Wandern

Urlaub in den Alpen ist wegen Klimawandel lebensgefährlich

Micaela Taroni und Jonas Erlenkämper
| Lesedauer: 4 Minuten
Unglück am Marmolata-Gletscher: Hoffnung schwindet

Unglück am Marmolata-Gletscher- Hoffnung schwindet

Nach dem Gletscherabbruch in den italienischen Alpen schwindet die Hoffnung, die vermissten Bergsteiger noch lebend zu finden. Die Zahl der Todesopfer stieg inzwischen auf sieben. Ministerpräsident Mario Draghi brachte das Unglück mit dem Klimawandel in Verbindung.

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Trient/München.  Gletscherkatastrophe in den Dolomiten zeigt: Wandern wird immer gefährlicher. Wie der Klimawandel den Tourismus im Alpenraum bedroht.

Das letzte Todesopfer, das die Retter nach der Gletscherkatastrophe in den Dolomiten bergen konnten, ist auch das jüngste. Einsatzkräfte entdeckten am Samstag inmitten von Eis und Geröll die zerschmetterte Leiche des 22 Jahre alten Nicolò Zavatta.

Nur wenige Minuten vor dem Unglück hatte der Student seinem Vater noch ein Foto geschickt, auf dem er stolz lächelnd mit Rucksack, Eispickel und gelbem Helm auf dem Marmolata-Berg posiert.

Nach der massiven Eislawine am Sonntag vor einer Woche, die elf Bergsteiger und Bergsteigerinnen in den Tod gerissen hatte, kommen die Dolomiten nicht zur Ruhe. Am Freitag hat sich unweit der norditalienischen Unglücksstelle ein Felssturz ereignet, bei dem glücklicherweise niemand verletzt wurde.

Doch die sich häufenden Meldungen von Abbrüchen vielerorts in den Alpen werfen die Frage auf, ob Sommerurlaub in den Bergen eine lebensgefährliche Angelegenheit wird. Mehr zum Thema: Gletscherbruch: Deutsche Touristen kämpfen ums Überleben

Urlaub in den Alpen trotz Klimawandel?

Klimaexperten zufolge waren die hohen Temperaturen der vergangenen Wochen ein Grund für den Gletscherabbruch an der Marmolata, dem höchsten Berg der Dolomiten – verursacht durch den Klimawandel. Hochalpine Bergwanderungen werden immer mehr zu einem großen Risiko.

In der Provinz Trient, in der die Marmolata liegt, gibt es bereits Bestrebungen, Alarmsysteme für Bergsteiger einzuführen. „Rote Fahnen auf den einsturzgefährdeten Gletschern könnten Alpinisten helfen, bewusstere Entscheidungen zu treffen“, sagt Landeshauptmann Maurizio Fugatti. „Die Situation in den Alpen hat sich zutiefst verändert.“

Nirgendwo ist der Klimawandel so stark messbar wie im Alpenraum. Die Temperaturen sind dort in den vergangenen 100 Jahren doppelt so stark angestiegen wie im globalen Durchschnitt. Seit 1970 hat sich das Klima in den Alpen um etwa 1,8 Grad Celsius erwärmt. Mit verheerenden Folgen: Die Erwärmung bewirkt, dass die Schneedecke schmilzt und mehr Geröll Richtung Tal rutscht – die Gebirge werden instabil.

Schon jetzt sind Wanderrouten nicht mehr oder nur noch im Winter begehbar, weil immer wieder Steine niederprasseln. Straßen, Hänge, ganze Berge müssen gesperrt werden. Auch interessant: Die Alpen: Warum ist Europas Schutzschild bedroht?

Tourismus in den Dolomiten auf der Kippe

Der Marmolata-Gletscher wird wochenlang nicht mehr zugänglich sein. Die Trentiner Tourismusbranche bangt um die weitere Sommersaison, die nach zweieinhalb Pandemiejahren gerade erst in Schwung gekommen war. Paolo Grigolli, Fremdenverkehrspräsident im Trentiner Fassa-Tal, fordert eine gemeinsame Strategie der Gebirgsregionen: „In den Bergen bestehen Gefahren, das ist nun einmal so. Angesichts des Klimawandels ist Vorsicht eine absolute Notwendigkeit“, so Grigolli. „Es gibt Aspekte im Tourismus, für die wir in allen Regionen des Alpenbogens eine gemeinsame Linie finden müssen.“

Die Veränderungen sind mit bloßem Auge erkennbar. Vielerorts in den Bergen liegt Schutt, wo noch vor ein paar Jahren Eis und Schnee glitzerten. Laut Deutschem Alpenverein müssen sich die Landstriche im Alpenraum damit abfinden, dass Urlaub im Gebirge künftig anders aussehen wird.

Langfristig sei Bergsteigen wohl nur noch im Winter möglich. In den Ötztaler Alpen etwa „werden bei dem heutigen Trend in 30 bis 40 Jahren die meisten Gletscher verschwunden sein“, heißt es. Und in Bayern kommen auf Skifahrer schwere Zeiten zu. Trotz künstlicher Beschneiung sei bis Mitte des Jahrhunderts voraussichtlich jedes zweite Skigebiet nicht mehr schneesicher. Lesen Sie hier:

In Allgäuer Alpen steht Felssturz bevor

In den Allgäuer Alpen ist mit Gletscherabbrüchen wie jenem in den Dolomiten wohl nicht zu rechnen. Allerdings droht eine andere Gefahr: Felsstürze. Akut gefährdet ist seit einigen Jahre der Hochvogel, ein 2592 Meter hoher Berg, dessen Gipfel auf der Grenze zwischen Deutschland und Österreich liegt.

Ein klaffender Riss droht die Südseite abstürzen zu lassen. Wann das passieren wird, können Geologen zwar nicht zuverlässig voraussagen. Der Bäumenheimer Weg, über den Wanderer zum Gipfel gelangen konnten, ist aber bereits seit 2014 gesperrt. Vorsichtshalber.

Nicolò Zavatta wird nicht das letzte Todesopfer in den Bergen gewesen sein. Dessen Vater fand am Wochenende bei einer Trauerfeier rührende Worte: „Für uns wirst du immer so in Erinnerung bleiben, wie du auf dem letzten Foto abgebildet bist: Vor Glück strahlend auf den Felsen.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.