Mit der Diagnose „erhöhte Cholesterinwerte“ können Betroffene häufig nicht wirklich etwas anfangen. Das Problem: Der Leidensdruck ist gering, da die Erkrankung meist ohne Symptome verläuft. Eine flächendeckende Kontrolle der Werte findet ebenso nicht statt. Dabei können die erhöhten Blutfettwerte durchaus dramatische Folgen haben: Laut der Deutschen Herzstiftung ist das Risiko, in der Folge an Herz-Kreislauf-Problemen zu erkranken oder gar zu versterben, um ein Vielfaches erhöht. Grund dafür ist die Arterienverkalkung, die die Blutgefäße verstopfen kann.

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Um dieses Risiko zu mindern, werden in der Regel Statine oder andere cholesterinsenkende Mittel verschrieben. Aber: Gerade um die Statine ranken sich viele Halbwahrheiten – und das, obwohl dem Arzneistoff eine hohe Wirksamkeit und Verträglichkeit zugerechnet werden. Im Gespräch mit dieser Redaktion erklärt Dr. Anja Vogt, Ärztin für Innere Medizin und Leiterin der Stoffwechselambulanz/Lipoproteinapherese der Ludwig-Maximilians-Universität München, wie genau Statine wirken und für wen sie die richtige Wahl sind.

Wie wirken Statine und wer sollte sie einnehmen?

Sind die Cholesterin-Werte erhöht, werden oft Statine verschrieben. Wie genau wirken Statine im Körper?

Dr. Anja Vogt: Statine wirken vor allem in der Leber, also dem Organ, in dem Cholesterin vorrangig produziert und abgebaut wird. Die Statine werden dort in die Zellen aufgenommen, wo sie wiederum ein Enzym hemmen, das für die Produktion von Cholesterin mitverantwortlich ist. Wird dann weniger Cholesterin produziert, bemerkt die Leber das und reagiert. An der Zelloberfläche entstehen mehr entsprechende Rezeptoren, über die die Leber vermehrt Cholesterin aus dem Blut in die Zellen aufnimmt und verarbeitet. Insgesamt betrachtet sinken die Cholesterinwerte in der Folge also.

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Wer sollte überhaupt Statine einnehmen?

Grundsätzlich kann jeder von erhöhten Cholesterinwerten betroffen sein, da diese auch erblich weitergegeben werden können. Es ist deshalb wichtig, dass wir die Betroffenen frühzeitig finden und therapieren und nicht erst, wenn es schon zu einem Herzinfarkt oder anderen Folgen gekommen ist. Statine sollen also vor allem von Personen mit einem hohen und sehr hohen kardiovaskulären Risiko eingenommen werden. Das umfasst alle, die eine Arterienverkalkung haben oder gar schon einen Herzinfarkt hinter sich haben und die ein hohes Risikoprofil haben, zum Beispiel bei hohem LDL-Cholesterin oder Diabetes mellitus.

Grundsätzlich braucht man ein gesundes Rezeptor-System, um sich selbst vor erhöhten Cholesterinwerten zu schützen. Dieses System ist bei manchen jedoch von Geburt an gestört, was die Cholesterinwerte deutlich ansteigen lässt. Dann wirken Statine nicht so gut, es gibt aber andere Medikamente, die man dann einnehmen kann. Wenn das Rezeptor-System so stark gestört ist, dass die Statine gar keine Wirkung haben, gibt es jedoch kaum Präparate, die man nutzen kann.

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Wie viel Statin sollte man zu sich nehmen?

Ganz wichtig ist, dass nicht nach dem Prinzip „Fire and Forget“ eine fixe Dosis an Statin eingenommen wird. Die Wirkung fällt nämlich bei jedem Menschen individuell aus, manche sprechen sehr gut darauf an, manche weniger. Man kann die Blutfettwerte aber einfach messen, um die richtige Dosierung für jeden Einzelnen zu finden. Glücklicherweise lassen sich diese Tests einfach beim Hausarzt durchführen.

Gibt es ein bestimmtes Alter, ab dem man Statine einnehmen sollte?

Erhöhte Cholesterinwerte können ein einjähriges Kind genauso treffen wie einen 25-jährigen Sportler. Es gibt dementsprechend nicht das eine Alter, ab dem Statine empfohlen sind.

Kann man seine Cholesterinwerte nicht einfach über den Lebensstil senken?

Wer noch keine Arterienverkalkung hat und leicht erhöhte Werte hat, kann durchaus zunächst diesen Weg gehen. Man kann allerdings nicht vorhersagen, wie sich das bei dem Einzelnen wirklich auswirkt. Bei genetisch bedingt erhöhten Cholesterinwerten kann man die LDL-Cholesterin-Werte über die Ernährung allerdings nicht so sehr senken, wie man es braucht. Dafür haben wir die Medikamente.

Ein gesunder Lebensstil ist natürlich trotzdem wichtig, allein schon für die Vorbeugung. Da geht es um mehr Bewegung, das Meiden von Rauchen und Alkohol und eine gesunde Ernährung. Das hat auch unabhängig vom Cholesterin positive Effekte, etwa auf mögliche Begleit- oder Folgeerkrankungen.

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Statine werden in der Regel in Tablettenform verschrieben. (Symbolfoto)© iStock | Albert_Karimov

Welche Nebenwirkungen haben Statine? Ärztin ordnet das Risiko ein

Sollte es dafür nicht verpflichtende Frühuntersuchungen geben?

Bisher gibt es so etwas nicht. Es gibt den Check-up 35, den man ab dem 18. Lebensjahr kostenfrei beim Hausarzt durchführen lassen kann. Die Frage ist allerdings, wie viele Menschen das wirklich wahrnehmen. Sinnvoll wäre eine flächendeckende Untersuchung bei der U9-Untersuchung, die bei Kindern im Alter von fünf Jahren empfohlen ist. So kann man die betroffenen Kinder „herausfiltern“ und je nach Befund frühzeitig beraten und therapieren. Davon sind wir aber noch entfernt.

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Immer wieder liest man von möglichen Nebenwirkungen bei Statinen. Wie sehen Sie das?

Letztlich bergen alle Behandlungen und Medikamente mögliche Nebenwirkungen. Statin ist jedoch alles andere als ein Gift, es wird ganz normal über Enzyme abgebaut. Deswegen ist es extrem gut verträglich. Ja, es kann Nebenwirkungen geben. Man muss es aber in den Kontext setzen, dass die Folgekrankheiten deutlich schlimmer sind als eventuelle Nebenwirkungen. Und das Medikament kann man ja absetzen.

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Dennoch werden die etwaigen Nebenwirkungen ungerechtfertigt „gehyped“. Es ist schade, dass es vielen Menschen durch Angstmache verleidet wird. Ungefähr fünf Prozent der Betroffenen haben Nebenwirkungen, die sich vor allem in Muskelbeschwerden äußern, die sich wie Muskelkater anfühlen. Das geht aber wieder weg, wenn man das Medikament absetzt. Nach einer gewissen Zeit kann man dann entweder wieder auf das gleiche Präparat setzen oder ein neues einsetzen, das man möglicherweise besser verträgt.

Sollte man Nebenwirkungen spüren, bedeutet das nicht, dass man nicht therapiert werden kann. Man muss einfach das für sich passende Medikament finden. Das schaffen wir bei nahezu allen Patienten. Wir können uns glücklich schätzen, dass wir so viele Optionen haben.

Kann man auch Statine vorbeugend einnehmen, obwohl man (noch) keine gesundheitliche Indikation hat?

In diesem Fall sollte man zunächst andere Dinge nutzen. Wichtig ist die Prävention. Dazu zählen Sport, gesundheitsfördernde Ernährung und Alkohol- und Nikotinverzicht. Und wenn das Risikoprofil erhöht ist, kann auch schon frühzeitig ein Statin sinnvoll sein. Man wartet ja auch nicht mit dem Zähneputzen, bis das Loch da ist, sondern beugt vor. So ist es beim Cholesterin auch.

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Stichwort Wechselwirkungen: Gibt es Medikamente, die man keinesfalls gleichzeitig einnehmen sollte?

Bei schwerwiegenderen Erkrankungen wie HIV, Antibiotikabehandlungen und Herzmedikamenten kann es zu Wechselwirkungen kommen. Die behandelnden Ärzte haben jedoch eine Software auf ihren Computern, mit der diese Wechselwirkungen direkt erkannt werden können. Dort wird man dementsprechend beraten. Die neueren Statine sind jedoch nicht nur sehr gut verträglich, sondern auch gut kombinierbar.

Dieser Artikel erschien erstmals im Mai 2025.