Gerrit Schädler hat den Satz von seinem Sohn noch im Ohr. Eine Spur von diebischer Freude schwingt mit: „Fang schon mal an zu trainieren“, wirft Eisschnelllauf-Junior Finn Sonnekalb seinem Vater zu. Das ist im Oktober zu Beginn der Eisschnelllauf-Saison gewesen. Der 18-Jährige vom ESC Erfurt hat in Inzell gerade seine ersten deutschen Meistertitel über 1000 und 1500 Meter gewonnen und warnt den Vater schon mal vor, dass er wohl bald einen Wetteinsatz einlösen darf. Vier Monate später ist er mittendrin.

Frische Reifen sind aufgezogen, die kleinen Taschen ein paar Mal aus- und wieder eingepackt. Warm eingepackt ist Gerrit Schädler selbst. Ein paar Tagesritte liegen hinter dem Erfurter. Wenn der „Große“ am Mittwoch (11. Februar) in Mailand bei den Olympischen Winterspielen im 1000-Meter-Rennen seinen ersten Start absolviert und auch ein Stück deutsche Eisschnelllauf-Geschichte schreibt, will er mit Mutter Madlen Sonnekalb dabei sein. Am Montagmorgen ist er allein aufgebrochen: mit dem Fahrrad.

Mit dem Rad nach Mailand: Gerrit Schädler erfüllt sein olympisches Versprechen
Startklar: Gerrit Schädler hat noch 980 Kilometer vor sich. „Das wird ein Spaß“, sagte er beim Aufbruch. © Steffen Eß

Vater-Sohn-Wette wird zur olympischen Mission

Das Ganze geht auf eine Wette zurück. Zwei Jahre ist es her: „Finni“, wie er von den Eltern genannt wird, kehrt mit drei Goldmedaillen von den Olympischen Jugendspielen in Gangwon zurück. „Wenn du es schaffst, 2026 nach Mailand zu kommen“, sagt ihm sein Vater, „dann komme ich mit dem Rad dorthin gefahren.“ Das Versprechen löst er in diesen Tagen ein.

Auf einem Gravelbike von Erfurt nach Norditalien radeln zu wollen, das klingt angesichts der Witterung mit Schnee, Eis und Kälte verrückt. Die Strecke von fast 1000 Kilometern und die Alpen als Extra-Hindernis kommen hinzu. Wenn einen das wenig kratzt, dann ist es der 53-jährige Erfurter.

Olympischen Jugendspiele 2024 Gangwon
Das erste olympische Erlebnis glänzt golden: Bei den Jugendspielen in Gangwon 2024 rannte Finn Sonneklalb (Mitte) gleich zu drei Goldmedaillen. Links: Silbermedaillengewinner Pan Baoshuo (China). Rechts: Eirik Andersen aus Norwegen.© DPA Images | Xu Yanan

Das Fahrrad – ein familiäres Element

Gerrit Schädler kommt aus dem Schwimmen. Trainieren muss er für eine Radtour nach Mailand nicht. Das Fahrrad ist das Element, in dem er sich seit Jahrzehnten zu Hause fühlt. Mitunter kommen pro Jahr schon mal 16.000 Kilometer zusammen. Schnee und Eis? Kein Problem.

„Bei solchen Bedingungen muss man das Rad einfach machen lassen. Wenn der Weg abfällig ist, dann fährst du darüber. Irgendwann fängt die Grasnarbe an und dann geht es nicht weiter. Das muss man können. Ich komme gut durch“, sagt er. Aus dem zweifachen Familienvater spricht die Erfahrung aus zehn Jahren als Radkurier. Und noch mehr. Die Familie Schädler/Sonnekalb ist eine, die erst allein und später mit Kind und Kegel auf zwei Rädern die Welt entdeckt hat.

Vom Familien-Tandem auf den Eisschnelllauf-Olymp

Finn (18) ist der Große und als Senkrechtstarter ein großer Hoffnungsträger der deutschen Eisschnelllauf-Mannschaft in Mailand. Jann (14) ist der Jüngere. Auch er trainiert beim ESC Erfurt und gilt als großes Talent im Eisschnelllauf.

EISSCHNELLLAUF -  FINN SONNEKALB
Finn Sonnekalb ist heiß auf das Olympia-Oval. Mit 18 ist der Eisschnellläufer vom ESC Erfurt in der Weltspitze angekommen.© Sascha Fromm

Sein älterer Bruder ist ein Jahr alt gewesen, als die Eltern mit ihm einst per Rad durch Skandinavien tourten. Finn bringt eine in Deutschland als Fieber abgetane Infektion mit. In Göteborg wird kurz darauf eine Lungenentzündung festgestellt. Rund 8000 Kilometer liegen vor der Familie. Mit sechs strampelt der Junior hinten auf dem vom Vater selbstgebauten Tandem quer durch Südeuropa mit – über achteinhalb Monate und 8000 Kilometer.

Gerrit Schädler kann wie seine Frau stundenlang von Erlebnissen erzählen, wie er sie gerade auf dem Rad sammelt. Erst vor drei Jahren wird ein Auto angemeldet. Das Lebensmodell ist eines auf zwei Rädern – und das zweier Weltentdecker. Zusammen sind beide von Vancouver nach Alaska geradelt und von dort südwärts bis Mexiko: 17.000 Kilometer – mit Rad, Anhänger und Hund. Spätestens seit dem Trip in den Polarsommer wissen sie: Die Mücken-Entkommgeschwindigkeit liegt bei 15 km/h.

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Rund 1000 Kilometer, eine Menge Powergels und mittendrin in den Alpen

„Fit wie eine Hexe“ sei er damals gewesen – und ist es noch. Von Bangkok nach Erfurt ist er in jungen Jahren getrampt. Sieben Etappen hat sich der Familienvater für die Tour nach Mailand vorgenommen. Ein Tag ist als Puffer eingeplant. Eine Wand von zehn Prozent Steigung hinter Greding liegt hinter ihm. Der Rest über den Tegernsee und Brenner empfindet Schädler als Klacks.

Die Route führt vorwiegend über kleinere Straßen. Unterwäsche, Strümpfe, T-Shirt und Pullover, eine extra Winterhose, Winterjacke sowie Regenbekleidung und Turnschuhe sind dabei. Und rund zwanzig Powergels, um keinen Hungerast zu erleiden. Alle anderthalb Stunden sagt die Uhr, dass der Körper 45 Gramm Zucker braucht. Wenn es Not tut, wird beim Bäcker angehalten. Einen Defekt scheut er nicht. Bei „Rad-Art“ repariert er als Werkstattleiter tagtäglich Fahrräder. Er ist dankbar, dass die Firma ihm freigibt.

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„Es macht Spaß“, sagte der Erfurter. Inzwischen ist er am Brenner. In Bozen wird die nächste Station sein. Die einzige Sorge ist, wo das Rad in Mailand unterkommt. Die Vorfreude auf die Rennen ist riesig.

Fotomaterial zur Doku: Finn Sonnekalb - Eiskalt auf Olympia Kurs
In Heerenveen freuten sich Gerrit Schädler und Madlen Sonnekalb zusammen mit Sohn Finn über Weltcup-Silber.© Familie Sonnekalb

Vorfreude pur und letzte Hürde vor Mailand

Nicht nur bei Gerrit Schädler. Mutter Madlen kommt mit dem Zug nach Mailand, um die 1000 Meter live zu sehen. Zusammen fahren beide danach zurück, weil Jann bei der Deutschen Meisterschaft in Erfurt genauso angefeuert werden soll. Das Rad bleibt dort. Anschließend geht es per Auto wieder nach Mailand, um am 19. Februar beim zweiten Start des Sohnes über 1500 Meter mitfiebern zu können.

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Der Aufwand und die Strapazen sind es der Familie wert. „Olympische Spiele sind das Größte, was es gibt. Wir werden dermaßen aufgeregt sein“, ist sich Gerrit Schädler sicher. Die Eltern mögen sich gar nicht ausmalen, sollte ihr Sohn tatsächlich um eine Medaille mitlaufen können, wie es die Weltcup-Ergebnisse in Aussicht stellen. „Aber genauso kann es ein zehnter Platz werden“, denkt der Vater. „Mit dem Ergebnis muss am Ende Finn klarkommen. Aber wir fiebern natürlich völlig mit.“

„Ich kann es noch immer nicht so richtig glauben“, sagt Madlen Sonnekalb, als ihr Mann aufbricht. Die Reise nach Mailand wird unvergesslich, wie so oft eine fürs Leben. Olympiareif ist sie erst recht.