Szenen aus einem bewegten Leben: Ehepaar aus Vierzehnheiligen feiert 70. Hochzeitstag

Wanda und Egon Türk begehen in Vierzehnheiligen das seltene Fest der Steinernen Hochzeit. Sie sind jetzt 70 Jahre verheiratet.

Steinerne Hochzeit in Vierzehnheiligen: Wanda und Egon Türk mit Pfarrer Tilman Krause(links) und Ortsteilbürgermeister Harald Seime. Foto: Frank Döbert

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Vierzehnheiligen. Das Jubiläum der Steinernen Hochzeit - 70 Ehejahre - das erreichen wohl nur die wenigsten Paare. In Vierzehnheiligen allerdings gab es gestern Anlass zum Feiern dieses Festes im Hause von Wanda und Egon Türk. Die beiden im 90. Lebensjahr stehenden Jubilare hatten 1943 geheiratet und seitdem fast ein dreiviertel Jahrhundert miteinander verbracht. Zu den ersten Gratulanten gehörten Ortsteilbürgermeister Harald Seime und Pfarrer Krause. Sogar Bundespräsident Joachim Gauck ließ es sich nicht nehmen, den Jubilaren per Schreiben und eigenhändiger Unterschrift zu gratulieren. "Am wichtigsten ist, den Lebens­humor nicht zu verlieren", sagte Harald Seime. Gewiss haben beide eine ordentliche Portion davon. So war selbst die Jubilarin überrascht, wie viel ihr Mann an diesem Tag aus seinem Leben zu erzählen hatte. "So viel wie heute hat er sonst in sechs ­Wochen nicht mit mir geredet", meinte sie trocken.

Der aus Stobra bei Apolda ­gebürtige Egon Türk hatte in der Tat viel erlebt. Wie ein roter ­Faden zogen sich zwei Entscheidungen durch sein Leben, die er als 17-Jähriger getroffen hatte: sich 1940 als Freiwilliger zur Luftwaffe zu melden, um dem Reichsarbeitsdienst zu entgehen. Und im selben Jahr lernte er beim Landfilm in Altengönna seine Wanda aus Vierzehnheiligen kennen. Während er als junger Flieger in einer Ju 88 in halb Europa, vom Balkan bis nach Kreta, im Fronteinsatz war, blieben sie sich treu, verlobten sich 1942 und heirateten im Jahr ­darauf. 1944 kam er für wenige Tage in russische Gefangenschaft, dann 1945 bei den Amerikanern. Der Wendepunkt war der 17. Juni 1953. Der gelernte Elektriker arbeitete an diesem Tag mit seinen Kollegen auf einer Baustelle bei Schott und entschied sich, mit vielen anderen Arbeitern in der Stadt zu demonstrieren. So war er bei der Erstürmung des Gefängnisses am Steiger dabei, durch den auch ein Gefangener aus Krippendorf und einer aus Altengönna befreit und Polizisten in die Zellen gesperrt wurden. Später war er unter denen, die in die SED-Kreisleitung am Holzmarkt eindrangen und in der Falle saßen, als russische Soldaten das Gebäude abriegelten. Ihm und wenigen anderen gelang es jedoch, über eine Luftschutztür auf dem Dachboden zu entkommen. Die nächsten Tage ging er vorsorglich nicht zu Schott, weil er sonst wie viele ­andere festgenommen worden wäre. Versteckt in einem Lkw von Schott wurde er zu einer Baustelle der Firma in Gehlberg evakuiert, wo er sicher war. Dass er am Streik teilgenommen hatte, sickerte später dennoch durch. Nachdem er 1954 zum Bürgermeister von Vierzehnheiligen gewählt worden war, inszenierte der Rat des Kreises unter Verweis auf den 17. Juni 1953 und auf die ihm fehlenden "politischen und moralischen Eigenschaften" am 12. Juli 1957 seine Amtsenthebung. Auch, dass er sich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatte, wurde ihm immer wieder vorgeworfen. Zwei Jahre später wurde ihm bei der PGH "Heinrich Hertz" gekündigt. Später arbeitete er sich dennoch bis zum Betriebsleiter des Kreisbetriebes für Landtechnik in Postendorf empor - aber ohne Parteimitgliedschaft blieb es ihm versagt, jemals ausgezeichnet zu werden. Anfang der 1990er-Jahre konnte er seine Stasi-Akte in Gera einsehen und fand, was er vermutete: dass er in Vierzehnheiligen von Denunzianten umgeben war. "Ich kenne meine Pappenheimer", sagt er. Bis in die jüngste Zeit macht er sich um die Chronik von Vierzehnheiligen verdient, forschte häufig in den Archiven. Dem Stadtarchiv Jena erwies er einen großen Dienst, indem er schwer lesbare, weil in Sütterlinschrift verfasste alte Protokollbücher transkribierte und sie so lesbar machte. Ein Buch hat er aber nicht selbst geschrieben. Das kam zwar in den 1960er-Jahren heraus und war als Fortsetzungsroman in der damaligen "Volkswacht" erschienen: "Der Froschmann in der Oder". Der Krimi stammte aus der Feder eines ihm bekannten Apoldaer Polizisten, der es aber nicht unter seinem Namen veröffentlichen durfte und den von Egon Türk angab.

All diese Geschichten aus einem bewegten Leben werden sicher noch oft zu erzählen sein - den vier Kindern, sieben Urenkeln und einem Ururenkel. Sie sollten aufgeschrieben werden.

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