Lange sieht es so aus, als würden die Journalisten bei der Wahlparty des BSW im Erfurter Dompalais unter sich bleiben. Erst kurz vor 18 Uhr brandet plötzlich Beifall auf. Während sich gut 80 Reporter und etwa zwei Dutzend BSW-Zugehörige eben noch fragten, wo eigentlich das Spitzenpersonal des BSW bleibt, treten plötzlich beide Frontfrauen Katja Wolf und Sahra Wagenknecht aus einem Seitengang gemeinsam vor die Bühne. Anders als vorher erwartet, ist Wagenknecht doch wieder nach Thüringen gekommen. Wolf lässt ihr bei ihren Anhängern den Vortritt.

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Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
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Dann geht es schnell: Die erste Hochrechnung mit über 14 Prozent sieht den BSW auf Platz drei und drei Prozent vor den Linken. Im Laufe des Abends werden es fast 16 Prozent. Auf frenetischen Jubel folgen herzliche Umarmungen zwischen den führenden BSW-Köpfen. Sie habe Gänsehaut, sagt Wolf unter anhaltendem Beifall. Unter einem ganz besonderen, historischem Moment mache man es an diesem Wahlabend nicht. Eine Partei, die sich vor fünf Monaten in Thüringen gegründet habe, ziehe aus dem Stand in den Landtag ein mit einem absolut historischen Ergebnis.. Man werde das Vertrauen nicht enttäuschen.
Wagenknecht lächelt sogar den Farbanschlag von vor einigen Tagen weg. Ein Idiot habe gezeigt, wie das Klima im Land sich verhärtet habe, sagt sie. Wolf ist da schon auf dem Weg in den Landtag. Ins Dompalais wird sie an diesem Abend nicht noch einmal zurückkehren. Den ganzen Abend über bleibt die Thüringer BSW-Chefin eine gefragte Gesprächspartnerin in den großen Nachrichtensendungen. Wie sie zieht auch ein Teil des BSW-Trosses weiter. In der Geschäftsstelle der Partei gibt es eine zweite Party nur für Unterstützer.
Wagenknecht mit Forderungen bei möglicher Regierungsbeteiligung
Später mischt sich Sahra Wagenknecht noch einmal unter die Journalisten und gibt Interviews. Auf die Frage unserer Redaktion, wie sich der BSW in Thüringen jetzt angesichts des Wahlergebnisses verhalten soll, sagt Wagenknecht: „Natürlich haben wir den Thüringern versprochen, dass wir, der BSW, die Thüringer Spitzenkandidaten, eine gute Regierung auf den Weg bringen. Aber eine gute Regierung heißt, dass es eine Regierung ist, die umsetzt, was die Menschen erwarten, Maßnahmen gegen den Unterrichtsausfall, mehr Lehrer, mehr Polizisten, und natürlich auch, die Stimme zu erheben für mehr Diplomatie und gegen die US-Mittelstreckenraketen, die in Deutschland stationiert werden sollen“ Außerdem wolle man etwas für kleine Unternehmen tun und Corona aufarbeiten. Nach der Veröffentlichung der RKI-Files wolle das BSW auf Landesebene mit anstoßen, dass sich die verantwortlichen Politiker vor einem Untersuchungsausschuss verantworten müssen.
Eine Gute Regierung in Thüringen muss das umsetze, was die Menschen erwarten.
Sahra Wagenknecht, BSW-Gründerin
Für mögliche Regierungsbeteiligung müsste CDU über Brandmauer springen
Längst spielen BSW-Vertreter an ihren Handys mögliche politische Konstallationen durch. Für eine Regierungsbeteiligung mit der CDU bräuchte es nach laufendem Stand die Linke. Wird die CDU dafür über die selbstgesetzte Brandmauer springen, ist immer wieder zu hören? Stefan Wogawa auf Listenplatz 15 eruiert die Wahrscheinlichkeit angesichts der aktuellen Hochrechnungen, es über die Liste in den Landtag zu schaffen. Der ehemalige Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums und Gastwissenschaftler für Biologiedidaktik an der Friedrich-Schiller-Universität würde gern nach 25 Jahren bei den Linken künftig Gesundheitspolitik im BSW machen. Dass das BSW den Linken die Stimmen weggenommen haben könnte, schreckt ihn nicht. Es sei legitim, als neue Partei ein besseres politische Angebot zu machen.

Partei-Gründerin will in Thüringen mitreden
Sahra Wagenknecht schaut später noch bei BSW-Wahlparty Nr. 2 in der Parteizentrale in der Magdeburger Allee vorbei. Gegen 21.30 Uhr verlässt sie den Hauptsitz des BSW durch einen Seitenausgang und fährt in einem dunklen SUV davon. Begleitet wird sie von einem Polizeibus mit Blaulicht. In den ARD-Tagesthemen wird Katja Wolf später gefragt, ob ihre Partei genug Minister für eine mögliche Regierungsbeteiligung hätte. Man sei so attraktiv, dass viele mitmachen wollen, versichert die Thüringer Spitzenkandidatin. Sahra Wagenknecht habe ihrerseits klar formuliert, dass sie in Gespräche mit einbezogen werden soll, dass Sondierungs- und Koalitionsgespräche aber Sache des Landesverbandes seien.




