Dieser Markt hat immer geöffnet: Drognitz plant Dorfkonsum ohne Schließzeiten

Drognitz/Altengottern.  Ein Tag- und Nacht-Markt mit Ladesäulen, E-Mobil-Verleih und offenem WLAN-Hotspot soll die Gemeinde Drognitz im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt aufwerten.

In Altengottern bei Mühlhausen hat der Tag- und Nacht-Markt seit Februar geöffnet – und hat inzwischen fast eintausend registrierte Kunden gefunden.

In Altengottern bei Mühlhausen hat der Tag- und Nacht-Markt seit Februar geöffnet – und hat inzwischen fast eintausend registrierte Kunden gefunden.

Foto: Daniel Volkmann

Ein Flachbau, modern und holzverkleidet, mit übermannshohen Fenstern. Menschen betreten das Gebäude, verlassen es nach einigen Minuten mit Einkäufen: Getränke, Spülmittel, Nudeln, Konserven, aber auch frisches Obst, Brot und Wurst. Es ist ein später Morgen an einem Arbeitstag, als die Kunden mit gefüllten Beuteln den Laden verlassen, aber es würde auch nachts oder am Sonntag funktionieren: „Emmas Tag & Nacht Markt“ hat immer geöffnet - jeden Tag und zu jeder Stunde. Nur eben ohne Verkaufspersonal.

„Als ich die Präsentation und später noch den Fernsehbeitrag gesehen habe, war ich sofort hin und weg“, erinnert sich der Drognitzer Bürgermeister Henry Drogatz (SPD), „das Konzept passt zu uns wie angegossen“. Drogatz hatte den Tipp vom Organisationschef der Kommunalen Arbeitsgemeinschaft Thüringer Meer bekommen, deren Mitglied die Gemeinde ist, hatte kurzerhand Mario Demange, den Erfinder des Immer-geöffnet-Ladens, angerufen und war tags darauf nach Altengottern bei Mühlhausen gefahren, um sich die Sache anzusehen.

Automatische Nachbestellungen

In dem 1000-Einwohner-Dorf gibt es seit Februar dieses Jahres den bisher einzigen „Emmas Tag & Nacht Markt“, der laut Berichten der dortigen Lokalzeitung wie auch des Fernsehsenders Pro Sieben von den Einwohnern bestens angenommen wird. Knapp eintausend Kundenkarten habe er bereits ausgegeben, bestätigt Demange auf unsere Anfrage: „Jeden Tag gehen weitere raus.“ Womit sich schon mal andeutet, wie das Ganze funktioniert.

Der Zutritt zu dem Mini-Supermarkt mit immerhin rund 1200 Artikeln für den täglichen Bedarf wird über die Kundenkarte und eine individuelle PIN-Nummer gewährt. Drinnen sammelt man die gewünschten Produkte in einen Korb, scannt sie selbst an der Kasse ein und bezahlt per EC- oder über die Kundenkarte. Überwacht wird das Geschäft innen wie außen von Dutzenden Videokameras, ein Diebstahl wird per RFID-Chip und Standleitung sofort an einen privaten Sicherheitsdienst gemeldet.

„Durch die RFID-Chips können auch jederzeit der aktuelle Warenbestand abgerufen und Nachbestellungen bis hin zur Transport-Einordnung ausgelöst werden“, erklärt Demange. Über das Sicherheitssystem lässt sich ebenso einstellen, wie viele Kunden gleichzeitig im Markt sein dürfen - in Altengottern waren es zu Corona-Hochzeiten im Frühjahr lediglich drei.

Doch „Emmas Tag & Nacht Markt“ ist noch einiges mehr als nur ein „Späti“ fürs Dorf. Im Vorraum verbergen sich eine Abgabe- und Auslieferungsbox für Pakete, Post oder bestellte Waren sowie eine ebenfalls per Kundenkarte und PIN bedienbare Mini-Apotheke. Zur Ausstattung gehört auch ein Vollautomat für Heißgetränke, vor dem Laden können E-Bikes und Elektro-Pkw aufgeladen werden, eine digitale Infotafel präsentiert amtliche Bekanntmachungen, Veranstaltungshinweise und Werbung, zum Verweilen lädt außerdem ein offener WLAN-Hotspot ein. Außerdem kann ein fertig geladenes E-Auto geliehen werden.

Ohne Fördermittel geht nichts

„Das ist genau das Konzept, das unsere Gemeinde richtig aufwerten würde“, findet Bürgermeister Drogatz und hat dabei den Gemeinderat, von dem einige Mitglieder ebenfalls in Altengottern waren, an seiner Seite. „Die Alten könnten wieder selbst einkaufen statt sich die Sachen mitbringen zu lassen, die Jüngeren müssten nicht mehr auf dem Weg von der Arbeit an Supermarktkassen anstehen. Niemand müsste mehr befürchten, die Auslieferung seiner bestellten Waren zu verpassen und die Jugend könnte endlich ohne Limit im Internet surfen.“

Drogatz hat aber auch die Gäste auf den umliegenden Campingplätzen im Blick, die für größere Einkäufe bislang bis nach Kaulsdorf, Leutenberg oder Bad Lobenstein fahren müssen, wenn sie im Drognitzer kleinen Dorfladen mit seinen beschränkten Öffnungszeiten nicht das Gewünschte finden. „Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir jeweils ein Elektromobil auf den Plätzen stationieren, das sich die Camper dann für den Einkauf bei uns ausleihen können“, ergänzt der Bürgermeister.

Patricia und Michael Telgenhof, Betreiber des „Camping Thüringer Wald“ am Stausee, finden die Idee für einen Allzeit-Markt Klasse, würden auch das E-Mobil betreuen, bezweifeln aber, dass Urlauber eigens eine Kundenkarte sich ausfertigen lassen. „Kein Problem“, nimmt Markt-Erfinder Demange den Einwand auf, „das lösen wir über eine App, die sich Leute herunterladen können.“

Standort: direkt vor der ehemaligen Schule am Ortsausgang

Den idealen Standort für „Emmas Tag & Nacht Markt“ hat Bürgermeister Drogatz schon: direkt vor der ehemaligen Schule am Ortsausgang gen Reitzengeschwenda. „Hier ist alles da, was für den Markt gebraucht wird: Strom, Wasser, Abwasser und Internet-Anbindung per Glasfaser.“

Nach 23 Jahren Leerstand soll die vormalige POS „Magnus Poser“ verschwinden, Drogatz soll dafür beim Land Fördermittel besorgen. Ohne diese kann freilich die Gemeinde auch ihren Eigenanteil von rund 150.000 Euro für Tag- und Nacht-Laden nicht stemmen. „Aber die kriegen wir schon irgendwie“, ist der Bürgermeister überzeugt, „das Konzept überzeugt einfach.“

Und das Konzept würde auch Ralph Sieber, den Betreiber des jetzigen Dorfladens, nicht arbeitslos machen. Der könnte nach Drogatz‘ Überlegung im Rund-um-die-Uhr-Markt für Ordnung und Reinlichkeit sorgen und die Regale auffüllen. Sieber hat sich inzwischen das Konzept angesehen, aber noch keine abschließende Meinung gebildet: „Warten wir’s mal ab.“