Im Vorjahr konnte die Thüringer Mordkommission den inzwischen 20 Jahre alten Mord an Doreen S. aufklären. Die 34-jährige Frau war in Schöten, einem Ortsteil von Apolda, Mitte Januar 2004 in ihrem VW Beetle erschossen worden, als sie am zeitigen Morgen zur Arbeit fahren wollte.

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Seit vergangenem Dezember stehen vier Männer in Erfurt vor Gericht. Der Ehemann soll den Mord in Auftrag gegeben, die anderen drei Angeklagten sollen ihn gemeinschaftlich ausgeführt haben. Bisher schweigen die Männer zu den Vorwürfen.

1. Was passierte am 16. Januar 2004 in Schöten?

Es ist der 16. Januar 2004: Doreen S. steigt in ihren grünen VW Beetle und fährt entlang der schmalen Gasse vom Wohnhaus zur Dorfstraße. Schüsse hallen durch den Ort, die Frau und ihr Auto werden an der Einmündung von mehreren Projektilen getroffen.

Der Motor heult auf, ihr VW Beetle schnellt nach vorn und kommt an einer kleinen Mauer auf einer Wiese neben der Straße zum Stehen. Doreen S. stirbt eine Stunde später an einem Kopfschuss im Krankenhaus, ohne Hinweise auf den Täter geben zu können.

Es sollen sieben Schüsse auf die Frau und ihr Auto abgefeuert worden sein.

Seit dem 18. Dezember des Vorjahres verhandelt die Schwurgerichtskammer am Landgericht Erfurt gegen vier Angeklagte wegen des Mordes an Doreen S.     
Seit dem 18. Dezember des Vorjahres verhandelt die Schwurgerichtskammer am Landgericht Erfurt gegen vier Angeklagte wegen des Mordes an Doreen S.    © Kai Mudra | Kai Mudra

2. Gibt es Zeugen für den Mord?

Ihr Lebensgefährte stand damals im Dunkeln vor der Eingangstür, schaute ihr beim Losfahren hinterher und drehte sich dann um. Es ist 3.45 Uhr am Morgen. Er habe Schüsse gehört, erinnert sich der heute 60-Jährige im Februar vor Gericht. Als er wieder in Richtung Auto schaute, habe er einen Blitz wahrgenommen.

Dann sei im Licht der Straßenlaterne zuerst eine Pistole zu sehen gewesen und kurz darauf ein Mann, der auf den Beetle geschossen habe. Den mutmaßlichen Schützen konnte der Zeuge nicht genauer erkennen. Er stand knapp 80 Meter von ihm entfernt.

Ihren Lebensgefährten hatte die Ermordete im Sommer 2003 kennengelernt, als dieser sie im Scheidungsverfahren gegen ihren Mann als Anwalt vertreten hatte.

3. Was waren damals die ersten Ermittlungsschritte der Polizei?

Kurz nach dem Mord setzte die Kripo der damaligen Polizeidirektion Jena die 30-köpfige Sonderkommission „Beetle“ ein, benannt nach dem Auto der Toten. Die Ermittler sicherten unter anderem Projektile und Patronenhülsen am Tatort und am Fahrzeug, sammelten Zigarettenstummel ein, um DNA-Spuren zu analysieren.

Doch diese passten bisher zu keiner der Polizei bekannten Personen. Auch ein Schmauchspurentest scheiterte, er liefert keine brauchbaren Ergebnisse, sodass ein damals 42-jähriger Beschuldigter nach nur einem Tag wieder freigelassen werden musste.

Insgesamt verfolgten die Ermittler damals 55 Spuren und vernehmen etwa 500 Personen, ohne ein wirklich greifbares Ergebnis. 2006 wird die Akte Doreen S. vorerst geschlossen, aber nicht vergessen.

4. War der Mord der erste Angriff auf die erschossene Frau?

Nein. Die 34-Jährige soll bereits im Oktober 2003, also wenige Monate vor dem Mord, am zeitigen Morgen auf dem Weg zur Arbeit in ihrem Auto von einem Mann mit einer Pistole bedroht worden sein. Das sagte eine offenbar gute Freundin der Getöteten im Februar vor Gericht aus.

Der Mann soll Doreen S. mit vorgehaltener Pistole in ihr Auto gezwungen haben. Als sie losfahren sollte, sei sie noch einmal ausgestiegen, weil ihre Brille neben der Fahrertür lag. Sie hatte diese absichtlich fallengelassen. Weil auch der Mann mit der Pistole wieder ausgestiegen war, konnte die 34-Jährige in ihr Auto springen und losfahren.

Doreen S. erstattete Anzeige. Ob sie wusste, wer sie bedroht hatte, bleibt unklar. Zur Tatzeit lebte sie bereits mit ihrem Anwalt zusammen und das Scheidungsverfahren war eingeleitet worden.

5. Wie ist die Polizei doch noch den Angeklagten auf die Spur gekommen?

Am 13. Januar 2020 führten eine Beamtin und ein Beamter der Kriminalpolizeiinspektion Weimar (KPI) mit einem Untersuchungshäftling im Gefängnis Suhl-Goldlauter ein informelles Gespräch. Der Gefangene wollte als Informant zum Mord in Schöten eine Bewährungsstrafe in seinem anstehenden Drogenprozess erreichen.

Nach Rücksprache mit den zuständigen Staatsanwaltschaften wurde für den 31. Januar 2020 ein Vernehmungstermin abends im Gefängnis vereinbart, das gab die Ermittlerin im Mai vor Gericht an. Der Gefangene lieferte in der als Video vorliegenden Vernehmung Hinweise.

So solle es sich bei der Tat um einen Auftragsmord handeln, der von drei Personen ausgeführt wurde. Der Häftling wusste auch, dass sich bei dem Mord eine Person verletzt habe und er soll den Ermittlern weitere Namen möglicher Mitwisser genannt haben. Er hatte seine Informationen von einem maschinengeschriebenen Blatt abgelesen.

Die Ermittlungen wurden nach der Vernehmung des Häftlings durch die KPI Weimar an das LKA in Erfurt abgegeben. Dort gründete sich im Juni 2020 die zentrale Mordkommission, die später diesen Altfall übernommen hatte. Unklar ist, woher der Gefangene die Informationen zum Mord hatte.

Die KPI musste die Ermittlungen an das LKA abgeben.

Kriminalbeamtin als Zeugin

6. Wie lange dauerten die erneuten Ermittlungen zu dem 20 Jahre alten Mord an?

Die erneuten Ermittlungen sollen länger als zwei Jahre angedauert haben, sehr aufwendig und kostenintensiv gewesen sein. Polizeitaucher suchten sogar im Norden Erfurts in mehreren Seen nach der mutmaßlichen Tatwaffe. Im März des Vorjahres klickten dann die Handschellen bei den vier Angeklagten.

Im Norden von Erfurt suchen die Ermittler und Polizeitaucher im Juni des Vorjahres nach Beweismitteln für die Mordermittlungen im Fall Doreen s.. 
Im Norden von Erfurt suchen die Ermittler und Polizeitaucher im Juni des Vorjahres nach Beweismitteln für die Mordermittlungen im Fall Doreen s.. © Funke Medien Thüringen | Kai Mudra

Nachdem sich die Geschichte des Häftlings als plausibel erwiesen hatte, wurde „das große Besteck ausgepackt“: Verdeckte Ermittler waren im Einsatz, Telefone wurden überprüft, Peilsender verwendet, sagte Oberstaatsanwalt Rainer Kästner-Hengst am Rand des Prozessauftaktes Mitte Dezember des Vorjahres.

7. Wer ist wegen des mutmaßlichen Auftragsmordes angeklagt?

Angeklagt ist der heute 63-jährige Ehemann der Ermordeten, Bernd Sch. Er soll laut Anklage den Mord an seiner Ehefrau in Auftrag gegeben haben. Damit würde er bei einer Verurteilung bestraft wie ein Mörder.

Die Brüder Marco und Daniel G. sowie Daniel B., im Alter zwischen 43 und 46 Jahren, sollen den Mord gemeinsam ausgeführt haben. Sie seien laut Anklage einem gemeinsamen Tatplan gefolgt und hätten der Frau an der Einmündung aufgelauert, wobei Daniel B. die Schüsse auf das sich nähernde Fahrzeug abgegeben habe.

Er ist der Angeklagte, der bei der Tat eine Fußverletzung erlitten haben soll.

8. Was ist bisher über das Mordmotiv bekannt?

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 63-Jährigen in der Anklage vor, dass er mit dem Mordauftrag einen wirtschaftlichen Ruin durch ein laufendes Scheidungsverfahren von sich abwenden wollte. Deshalb soll er einem der Mitangeklagten 30.000 Euro für die Tötung seiner Frau geboten haben.

10.000 Euro seien in bar geflossen. Für die übrige Summe sollen Raten vereinbart worden sein, heißt es. Der Mitangeklagte habe seinem Bruder 10.000 Euro gezahlt und dem vierten Angeklagten einen Schuldenerlass aus Drogengeschäften für dessen Tatbeteiligung geboten, so die Staatsanwaltschaft. Dieser Angeklagte soll die Schüsse abgegeben haben.

9. Welche Aufgaben hatten die verdeckten Ermittler?

Die Mordkommission hatte den verdeckten Ermittler (VE) „Peter“ eingesetzt, ein deutscher Polizeibeamter mit einer Tarnidentität. Außerdem beteiligte sich noch die „Vertrauensperson“ (VP) „Sonja“ an der Aufklärung. Sie ist eine Schweizer Polizeibeamtin mit Erfahrung bei VE-Einsätzen.

Die Verteidigung des 63-Jährigen hatte den Einsatz der verdeckt operierenden Polizisten massiv kritisiert. Aus Sicht einer Anwältin würden die Ermittler mit dem Einsatz der Schweizer Beamtin deutsches Polizeirecht unterlaufen, war eines der Argumente. Zudem werde das Recht ihres Mandanten, zu schweigen, durch den Einsatz von Sonja missachtet.

Die Verteidigung fordert Beweisverwertungsverbote. Der Oberstaatsanwalt weist die Vorwürfe zurück. Die Schwurgerichtskammer am Landgericht Erfurt lässt die Vernehmungen der beiden Beamten zu den Einsätzen als VP und VE zu.

Allerdings wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen, als die beiden Ermittler von den Prozessbeteiligten befragt werden. Beide waren nicht im Verhandlungssaal anwesend, sondern wurden per Livestream so zugeschaltet, dass ihre Gesichter nicht erkennbar waren, um ihre Identitäten zu schützen.

Letztlich sollte mithilfe des verdeckten Ermittlers und der Vertrauensperson ein Geständnis des Ehemanns als mutmaßlicher Anstifter erlangt werden.

10. War der Einsatz der verdeckt operierenden Ermittler erfolgreich?

Aus Sicht der Ermittler und der Staatsanwaltschaft, ja. Am 8. März des Vorjahres soll der angeklagte Ehemann die Anstiftung zum Mord an seiner Frau vor damals 19 Jahren gestanden haben. An diesem Tag traf sich der Angeklagte ein letztes Mal mit der Schweizer Polizistin, die er nur als „Sonja“ kannte, im Park an der Ilm in Weimar.

Der Mitschnitt des Treffens wurde Anfang Juni vor Gericht öffentlich abgespielt. Ein Audioexperte des LKA in Brandenburg hatte dafür unter anderem Störgeräusche aus der Aufnahme herausgefiltert. Die Legende der Schweizer Polizistin waren ihre Probleme mit ihrem eigenen Ehemann, den sie loswerden wollte, weil die Trennung nicht so richtig vorankam.

In dem Gespräch durfte keine Situation entstehen, die einem Verhör gleicht, war eine der rechtlichen Vorgaben, die eingehalten werden mussten. Sonja ließ sich Tipps geben, was sie machen sollte. Irgendwann erreichte dann das Gespräch auch den Mord. Der Angeklagte erklärte, anderthalb Monate davor, eine Entscheidung getroffen zu haben.

Dass es um die Ehefrau ging, kann nur aus dem Kontext geschlossen werden. Sollte es aber so sein, könnte es auch um den Auftrag zum Mord gegangen sein. Ein Kollege habe „die Leute in die Spur geschickt“, ist vom angeklagten Ehemann zu hören. Für ein Urteil muss die Schwurgerichtskammer entscheiden, ob die Beweise zulässig sind und für eine Verurteilung ausreichen.

11. Wann ist mit einem möglichen Urteilen in dem Prozess zu rechnen?

Das kann derzeit noch nicht vorhergesagt werden. Bis Mitte Dezember hat das Gericht noch knapp 20 Verhandlungstage angesetzt. Vorerst geht die Schwurgerichtskammer offenbar weiter von einem dringenden Tatverdacht der Angeklagten aus. Ein im Juni gestellter Antrag auf Aussetzen der Untersuchungshaft für Daniel G. wurde von der Kammer abgelehnt.