Kommentar

Klimaschutz: Fünf Gründe, warum der Protest so schwach ist

Julia Emmrich
| Lesedauer: 4 Minuten
"Highway in die Klimahölle": Dramatischer Appell auf der COP27

Highway in die Klimahölle - Dramatischer Appell auf der COP27

UN-Generalsekretär António Guterres sieht die Erde auf einem "Highway in die Klimahölle": Mit einem dramatischen Appell fordert der UN-Generalsekretär auf der Weltklimakonferenz in Scharm el Scheich ein sofortiges Umsteuern in der Klimakrise.

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Berlin.  Alle diskutieren über die Klimakleber, doch das heißt nicht, dass der Klimaprotest gerade besonders mächtig ist, findet unsere Autorin.

Der stärkste Gegner der Klimaproteste ist das Gesetz der Trägheit. Das Gesetz geht so: Wir wissen, was gut wäre, wir tun’s bloß nicht. Wir haben kein Erkenntnisdefizit, wir haben ein Handlungsdefizit. Wir brauchen keine weiteren Transparente, Plakate, Aufschreie, um wachgerüttelt zu werden. Wir haben längst begriffen, was den Klimawandel verursacht und was man dagegen machen kann.

Aber nicht alles, was zu tun wäre, wird auch getan. Die Trägheit ist manchmal schlicht individuelle Bequemlichkeit. Die Trägheit liegt aber auch in den Versäumnissen der vergangenen Jahrzehnte, in einem viel zu lahmen Umbau des Landes auf klimafreundliches Wirtschaften und Wohnen. Die Trägheit ist zudem oft Folge eines Abwägungsprozesses: Kurzfristige Probleme, kurzfristige Lösungen schlagen gerade im Kriegs- und Krisenjahr 2022 die langfristigen Klimaschutzziele.

Klimaschutz unterliegt dem Gesetz der Trägheit: Grund Nummer eins

Das Gesetz der Trägheit ist ein härterer Gegner für die Klimaproteste als jeder Klimaleugner. Doch es gibt noch andere Gründe, warum der Klimaprotest in Deutschland im Moment eher schwach ist.

Fridays For Future: Grund Nummer zwei

Die Schülerproteste haben sich verändert. Fridays For Future (FFF) ist keine Massenbewegung mehr, kein Jugendkult, sondern eine Protestgruppe unter vielen. Millionen Schülerinnen und Schüler, die zur Hochzeit der Bewegung freitags durch die Innenstädte zogen, sitzen jetzt wieder im Unterricht. Die selbstgemachten Plakate verstauben in den Kinderzimmern, wer die Schule schwänzen will, muss sich andere Gründe suchen.

Das heißt nicht, dass die FFF-Generation den Klimaschutz an den Nagel gehängt hat, punktuell bringt sie immer noch Zehntausende auf die Straße. Doch um in diesem Alter regelmäßig loszuziehen, um für die gute Sache zu demonstrieren, braucht eine Sisyphus-mäßige Ausdauer. Die haben auch Erwachsen selten.

Letzte Generation: Grund Nummer 3 – die Radikalen haben sich verkalkuliert

Die radikalen Aktivisten haben sich verkalkuliert. Dazu muss man nur mal den Begriff Klimakleber oder Letzte Generation in eine beliebige Gesprächsrunde werfen. In neun von zehn Fällen werden die Leute über Staus auf Autobahnen und Kartoffelbrei auf Monet-Kunstwerken reden und darüber, was das eine eigentlich mit dem anderen zu tun hat. Eher unwahrscheinlich dagegen dürfte es sein, dass auch nur ein einziger in der Gesprächsrunde spontan sagen könnte, welche konkreten Klimaschutzziele die Bewegung eigentlich aktuell verfolgt.

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Die Grünen haben sich selbst gestoppt: Grund Nummer vier

Die Grünen sind ausgebremst. Deutschlands älteste Klimaschutzpartei sitzt just in einem Moment in der Regierung, da Europa in einen Energiekrieg geraten ist. Der parlamentarische Arm der deutschen Klimaschutzbewegung ist quasi gezwungen, klimaschädliche Entscheidungen zu treffen, damit in Deutschland nicht die Lichter ausgehen, die Wohnungen kalt bleiben und ganze Industrien dicht machen. Es ist das Gebot der Stunde. Der Klimaschutz muss warten.

Ukraine-Krieg, Inflation und Energiekrise: Grund Nummer fünf

Die Konkurrenz ist groß. Brennende Wälder, Flutwellen, Sturzregen – auch bei uns sind die Klimafolgen deutlich spürbar. Doch wer nicht unmittelbar betroffen ist, wendet sich schnell wieder den nächsten Krisen zu, es herrscht ja kein Mangel. Pandemie, Kriegsangst, Inflation – das menschliche Sorgenhaushalt ist nicht unendlich. Wer da erfolgreich vor dem Klimawandel warnen will, hat viel Konkurrenz.

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Wie schwierig die Lage der Klimabewegung im Kampf um Aufmerksamkeit inzwischen ist, zeigt Greta Thunbergs Absage an die Klimakonferenz in Ägypten. Ihr bloßes Nein zur Teilnahme schlägt hohe Wellen. Ein weiterer Greta-Auftritt dagegen? Wäre wohl unter Protest-Routine abgebucht worden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.