Kurz vor 11 Uhr am Sonntagvormittag erreichte das erste kleine Zubringerboot die Hafenmole von Granadilla im Süden Teneriffas. An Bord: die ersten Passagiere der „MV Hondius“ – jenes Expeditionskreuzfahrtschiffs, auf dem ein Hantavirus-Ausbruch drei Menschen das Leben kostete und das daher seit Tagen internationale Behörden und die Weltöffentlichkeit in Atem hält. 

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Die Szenen des Rücktransports an Land erinnerten an Corona-Zeiten: In Schutzkleidung gehüllt, mit FFP2-Masken vor Mund und Nase, stiegen 13 spanische Passagiere und ein spanisches Besatzungsmitglied aus dem Zubringerboot. Sie durften nur Handgepäck mitnehmen, das in Plastiksäcke verpackt war. Wenig später saßen sie in einem roten Bus der militärischen Katastrophenschutzeinheit UME. Ziel der Busfahrt war ein komplett abgeschirmter Bereich des Flughafens Teneriffa Süd. Dieser ist nur zehn Minuten entfernt. Jeden Tag kommen dort Tausende Urlauber an oder fliegen ab. 

Hantavirus auf Kreuzfahrtschiff

Kreuzfahrtschiff evakuiert: Passagiere per Sonderflügen ausgeflogen

Später folgten dann sechs niederländische und vier deutsche Passagiere. Sie wurden zusammen mit einem Mediziner der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der auf den Kapverden an Bord gegangen war, mit einer Sondermaschine in die Niederlande ausgeflogen. Ziel war der Militärflughafen Eindhoven. Dort sollten Einsatzkräfte der Feuerwehr Essen und der Feuerwehr Frankfurt dann die Deutschen abholen. Die Niederlande übernahmen auch den Rücktransport von Staatsbürgern aus Belgien und Griechenland.

Weitere Sonderflüge mit Bootspassagieren gingen am Sonntag unter anderem nach Kanada, Frankreich, Großbritannien, Irland und in die USA. Für Montag wurde ein letzter Flug für Reisende aus Australien, Neuseeland und mehreren asiatischen Ländern erwartet.

Virusschiff „MV Hondius“: Spanisches Ärzteteam untersucht Passagiere

Die „MV Hondius“ hatte Teneriffa in den frühen Morgenstunden von den Kapverdischen Inseln kommend erreicht. Das Schiff durfte aus Sicherheitsgründen nicht am Kai anlegen, sondern musste einige Hundert Meter entfernt im Hafenbecken von Granadilla ankern. Kurz vor Sonnenaufgang ging ein spanisches Medizinerteam an Bord, um Passagiere und Besatzungsmitglieder erneut zu untersuchen.

„Das Team, das an Bord die epidemiologische Bewertung vornimmt, teilt uns mit, dass weiterhin alle Passagiere symptomfrei sind“, erklärte Spaniens Gesundheitsministerin Mónica García. Sie beobachtete zusammen mit WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus im Hafen die Evakuierungsaktion. Dort war ein Großaufgebot aus Sanitätern, Polizisten, Hafenpersonal und Katastrophenschützern im Einsatz – samt gelbem Feldlazarett und provisorischer Leitstelle. Mehrere Krankenwagen warteten in der Nähe. Auf dem Wasser umkreisten Boote der Guardia Civil und der Seenotrettung das Schiff. Über dem Hafen kreisten ein Hubschrauber und Polizeidrohnen. 

Wegen Hantavirus: Evakuierung strikt abgeschirmt und politisch umstritten

Die Logistik der Operation folgte einem strengen Sicherheitsprinzip: kein Kontakt zur Bevölkerung, kein Kontakt zu Urlaubern, keine normale Abfertigung. Die Passagiere wurden durch einen abgeschirmten Transportkorridor vom Schiff über die Hafenmole zum Flughafen gebracht. Dort stiegen sie, ohne auf andere Reisende zu treffen, in die bereitstehenden Maschinen. „Die Operation wurde so geplant, dass jede Begegnung mit der lokalen Bevölkerung vermieden wird“, sagte Gesundheitsministerin García.

HV Hondius carrying suspected hantavirus cases approaches Port of Granadilla
Schutzkleidung, FFP2-Masken und abgeschirmte Transportkorridore: Die Evakuierung des Kreuzfahrtschiffes „MV Hondius“ erfolgt unter strengen Auflagen.© IMAGO/Anadolu Agency | IMAGO/Andres Gutierrez

Die Evakuierung war politisch bis zuletzt umstritten. Die kanarische Regionalregierung hatte sich gegen die Ankunft des Schiffes gewehrt. Regionalpräsident Fernando Clavijo warnte noch in der Nacht zum Sonntag, er werde das Ankern im Hafen von Granadilla nicht autorisieren. Sollte Spanien das Schiff dennoch aufnehmen, trage Madrid die Verantwortung für mögliche Folgen. 

Die spanische Regierung, die einer Bitte der WHO folgte, ordnete die Aufnahme der „MV Hondius“ schließlich an. „Einen sicheren Hafen anzubieten, ist eine moralische und rechtliche Pflicht gegenüber unseren Bürgern, Europa und dem Völkerrecht“, begründete Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez die Entscheidung. 

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WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus wandte sich in einem Aufruf an die Bevölkerung Teneriffas und sagte: „Ich weiß, dass Sie besorgt sind. Ich weiß, dass Erinnerungen hochkommen, wenn Sie das Wort ‚Ausbruch‘ oder ‚Epidemie‘ hören – Erinnerungen, die keiner von uns ganz überwunden hat. Aber ich möchte, dass Sie mich klar verstehen: Das ist kein zweites Covid‑19. Das derzeitige Risiko für die öffentliche Gesundheit durch das Hantavirus bleibt gering.“

Das Hantavirus wird in der Regel über Nagetiere und deren Ausscheidungen übertragen. Bei der in diesem Ausbruch nachgewiesenen südamerikanischen Andes-Variante sind in seltenen Fällen auch Übertragungen von Mensch zu Mensch möglich. Auf der „MV Hondius“ wurden nach jüngsten Angaben sechs Hantavirus-Fälle bestätigt, hinzu kamen zwei Verdachtsfälle. Drei Menschen starben: ein niederländisches Ehepaar und eine deutsche Passagierin.

Hantavirus-Ausbruch - Teneriffa
Spanische Regierungsbeamte besprühen auf dem Flughafen von Teneriffa Passagiere mit Desinfektionsmittel, bevor diese ein Flugzeug besteigen.© AP/dpa | Arturo Rodriguez

Ein besonders sensibler Punkt in der Debatte um die „MV Hondius“: Könnten sich auch mit dem Virus infizierte Ratten oder Mäuse an Bord befinden? Genau diese Sorge hatte auf den Kanaren zusätzliche Unruhe ausgelöst. Der spanische Gesundheitsstaatssekretär Javier Padilla erklärte am Sonntag jedoch, Fachleute hätten das Schiff untersucht und keine Nagetiere entdeckt. „Die Wahrscheinlichkeit, dass ein in den Anden heimisches Nagetier an Bord gelangt und schwimmend die kanarische Küste erreicht, ist gleich null.“ Nach Abschluss der Ausschiffung wird die „MV Hondius“ im Laufe des Montags mit einer Restbesatzung in die Niederlande weiterfahren. Dort soll das Schiff desinfiziert werden.