System und Monotonie bestimmen die Arbeit in der Lagerbranche, damit jeder Artikel, der irgendwo auf der Welt produziert und per Klick bestellt wurde, seinen Kunden erreicht. Bis auf sonntags verpacken und sortieren die mehr als 2000 Lagerarbeiterinnen und Lagerarbeiter im Erfurter Amazon-Standort Stotternheim beinahe rund um die Uhr Pakete.

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Die zuvor üblichen 10‑Stunden-Schichten wurden zum September abgeschafft. Dreimal täglich treten die Mitarbeiter fortan zu 8‑stündigen Einsätzen an. Es ist die offensichtlichste Änderung der Arbeitsbedingungen seit der Kritikwelle vor mehr als sechs Monaten.
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„Diese Entscheidung haben wir gemeinsam mit dem Betriebsrat getroffen. Der Standort wächst, wir können zusätzliche Arbeitsplätze schaffen und Kundenbestellungen weiterhin schnell und zuverlässig bearbeiten“, erläutert ein Unternehmenssprecher.
Einigen Mitarbeitern des benachbarten Zalando-Lagers, das Ende September endgültig schließt, dürfte diese Botschaft gelegen kommen. An allen deutschen Standorten erhöhte Amazon zudem zum Anfang des Monats den Lohn. Einsteiger erhalten nun statt 15,80 Euro 16,45 Euro brutto pro Stunde. Ab dem zweiten Jahr steigt der Stundenverdienst auf 18,31 Euro für einfache Tätigkeiten. Fachkräfte starten mit 22,48 Euro in den Job.
Für einige Amazon-Arbeiter endete der Vertrag Ende August
Allen fünf aktuell befragten Beschäftigten und ehemaligen Beschäftigten ist der Grund für den neuen Zeitplan unklar. Einerseits bewerten sie die kürzere Arbeitszeit als Entlastung. Andererseits bedeute die Umstellung gerade für Vollzeitangestellte, die außerhalb Erfurts wohnen, wöchentlich eine zusätzliche Tagesschicht samt Fahrtzeit.
Für einen Schwung der Belegschaft kam zum 31. August das ordentliche Ende ihres Vertrags. Der Bedarf an Arbeitskräften schwankt in der Branche, turnusmäßige Einstellungen und Entlassungen und eine insgesamt hohe Fluktuation sind üblich. Auch die Mehrheit der sieben Mitarbeiter, die im Dezember und Januar von unserer Zeitung zu den Arbeitsbedingungen im größten Amazon-Logistikzentrum Europas befragt worden sind, hat mittlerweile woanders einen Job gefunden.

Anlass der ersten Recherche war der Tod eines Mitarbeiters am 17. November 2025 während der Schicht. Der 59-Jährige hatte sich zuvor mit Krankheitssymptomen bei seinem Vorgesetzten gemeldet. Gemeinsam entschieden sie, dass er zunächst eine Pause machen sollte. Auf der Firmentoilette erlitt der Mann daraufhin einen Herzinfarkt. Vielleicht hätte er gerettet werden können. Rund drei Monate zuvor waren die Betriebssanitäter vor Ort entlassen worden.
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Vielleicht hätte er aber auch nicht gerettet werden können. Jedes Fehlverhalten seitens der Vorgesetzten oder der Betriebsführung bleibt Spekulation. Mangels Hinweise auf einen Anfangsverdacht einer Straftat ließ die Erfurter Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen fallen. „Wir haben unser Ersthelfer-Programm in Erfurt erheblich ausgebaut: Dort sind mehr als 300 Kolleg:innen entsprechend geschult. Damit übererfüllen wir sämtliche Vorgaben um ein Vielfaches“, schreibt das Unternehmen jetzt wie bereits im Januar.
Auch an anderen Standorten gab es Kritik
Dennoch entfachte der Vorfall eine Debatte, die sich durch den Thüringer Landtag, die Erfurter Gesellschaft und überregionale Medien zog. Bereits in der Vergangenheit hatten die Arbeitsbedingungen an deutschen Standorten für Schlagzeilen gesorgt. Ein rigoroses Leistungsprinzip auf Kosten der Angestellten taucht dabei immer wieder auf und wurde auch von Erfurter Betroffenen angebracht. Demnach wirke sich ein hoher Produktionsdruck von der obersten Geschäftsführung auf die untersten Ebenen aus.
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Ein Beispiel, das sich in diesem Licht betrachten lässt, ist eine Prämie, die der Konzern im Frühjahr 2017 an seinen deutschen Standorten eingeführt hatte. Bis zu 10 Prozent des Bruttomonatsgehalts kamen damit Angestellten zu, wenn eine ihnen zugeordnete Arbeitsgruppe selten krank war. Die Maßnahme sollte der überdurchschnittlich hohen Krankheitsrate in den Standorten entgegenwirken. Auf die heftige Kritik von Gewerkschaften und Arbeitsrechtlern hin wurde der Gruppen-Gesundheitsbonus im November 2018 wieder abgeschafft.
Wie die Lagerbranche insgesamt zieht die Arbeit am Erfurter Amazon-Standort vermehrt ausländische Mitarbeiter an, häufig mit geringen beruflichen Qualifikationen, teilweise unsicherem Aufenthaltsstatus und mangelnden Deutschkenntnissen. Diese Voraussetzungen machen eine Abhängigkeit von der Anstellung wahrscheinlicher, genauso wie die Angst vor einer Entlassung.
Die Erfassung der Leistung erfolgt automatisch
Jaber Alhay Henedy erging es ähnlich, nun sucht er eine neue Arbeit. Dass sein Vertrag am Erfurter Standort nicht verlängert würde, habe der 33-Jährige bereits erwartet. Die Mühe, ihm das nach seiner 14-monatigen Anstellung persönlich oder per Mail mitzuteilen, habe sich niemand gemacht: „Ich dachte, da kommt vielleicht ein Manager mal auf mich zu, aber so habe ich erst zum Schichtende endgültig erfahren, dass das mein letzter Tag war“, erzählt er.

Ein weiterer ehemaliger Mitarbeiter, dessen Vertrag im April vier Tage vor dem Anlaufen eines unbefristeten Vertrags ausgelaufen sei, berichtet von einer ähnlichen Handhabe. „Wenn das Unternehmen mich früher informiert hätte, ob mein Vertrag verlängert würde oder nicht, hätte das vieles für mich leichter gemacht“, sagt der 33‑Jährige. Er kenne ehemalige Kollegen, die wie Jaber Alhay Henedy bis zum letzten Arbeitstag im Unklaren geblieben seien, ob eine Vertragsverlängerung in Aussicht stehe. Traurig um das Ende ihrer Beschäftigung am Erfurter Amazon-Standort seien beide Männer allerdings nicht.
„Viele bei Amazon arbeiten wie Roboter“, sagt Jaber Alhay Henedy, „im Vertrag stand nicht, dass ich pro Stunde 260 Artikel lagern muss.“ Ob er dem Pensum gerecht wurde, sei vor allem von der Größe und Schwere der Bestellungen abhängig gewesen, die er zu verstauen hatte. Die Leistung der Beschäftigten, die statt ihres Namens im Betrieb nur eine Nummer tragen, werde weiterhin mit einer KI berechnet. Die KI, so die Annahme einiger Mitarbeiter, berechne die Arbeitsleistung losgekoppelt von den Umständen vor Ort. Wegen der engmaschigen Arbeitskontrolle der Arbeitsleistung hat die französische Datenschutzaufsicht im Jahr 2024 32 Millionen Euro Strafe gegen den Konzern verhängt.
Der Umgang mit Krankheit bleibt Thema
„Amazon nutzt aus, dass viele ihre Rechte nicht kennen, die Sprache nicht sprechen und Angst vor einer Kündigung haben“, bekundet Jaber Alhay Henedy. Er selbst sei aktuell im Einbürgerungsverfahren und habe die vertragliche Laufzeit deswegen nicht frühzeitig beenden wollen. Dank einer Ausbildung zum Veranstaltungstechniker am Theater in Jena sei er sich seiner Arbeitsrechte bewusst und habe sich nach einem Konflikt an den Betriebsrat gewandt. „Im Betriebsrat sind dieselben Teamleiter und Manager, mit denen die Leute Probleme haben“, sagt er.
Ob du Urlaub anmelden oder dich krankmelden kannst, hängt davon ab, wer dein Team betreut.
Anonymer ehemaliger Mitarbeiter
Im Zentrum der wiederkehrenden Reibungen mit seinem Teamleiter standen nach Al Henedys Aussage insbesondere Urlaubsanträge. „Das gab immer Probleme“, sagt er. Einmal habe er zudem einen wichtigen Arzttermin während einer Schicht gehabt und auch nach mehrmaligem Bitten im Voraus nicht gehen dürfen. „Ob du Urlaub anmelden oder dich krankmelden kannst, hängt davon ab, wer dein Team betreut“, ergänzt ein weiterer ehemaliger Beschäftigter, der anonym bleiben will. Sein Vertrag ist ebenfalls im August ausgelaufen.

Wieder klingt der Schwerpunkt der Betroffenenaussagen aus der vorherigen Recherche an: Druck, die Krankheitsrate niedrig zu halten. „Als ich im April eine Woche krank war, musste ich versprechen, dass das nicht wieder vorkommt, um dabeizubleiben“, erzählt Jaber Alhay Henedy. „Das war immer noch genauso da, vor allem vor August, wenn viele Verträge auslaufen“, bestätigt auch der weitere ehemalige Betroffene.
„Nach dem ersten Jahr kannst du krank sein“, sagt eine 24-jährige Mitarbeiterin. Ein anderer Kollege stimmt dem ebenfalls zu. Andere Befragte berichteten hingegen von einer insgesamt positiven Erfahrung, beispielsweise ein Mitarbeiter der ebenfalls in Erfurt ansässigen Buchdruckabteilung.
Ein Wandel der Arbeitskultur sei nicht erkennbar
Viel geändert hat sich im Wesentlichen nicht, aber Amazon gibt sich Mühe, es so aussehen zu lassen.
Matthias Adorf, Thüringer Verdi-Sekretär
Unzufriedenheit unter einigen Mitarbeitern besteht wohl an jedem Arbeitsplatz. Die Kritik der Mitarbeitenden, insbesondere derer, die den Betrieb kürzlich verlassen haben, könnte deswegen vernachlässigbar sein. Der Thüringer Verdi-Sekretär, Matthias Adorf, sieht das anders: „Viel geändert hat sich im Wesentlichen nicht, aber Amazon gibt sich Mühe, es so aussehen zu lassen“, sagt er. Aus Sicht der Gewerkschaft würden kranke Mitarbeiter weiterhin aussortiert oder benachteiligt.
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Schon seit Jahren kritisiert Verdi die Bedingungen in den Logistikzentren des amerikanischen Onlinehändlers. Regelmäßig besuchen Gewerkschaftsvertreter den Erfurter Standort und weisen die Angestellten auf ihre Rechte hin. „Man möchte die sachgrundlose Befristung auf vier statt bisher zwei Jahre erweitern“, fügt Matthias Adorf hinzu. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mitarbeiter so lange durchhält, sei ohnehin gering.
Beweise für diese Annahme liegen unserer Redaktion nicht vor. Eine Anstellungsdauer seit der Standorteröffnung in Erfurt Stotternheim, im Mai 2024, kam unter allen Befragten bisher nicht vor. Dass sich der Umgang mit den Arbeitnehmern in den vergangenen Monaten verändert habe, sei in der Belegschaft nicht spürbar, heißt es.









