Kommentar

Für die Verkehrswende ist ein Umparken im Kopf nötig

Berlin.  Eine neue Mobilität ist dringend notwendig. Damit das gelingt, braucht es allerdings keine Verbote, sondern positive Botschaften.

Fahrräder an einem Fahrrad-Stellplatz in Freiburg.

Fahrräder an einem Fahrrad-Stellplatz in Freiburg.

Foto: Patrick Seeger / dpa

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Die Deutschen wollen auch künftig Autos mit Verbrennungsmotor nutzen und damit in die Stadt fahren – das ist die wichtigste Aussage einer wissenschaftlichen Studie des RWI zum Thema Klima und Verkehr. Gleichzeitig zeigen sich die befragten Haushalte aufgeschlossen dafür, die Luft in den Städten zu verbessern und Fahrrädern und dem Nahverkehr mehr Platz einzuräumen.

Was auf den ersten Blick paradox erscheint, passt durchaus zusammen. Die Deutschen sind sehr wohl offen für eine Verkehrswende. Sie darf nur nicht allzu radikal ausfallen. Jeder ist bereit, sein Verhalten zu ändern. Aber er will nicht dazu gezwungen werden.

Ob das gut gehen kann? Es ist schwer vorstellbar, dass die Klima- und Verkehrswende, die wir so dringend brauchen, fast von allein passieren wird. Die Studie gibt aber Hinweise, wie sie gelingen kann.

Verkehrswende: Der öffentliche Nahverkehr muss besser werden

Dass die großen deutschen Städte ein Verkehrsproblem haben, ist offenkundig. Die Staus morgens und abends sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Busse und Bahnen sind fast den ganzen Tag über voll. Dass sich Menschen in Waggons quetschen, passiert nicht nur in London oder Tokio, sondern immer öfter in Berlin, München oder Hamburg.

Das liegt am Zuzug in die Me­tropolen, aber auch an grundsätzlich zunehmender Mobilität. Familien wohnen nicht mehr notwendigerweise an einem Ort. Der neue Job liegt nicht mehr in derselben Stadt. Und auch wer online einkauft, schickt den Lieferwagen des Paketdiensts auf die Straße.

Es liegt im ureigenen Interesse von Großstadtbewohnern und Pendlern, dass der öffentliche Nahverkehr besser wird. Busse und Bahnen müssen öfter fahren, sie müssen pünktlicher ans Ziel kommen. Kaum jemand hat deshalb etwas gegen neue Busspuren. Und eine Mehrheit der Befragten ist dafür, Fahrradwege auszubauen, sogar wenn dies zulasten von Autoparkplätzen geht. Das allein zeigt: Die Bereitschaft ist da, neue und bessere Angebote zu nutzen, wenn sie nützlich und umweltfreundlich sind.

Auto ist kein Statussymbol mehr

Was es nicht gibt, ist die Bereitschaft, das bisherige Verhalten bestrafen zu lassen: Autofreie Innenstädte, höhere Parkgebühren oder höhere Steuern auf Diesel – das alles stößt auf Ablehnung. Die Deutschen wollen sich auch nicht von ihrem aktuellen Auto trennen.

Anders lässt sich nicht erklären, dass eine Mehrheit dagegen ist, in 16 Jahren (!) Neuwagen mit Verbrennungsmotor zu verbieten. Andererseits ist eine noch größere Mehrheit dafür, mehr Ladesäulen für Elektroautos aufzustellen. Beides zusammen zeigt: Niemand will sich sein Auto wegnehmen lassen. Aber die Bereitschaft, den Quantensprung hin zum Elektroauto zu machen, ist riesengroß.

Für immer weniger Menschen ist das eigene Auto ein Statussymbol. Für viele ist es noch das Sinnbild für unbegrenzte Mobilität. Für den Großteil der normalen Leute aber ist es schlicht ein Vehikel, um den Alltag bewältigen zu können. Sie sind darauf angewiesen, um in der Kleinstadt oder vom Stadtrand aus zum Arzt, zu Freunden oder abends ins Theater und wieder zurück zu kommen.

Bundesregierung legt Vorschlag für Klimagesetz vor

Eine Verkehrswende ist dringend nötig. Aber sie darf das Leben nicht unbequemer und nicht teurer machen. Nur so lässt sich die nötige Akzeptanz dafür herstellen. Die eigentliche Hürde wird ohnehin sein, alte Gewohnheiten aufzugeben. Oder, wie es ein Autohersteller einmal formulierte: Schwierig wird das Umparken im Kopf.

In einem Monat will die Bundesregierung Vorschläge für ein Klimaschutzgesetz machen. Die Umweltministerin und der Verkehrsminister sollten die Studie aufmerksam lesen. Vor allem aber sind die Städte und Gemeinden gefragt. Sie müssen Busse und Bahnen noch viel besser machen und viel schneller neue Radwege bauen.

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