Berlin. Der steigende Anteil der Briefwähler beeinflusst am Wahltag die ersten Prognosen. Experten rechnen mit größeren Fehlerquoten als früher.
- Bei der Bundestagswahl wird eine Rekordzahl von Briefwählern erwartet
- Nach ersten Hochrechnungen zeichnet sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen ab
- Doch wie genau sind Hochrechnungen und Prognosen?
Die 18-Uhr-Prognosen am Sonntagabend der Bundestagswahl könnten erstmals größere Abweichungen aufweisen als bei den vergangenen Bundestagswahlen. Denn der Anteil der Briefwähler wird weitaus höher als früher erwartet – und wird aber nur als Erfahrungswert aus vorherigen Wahlen in die Befragung einbezogen.

Erste Prognosen wie die Bundestagswahl ausgegangen ist, gibt es in der Regel direkt nach dem Schließen der Wahllokale um 18 Uhr. Forschungsinstitute befragen dazu vor den Wahllokalen Wählerinnen und Wähler. Die Forschungsgruppe Wahlen plant mit etwa 70.000 Befragungen am Wahltag. In einer quasi simulierten zweiten Wahl stimmen die Befragten noch einmal ab, machen dazu noch soziodemografische Angaben. Die Teilnehmer werden nach dem Zufallsprinzip nach dem Verlassen des Wahllokals angesprochen.
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18-Uhr-Prognose am Wahltag: Größere „Fehlerwahrscheinlichkeit“ erwartet
Die Prognosen hatten in den vergangenen Jahren nur geringe Abweichungen vom tatsächlichen Endergebnis. „In diesem Jahr besteht die besondere Herausforderung darin, dass ein Großteil der Wähler per Brief wählt und diese Briefwähler nicht am Wahltag befragt werden können“, sagt Peter Matuschek, Leiter Politik und Sozialforschung bei Forsa. „Das könnte dazu führen, dass die 18-Uhr-Prognosen bei dieser Bundestagswahl weniger genau sind als in früheren Jahren.“
Auch Matthias Jung vom Vorstand der Forschungsgruppe Wahlen rechnet für die 18-Uhr-Prognosen, aber auch für die ersten Hochrechnungen mit einer „etwas größeren Fehlerwahrscheinlichkeit, als man das von früheren Wahlen gewohnt ist“.
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Ungewisser Faktor: Briefwählenden-Anteil könnte sich verdoppeln
Der Anteil der Briefwähler stieg bei den vergangenen Wahlen zuletzt stetig. Schon bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz im März erhöhte sich der Anteil der Briefwähler von 31 Prozent auf 66 Prozent. In Sachsen-Anhalt hat sich der Anteil der Briefwähler bei den vergangenen Landtagswahlen ebenso mehr als verdoppelt – von 13,7 im Jahr 2016 auf 29,4 Prozent im Juni diesen Jahres. Bei der Bundestagswahl 2017 lag der Anteil der Briefwählenden bei 28,6 Prozent. Experten erwarten jetzt mindestens 40 Prozent der abgegebenen Stimmen per Brief. Bundeswahlleiter Georg Thiel rechnet sogar mit einer möglichen Verdoppelung der Briefwählenden im Vergleich zu 2017.
Die 18-Uhr-Prognosen werden aber nur aufgrund der Befragungen vor den Wahllokalen erstellt, lassen also die Briefwähler aus. „Wobei zwei erfahrungsbasierte Korrekturen vorgenommen werden“, erklärt Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen. Einmal die Briefwahlabweichung und die Berücksichtigung von Dunkelziffern insbesondere beim Ergebnis der AfD. Die Dunkelziffer bei den AfD-Wählern ergibt sich, weil ein Teil dieser Wählerschaft nicht an der Befragung teilnehme. Dementsprechend müssten die AfD-Ergebnisse der Umfrage durch entsprechende Gewichtung nach oben korrigiert werden, so Jung.
Hochrechnung: Die Briefwähler werden sukzessive dazugezählt
Ähnlich sehe es bei den späteren Hochrechnungen aus, bei der die Ergebnisse der Wahltagsbefragung sukzessive durch die tatsächlich ausgezählten Ergebnisse in den Urnenwahllokalen ersetzt werden, sagt Jung.
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Die Auszählung der abgegebenen Stimmen, ob als Brief oder direkt im Wahllokal, beginnt erst um 18 Uhr.
Auch für Infratest dimap stellt der steigende Briefwähleranteil eine Herausforderung dar. Geschäftsführer Michael Kunert erklärt, dass bei seinem Institut die Briefwählerstimmen anhand von Vorwahlerhebungen und Erfahrungen aus der Vergangenheit mit eingepreist werden. „Insofern können die 18-Uhr-Zahlen eine etwas größere Differenz zum Endergebnis aufweisen als vor vier Jahren“, so Kunert. Für die Hochrechnungen sieht er später am Abend kein Problem mehr.
Nach 18 Uhr fließen die ausgezählten Ergebnisse in die Hochrechnungen ein. „Wie immer werden sowohl eine Stichprobe von Urnen- als auch von Briefwahlbezirken im Vorfeld ausgewählt. So soll im Laufe des Abends die Briefwahl angemessen berücksichtigt werden“, hofft Michael Kunert von Infratest-dimap.
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