Gastronomie

Italien: Pizzerien und Restaurants bangen um ihre Existenz

Micaela Taroni
| Lesedauer: 5 Minuten
Beliebte Reiseziele im Spätsommer

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Rom/ Berlin  Auch in Italien wütet die Inflation. Hohe Energiekosten und Altlasten aus der Pandemie bedrohen tausende gastronomische Betriebe akut.

"Big Mamy" heißt die Trattoria, das Gasthaus mit typisch römischen Köstlichkeiten im Viertel San Giovanni, einem der am dichtesten bevölkerten Stadtteile Roms. Pasta all'amatriciana bis hin zu Carbonara und Gnocchi servieren die Inhaberin Laura Ramoni und ihre Tochter. Obwohl ihr Lokal mittags und abends berstend voll mit Touristen und Einheimischen ist, bangt Ramoni um ihre Zukunft.

Was sie aufregt, ist die letzte Stromrechnung für Juni und Juli: 2600 Euro, drei Mal mehr als sonst. "Die Stromrechnung ist enorm gestiegen, Schuld daran ist auch die Klimaanlage, die wegen diesem Sommer mit Rekordtemperaturen ständig eingeschaltet ist. Wir können unsere Kunden doch nicht vor Hitze ersticken lassen", seufzt Laura bei gleißendem Sonnenlicht an einem September-Sonntag mit Badewetter.

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Hohe Strompreise schocken Gastronomen: Tausende Restaurants vor dem Aus

Ihrer Wut wegen der hohen Stromrechnung macht die Gastronomin Luft, indem sie eine erhängte Puppe im Schaufenster ihres Lokals angebracht hat. "Die Stromrechnung ist eingetroffen", ist unter der Puppe zu lesen. Damit will Laura ihren Kunden begreiflich machen, warum sie ihre Preise wohl oder übel erhöhen musste. "Neben Strom und Gas zahle ich 3000 Euro Miete plus 400 Euro pro Monat, um die Mietrückstände zu begleichen, die ich während der akutesten Phase der Pandemie nicht zahlen konnte. Ich musste damals Mitarbeiter entlassen, weil wir sonst zu viele Ausgaben gehabt hätten. Und jetzt führen wir das Geschäft zu dritt: Ich, meine Tochter und ihr Freund", erklärt sie.

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Laura beißt die Zähne zusammen. Ihr Lokal hatte sie vier Monate vor Ausbruch der Pandemie im Februar 2020 eingeweiht, wirklich keine ideale Zeit. "Nach der harten Phase der Corona-Restriktionen, die der Gastronomie schwere Schäden zugefügt hat, konnten wir uns langsam aufraffen. Die Energiekrise ist nun ein weiterer schwerer Schlag für uns", meint sie.

Italienische Kulinarik in der Krise: Energiekosten steigen um 400 Prozent

Wie Laura bangen viele Kleinbetriebe in Italien um ihre Zukunft. Mindestens 10 Prozent der Gastronomiebetriebe in Italien sind aufgrund der hohen Energiepreise in Europa von der Schließung bedroht, darunter viele Pizzerien, ein Wahrzeichen der italienischen Gastro-Kultur. "Vor allem die jüngeren und weniger soliden Cafés, Bars und Restaurants wackeln", berichtet Aldo Cursano, Vizepräsident des Gastronomieverbands Fipe-Confcommercio

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Laut Schätzungen des Handelsverbands Confesercenti wird das Gaststättengewerbe im nächsten Jahr fast zwei Milliarden Euro mehr für Energie und Gas ausgeben, als in den vorangegangenen zwölf Monaten. "Die letzten Rechnungen, die wir für den Zeitraum Juni-Juli erhalten haben, weisen Steigerungen von bis zu 400 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf. Ein Schlag, der rund 30.000 Gastronomiebetriebe in den Ruin treiben könnte", warnt der Verband.

Konditoreien und Eisdielen benötigen besonders viel Strom

Angaben des Handelsverbands (Confcommercio) zufolge haben die Strompreiserhöhungen bei den kleinen Unternehmen des Lebensmittelsektors – in dem 70.000 Handwerksbetriebe mit 271.000 Beschäftigten tätig sind – in den letzten zwölf Monaten zu einer Erhöhung der Strom- und Gasrechnungen von circa 1,2 Milliarden Euro geführt. Vor allem bei den 17.500 Eissalons und Konditoreien sind die Rechnungen im letzten Jahr um durchschnittlich 300 bis 350 Prozent gestiegen.

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Laut Confcommercio ist das Szenario, das sich zwischen heute und dem ersten Halbjahr 2023 abzeichnet, dramatisch. Etwa 120.000 kleine Unternehmen im Dienstleistungsbereich und 370.000 Arbeitsplätze könnten vor dem Aus stehen.

Scheidende Regierung plant milliardenschweres Hilfsprogramm

Um Kleinbetriebe zu unterstützen, plant die Regierung des scheidenden Premiers Mario Draghi ein Hilfspaket mit Maßnahmen in der Größenordnung von 13 Milliarden Euro. Damit sollen die Benzinpreise bis Mitte Oktober gedrückt werden. Einkommensschwache Familien und Kleinunternehmen sollen bei der Zahlung der Stromrechnungen unterstützt werden, Familien können die Stromrechnungen auch ratenweise begleichen.

Italien will Energie sparen und im Winter weniger heizen. Ab Oktober werden die Heizkörper im Land am Tag eine Stunde weniger an bleiben, wobei die Temperatur um ein Grad gesenkt wird. Im wärmeren Süden des Landes könnten die Heizkörper auch zwei Stunden weniger pro Tag eingeschaltet sein.

Die Energiekrise beeinflusst auch den Wahlkampf für die italienischen Parlamentswahlen in zwei Wochen. So ruft die Zentrumspartei "Azione" zu einem "Waffenstillstand" unter den politischen Gruppierungen in der letzten Phase des Wahlkampfes auf, um über Maßnahmen gegen die Energiekrise zu diskutieren.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.