Alterssicherung

Rente: Freiwillig länger arbeiten – darum lohnt es sich

Alessandro Peduto
| Lesedauer: 6 Minuten
Renteneintrittsalter: Wann man in Rente gehen kann

Renteneintrittsalter- Wann man in Rente gehen kann

Das Renteneintrittsalter regelt, wann man aufhören kann zu arbeiten. Welche Geburtsjahrgänge wirklich ohne Abzüge in die Rente gehen können, erklärt das Video.

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Berlin.  Rente: Nur wenige Ältere arbeiten freiwillig über das Rentenalter hinaus. Dabei lohnt es sich finanziell. Das wissen aber nur wenige.

  • Mit der Flexi-Rente lassen sich die Altersbezüge deutlich erhöhen
  • Wer ein Jahr länger als zwingend nötig arbeitet, kann sich so sechs Prozent mehr Rente sichern
  • Doch nur wenige Menschen in Deutschland nehmen die Möglichkeit wahr

Der Trend unter älteren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in Deutschland ist eindeutig: Früher in Rente zu gehen ist deutlich beliebter als freiwillig über die gesetzliche Altersgrenze hinaus weiterzuarbeiten. Im vergangenen Jahr war das durchschnittliche Renteneintrittsalter sogar noch einmal etwas niedriger als 2020.

Im Schnitt wechselten Männer 2021 mit 64,05 Jahren in Altersrente, 2020 noch mit 64,07 Jahren, wie die „Bild“-Zeitung mit Verweis auf neue Daten der Deutschen Rentenversicherung (DRV) berichtete. Frauen gingen 2021 demnach mit 64,18 Jahren in Rente - gegenüber 64,24 im Vorjahr. Diese Entwicklung zeigt, dass der Staat sein Ziel verfehlt, ältere Fachkräfte länger im Arbeitsleben zu halten.

Dabei setzt die 2017 eingeführte Flexi-Rente finanzielle Anreize, über das Ruhestandsalter hinaus im Job zu bleiben: Jedes Jahr, in dem Beschäftigte über die reguläre Altersgrenze hinaus arbeiten und weiter Beiträge in die Rentenversicherung einzahlen, bringt einen jährlichen Zuschlag von sechs Prozent auf die Rente. Eine zusätzliche Erhöhung ergibt sich durch eine längere Beitragszeit.

Von 21 Millionen Rentnerinnen und Rentner nutzen nur 42.000 die Flexi-Rente

Dennoch wird das Modell wenig genutzt. Die Mehrzahl der Älteren, die überhaupt weiterarbeiten, entscheiden sich für versicherungsfreie Minijobs und zahlen somit keine zusätzlichen Rentenbeiträge. Die Flexi-Rente hingegen findet kaum Zuspruch. Laut DRV haben sich von den rund 21 Millionen Ruheständlerinnen und Ruheständlern nur etwa 42.000 im Jahr 2020 für diesen Weg entschieden. Das waren einer beziehungsweise eine von 500.

Rund 250.000 Personen und damit sechs mal mehr nutzten dagegen die Möglichkeit für langjährig Versicherte, mit 45 Beitragsjahren abschlagsfrei in Frührente zu gehen. Weitere 200.000 gingen vorzeitig in Rente und nahmen dafür Einbußen von durchschnittlich 8,1 Prozent ihrer Bezüge in Kauf. Der frühere Wechsel in den Ruhestand war ihnen wichtiger.

Flexi-Rente: Das Modell zur Sicherung von älteren Fachkräften ist gefloppt

Für Politik und Wirtschaft ist das eine Schlappe. Denn sie mühen sich seit langem, ältere Fachkräfte länger im Job zu halten. In etlichen Branchen werden sie händeringend gesucht. Wenn in einigen Jahren die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen, wird sich die Situation noch verschärfen.

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Rente in Deutschland - Mit diesen Werten rechnet die Rentenversicherung 2022

  Monat (West) Ost
Bezugsgröße 3.290 Euro (Monat) 3.150 Euro (Monat)
Durchschnittsentgelt 2022 (vorläufig) 3.242 Euro (Monat) 3.111 Euro (Monat)
Rentenwerkt aktuell (von 01.07.21 bis 01.07.22) 34,19 Euro 33,47 Euro
Rentenwert Prognose (von 01.07.2022 - 01.07.2023) 36,02 Euro 35,52 Euro
Beitragssatz 18,6 Prozent 18,6 Prozent
Beitragsbemessungsgrenze 7.050 Euro (Monat) 6.750 Euro (Monat)

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Zugleich gerät die Finanzierung des Rentensystems massiv unter Druck, wenn die Zahl der Beitragszahler sinkt, aber die der Rentenempfänger steigt. Die Flexi-Rente könnte teilweise Abhilfe schaffen. Doch das Vorhaben scheitert in der Praxis. Die immer digitaler werdende Arbeitswelt ist vor allem auf belastbare Junge ausgerichtet. Ältere können oft nicht mithalten.

Auch der Vorschlag aus Teilen der Wissenschaft, das Rentenalter einfach zu erhöhen, um die älteren Fachkräfte automatisch länger und womöglich sogar bis 70 im Job zu halten, ist hoch umstritten. Sozialverbände und Gewerkschaften sind strikt dagegen. Sie fordern, stattdessen müssten sich Arbeitsmarkt und Unternehmen stärker auf Bedürfnisse und Fähigkeiten älterer Beschäftigter einstellen.

Rente mit 70: DGB-Chefin Yasmin Fahimi nennt Debatte „olle Kamelle“

„Die Anhebung des Rentenalters auf 70 ist völliger Unsinn“, betont etwa die Bundesvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), Yasmin Fahimi. Die Diskussion darüber sei „eine olle Kamelle, die wir jedes Jahr neu aufgetischt bekommen – mal aus der Politik, mal aus der Wissenschaft“, sagte Fahimi unserer Redaktion.

Zuallererst müsse man fragen, „wie wir es schaffen, dass die Menschen überhaupt bis 67 arbeiten können, obwohl sie gesundheitlich angeschlagen sind“. Freiwillig länger arbeiten könne hingegen heute schon jeder, sagt die DGB-Chefin mit Blick auf die Flexi-Rente. Den meisten Beschäftigten seien diese Möglichkeiten aber nicht bewusst.

Höheres Rentenalter: Gewerkschaften warnen Ampel-Regierung vor Vertrauensbruch

Ein höheres Rentenalter kommt für die DGB-Chefin aber definitiv nicht infrage. Sollte jemand „in der Bundesregierung ernsthaft darüber nachdenken, das Rentenalter anzuheben, wäre das ein Vertrauensbruch. In diesem Fall kann die Regierung mit einer sehr klaren Antwort der Gewerkschaften rechnen“, warnt Fahimi.

Die Präsidentin des Sozialverbands Deutschland (VdK), Verena Bentele, macht klar, warum aus ihrer Sicht die Flexi-Rente kaum greift: „Schon jetzt arbeiten weniger als 50 Prozent der 65-Jährigen noch in Vollzeit. Das hat Gründe: Menschen mit psychisch oder physisch anstrengenden Jobs schaffen es oft einfach nicht, so lange zu arbeiten“, sagte Bentele unserer Redaktion.

Es fehlten geeignete Arbeitsplätze für Ältere sowie ähnlich attraktive Angebote für Altersteilzeit wie bei Beamten. „Diese können früher in Teilpension gehen und den Rest hinzuverdienen, so dass sie keine Einkommenseinbußen haben. Diese Ungleichbehandlung muss dringend geändert werden“, findet Bentele.

VdK-Chefin Bentele fordert bessere Bedingungen für ältere Arbeitnehmer

Auch öffentlich geförderte Beschäftigung hält die VdK-Chefin für eine Lösung, ebenso wie Ausgleichsleistungen für Lohnausfälle bei geringer Qualifizierten, die nicht mehr bis zum Renteneintritt arbeiten könnten. Die FDP-Sozialpolitikerin, Anja Schulz, sieht in der Flexi-Rente dennoch großes Potenzial, nur: „Wir müssen es besser ausschöpfen“, sagte die Bundestagsabgeordnete unserer Redaktion.

Die Flexi-Rente sei bislang zu wenig bekannt und werde daher wenig genutzt, „obwohl die Konditionen sehr vorteilhaft sind“. Ziel der Ampel-Koalition sei daher „eine langfristige breitere Etablierung der Flexi-Rente“, unter anderem durch mehr Beratung angehender Ruheständler sowie durch neue, entsprechende Arbeitsmodelle.

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Rente in Deutschland - Fakten und Geschichte

  • System: Die gesetzliche Rente funktioniert nach dem Äquvivalenz- und dem Solidarprinzip.
  • Renten-Arten: Es gibt noch die Grund-, die Erwerbsminderungs- und die Hinterbliebenenrente.
  • Ausnahmen: Eine große Mehrheit der Selbstständigen und Freiberufler sind von der Versicherungspflicht befreit.
  • Finanzierung: Die gesetzliche Rente in Deutschland ist grundsätzlich umlagenfinanziert.
  • Probleme: Die Probleme der Unterfinanzierung ergeben sich hauptsächlich aus der zunehmend älter werdenden Bevölkerung in Deutschland.
  • Drei Säulen: Die Altersvorsorge in Deutschland fußt auf drei Säulen. Dazu gehören die gesetzliche, betriebliche und die private Altersvorsorge.
  • Ursprung: Sie wurde am 22. Juli 1889 unter Reichskanzler Otto von Bismarck offiziell eingeführt.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf waz.de.