Das Lächeln ist zurückgekehrt ins „Wollkim“ am Domplatz. Nami Kim hält an diesem Freitag freudestrahlend ein rosa-grünlich schimmerndes, dreiteilig gefaltetes Papierdokument ihrer Mutter in die Höhe. Aufschrift: „Fiktionsbescheinigung“. Mithilfe dieser Bescheinigung wird das Bestehen eines vorläufigen Aufenthaltsrechts im Bundesgebiet nachgewiesen.
Emotionales Ende einer langen Behördenodyssee
Genau das war es, was Jung Soon Lee, der 79-jährigen Mutter von Nami, gefehlt hatte und weswegen sie mit Zutun der Erfurter Ausländerbehörde zum Frankfurter Flughafen gebracht und dort in ein Flugzeug nach Seoul gesetzt wurde. Das war am 16. Februar. Die alte Dame wohnte dann dort wochenlang in einem Hotel. Am 13. März dann die Rückkehr nach Erfurt. Am Freitag, dem 24. Mai, hat diese tragödienhafte Odyssee nun endlich ihr gutes Ende gefunden. „Als ich mit meiner Mama aus dem Bürgeramt gekommen bin und wir das Dokument, das sie berechtigt, in Erfurt für die nächsten fünf Jahre ganz offiziell zu leben, in der Hand hielten, hat sie angefangen zu weinen“, sagt Nami.
Magenbeschwerden und Panikattacken bei Familienmitgliedern
Die ganze Angelegenheit ist allerdings an der Familie nicht spurlos vorbeigegangen. Die Seniorin leidet seither unter Magenbeschwerden, isst daher nur wenig, ist inzwischen untergewichtig und wird in der nächsten Woche eine Ärztin konsultieren. Nami Kim leidet seit der würdelosen Abschiebung ihrer Mutter unter Panikattacken, kann nur schlecht einschlafen. Ihre Mutter, so hat sie beobachtet, zuckt immer noch zusammen, wenn ein Polizeiauto vorbeifährt. Die Angst ist trotz des nun guten Ausganges täglicher Begleiter geworden.
Keine Entschuldigung durch einen Vertreter der Stadt
Auf eine Entschuldigung der Stadt zu hoffen, haben Jörn Wollschläger, seine Frau und ihre Mutter Jung Soon Lee aufgegeben. Bisher habe sich niemand gemeldet. „Da kommt auch nix mehr. Zumal ich von Leuten aus der Ausländerbehörde, die uns wohlgesonnen sind, gehört habe, dass man uns bei der Stadtspitze allein die Schuld dafür gibt, dass alles so gelaufen sei“, sagt die frühere Spitzensportlerin, die ihren Mann, einst ein eiserner Biathlet, 2018 bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang kennenlernte.
Und als ob das nicht schon schlimm genug sei, flatterte der Familie unlängst auch noch Post vom Deutschen Zoll ins Haus. Mit der Ankündigung, dass sie für die Fahrt von Erfurt zum Frankfurter Flughafen und für den Flug nach Seoul demnächst noch zur Kasse gebeten würden. „Ein schlechter Witz“, sagt Nami Kim. Wohl wissend, dass das kein Witz, sondern deutscher Behörden-Ernst ist.
Anstellung im Restaurant ist die Lösung
Der Gordische Knoten wurde gelöst, in dem die Seniorin im Familienrestaurant versicherungspflichtig angestellt wird. Dort kümmert sie sich stundenweise um die Wäsche und hilft bei leichten Dingen in der Küche aus. Dadurch bekam sie die Aufenthaltsgenehmigung und kann sich endlich krankenversichern. Dieses ganze Prozedere hatte bereits die Thüringer Staatskanzlei Anfang März angeregt. Was aber die Erfurter Ausländerbehörde nicht zu interessieren schien. Erst nachdem der Fall in die Öffentlichkeit kam und dort für große Empörung gesorgt hatte, kam Bewegung in den Abschiebevorgang.
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Alles hätte von Anfang an so laufen können, wenn man es denn gewollt hätte
Nami Kim wird aufgeregt, als sie spricht: „Man hat meine Mama eins zu eins wie jeden x-beliebigen Asylsuchenden behandelt. Wir zahlen seit Jahren pünktlich Steuern. Meine Mutter hat keinerlei Probleme in den fünf Jahren ihres Aufenthaltes in Erfurt gemacht, keinen Cent aus dem deutschen Sozialsystem bezogen und ihre Arztrechnungen selber bezahlt hat. Und in unser Restaurant nicht wenig Geld investiert. Hätte man nicht gleich sagen können, wie es gehen kann? Wieso ist keiner der Bearbeiter hellhörig geworden, als er gelesen hat, dass es sich um eine gut integrierte 79-jährige Frau handelt? Wieso hat man das einfach so durchgewunken? Da hätte es doch „klick“ machen müssen, dass das kein normaler Fall ist. Und man hätte auf die Betroffene zugehen müssen, um die ganze Sache mit Empathie zu klären“.
Stadt soll auf Schadenersatz verklagt werden
Nun ist die Fiktionsbescheinigung da. In einigen Tagen wird sie gegen ein offizielles Dokument mit Lichtbild ausgetauscht. Dann ist der Fall ausgestanden. Nicht ganz. Zumindest nicht für die Stadt Erfurt. Jörn Wollschläger und seine Frau sind weiterhin entschlossen, die Stadt auf Schadensersatz zu verklagen. Auf die ohnehin schon aufgelaufene Summe im fünfstelligen Bereich für Hotel-, Anwalts-, Flugkosten und für den Verdienstausfall kommt dann auch noch der Betrag darauf, den der Zoll von der Familie einfordert.
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