Fassungslosigkeit in der Erfurter SPD, ein sichtlich angegriffener Oberbürgermeister: Der 26. Mai 2024 endet mit einer faustdicken Überraschung. Nicht Amtsinhaber Andreas Bausewein geht als Sieger aus der OB-Wahl hervor, sondern sein CDU-Herausforderer und bisheriger Sicherheitsdezernent Andreas Horn. Dabei hatten Bausewein und sein Wahlkampf-Team noch auf interne Umfragen vertraut, wonach die Chancen gut stehen, dass das Stadtoberhaupt an seine 18-jährige Regierungszeit noch eine vierte Amtszeit anschließen könnte.
Nicht einen Wahlbezirk kann der Amtsinhaber für sich beanspruchen
Dass es zur Stichwahl kommt, gilt schon im Vorfeld als ausgemacht. Womöglich gegen den AfD-Kandidaten. Doch der prominente Co-Landeschef Stefan Möller landet abgeschlagen auf dem dritten Platz. CDU-Kandidat Horn aber zieht an Bausewein vorbei. Zwei Wochen später wird er im direkten Duell 64,2 Prozent der Stimmen holen, Bausewein nur 35,8. Nicht einen Ortsteil kann der Amtsinhaber holen.
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Besonderer Platz in der Stadtgeschichte
Hätte Bausewein die Wahl gewonnen, wäre ihm ein besonderer Platz in der Stadtgeschichte sicher gewesen. Mit 24 Amtsjahren hätte er der am längsten dienende Oberbürgermeister werden können in den gut 150 Jahren, seit es dieses Amt gibt. Dennoch endet in Erfurt eine Ära. Bausewein ist in den 35 Jahren seit der Wende erst der zweite frei gewählte OB der Stadt, zwei Jahre länger im Amt als sein Vorgänger Manfred Ruge (CDU).
Zweimal schenken die Erfurter Bausewein aufs Neue das Vertrauen
Mit Seitenhieben auf den Vorgänger, mit dem Versprechen, frischen Wind in die Stadt zu bringen, die Verfilzungen der 16-jährigen CDU-Dominanz aufzulösen, war Bausewein im Jahr 2006 selbst überraschend ins Amt gekommen. Mit 33 Jahren ist er der bis dahin jüngste Oberbürgermeister in Deutschland. Den meisten Erfurtern gefällt der neue Führungsstil, zweimal wählen sie ihren Oberbürgermeister wieder ins Amt. Er holt die Buga nach Erfurt, trifft Papst Benedikt auf dem Domplatz, kämpft für den Umbau des Steigerwaldstadions, treibt die Bewerbung um den Unesco-Welterbetitel für Erfurts jüdisch-mittelalterliches Vermächtnis voran.
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Oberbürgermeister und Verwaltung agieren zunehmend selbstgefällig
Zuletzt aber verlässt den Politikprofi Bausewein das Gespür für die Stimmungen in der Stadt. Im Stadtrat, in den Ortsteilen, auch in der Bevölkerung wächst der Unmut über eine zunehmend selbstgefällige Verwaltung, die auf viele Wünsche und Initiativen eher gereizt und abweisend reagiert. Wichtige Themen werden verschleppt, der Kampf gegen den Personalmangel in der Stadtverwaltung etwa, der an vielen Stellen immer spürbarer wird und zahlreiche Projekte lähmt. Als am Theater Missbrauchsvorwürfe laut werden, entlässt Bausewein die Gleichstellungsbeauftragte, während die Führung des Hauses nur zögerlich in die Verantwortung genommen wird.

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Am 1. Juli dieses Jahres endet die Ära Bausewein. Sein Nachfolger verspricht frischen Wind, einen neuen Führungsstil. Wird es Andreas Horn ähnlich gelingen, das Vertrauen der Erfurter zu gewinnen? Die kommenden Monate werden dabei wohl eine entscheidende Rolle spielen.







