenspiel.

Abhängigkeit und Gewalterfahrungen

Natürlich wissen sie, dass Strukturen hinter dem harten Geschäft mit der Prostitution stecken. Sie wissen von Abhängigkeiten, von Gewalterfahrungen, die bei vielen Frauen lebenslange Traumata hinterlassen. Sie beschäftigen sich viel mit dem Thema. Und natürlich würden sie Hilfe anbieten, wenn sie darum gebeten würden.

Aber die Frauen, sagen sie, sind sehr vorsichtig bei dem, was sie erzählen, und sie selbst fragen nicht danach. Um die Frauen nicht zu gefährden und sich selber. Der Grund auch, warum Lena und Jasmin um Anonymität bitten.

Vor allem dürfen die Türen für ihre Gespräche nicht verschlossen werden. Denn die Isolation, in die die Frauen gezwungen werden, sehen die „Eliora“-Aktivistinnen als Riesenproblem. Die Sprachbarriere ist das eine. Das andere ist der ständige Ortswechsel, zu dem die Frauen von den Strukturen gezwungen sind. Viele verschwinden nach einer oder zwei Wochen, manche tauchen nach einer Zeit wieder auf, so ihre Erfahrungen. Bedingungen, unter denen es den Frauen so gut wie unmöglich ist, von Hilfsangebote überhaupt zu wissen. Sofern es sie überhaupt gibt. In Erfurt zum Beispiel, bemerkt Lena, gebe es keine spezialisierte Anlaufstelle. Auch die Debatten um die Ausgestaltung des vor zwei Jahren in Kraft getretene Prostituiertenschutzgesetz führt weitestgehend an der Realität vorbei, finden sie. Denn sie gingen von den starken und selbstbewussten Frauen aus, die selbstbestimmt als Prostituierte arbeiten. Aber das ist nur eine kleine Minderheit.

Die Frauen, an deren Türen Lena und Jasmin klingeln, gehören nicht zu ihnen.

  • *Die Frauen bitten um Anonymität, ihre Namen sind der Redaktion bekannt.

Das könnte Sie auch interessieren:

Auch interessant

Auch interessant

Auch interessant

Elena Rauch