Bis alle Finger wie von selbst schreiben - Ein Portrait des Grafikers Siegfried Kraft

Der Gebrauchsgrafiker Siegfried Kraft hat Plakate, Signets und Buchillustrationen entworfen. Heute wäre er vermutlich Produktdesigner. Ein Portrait zu seinem 90. Geburtstag.

Die erste grafische Arbeit: 1937 illustrierte Siegfried Kraft das «Nibelungenlied» und gestaltete auch den Text kalligraphisch. Das Gestalten von Schrift wurde zu seiner Berufung.  Foto: Peter Michaelis

Die erste grafische Arbeit: 1937 illustrierte Siegfried Kraft das «Nibelungenlied» und gestaltete auch den Text kalligraphisch. Das Gestalten von Schrift wurde zu seiner Berufung. Foto: Peter Michaelis

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Erfurt. Durch die Glastür zwischen Küche und Wohnzimmer drängt sich das Sonnenlicht und zerspringt in tausend bunten Tupfen auf dem Teppich. Es sind die Farben, aus denen sich das mannshohe Bild in der Tür zusammensetzt: Rotbedachte Häuschen, ein paar Bäume mit grünen Blättern, und davor ein blaugewandeter Josef als Zimmermann mit Hammer und Säge. Bleistreben zerteilen das Bild in einzelne Flächen.

Siegfried Kraft hat das Motiv ursprünglich für ein Kirchenfenster entworfen. In einer Zweitanfertigung ist es jetzt der Blickfang in seiner Erfurter Wohnung. Ein Grafiker als Gestalter von Kirchenfenstern, das mag verwundern. «Dabei ist es doch unerheblich, ob ich eine Idee als Plakat oder als Glasfenster umsetze», meint Siegfried Kraft. Entscheidender ist für ihn, dass jede Art von Kunst durch Kontraste Harmonie schafft. «Kunst heißt Ordnung machen», ist sein griffiges, inzwischen viel zitiertes Credo.

Kontraste schaffen Ordnung im Chaos

Über 50 Jahre lang hat der Gebrauchsgrafiker Siegfried Kraft, der am 30. März 90 Jahre alt wird, Erscheinungs-Bilder in der DDR mitgeprägt. Er entwarf Ausstellungsplakate und Künstlersignets, Buchdeckel, Preise und Marken. Seine bekannteste Arbeit sind vermutlich die Plakate für die Erfurter iga, die ab Mitte der 60er Jahre in Blockschrift und sich überlagernden Komplementärfarben für die Gartenausstellung warben.

Für diese lange Zeit als Gebrauchsgrafiker - heute würde man vom Produktdesigner sprechen - gibt es in Siegfried Krafts Wohnzimmer auf Anhieb keine Anzeichen. Gut, die Josef-Glastür ist nicht zu übersehen, aber sie deutet zunächst einmal auf einen Kunstliebhaber hin. Ebenso der kleine Wandteppich neben dem Fenster, der unverkennbar von Margarethe Reichardt stammt. Aber nirgendwo Plakate oder grafische Entwürfe an den Wänden. Das vielgestaltige Werk Siegfried Krafts findet sich stattdessen in den Wohnzimmerschränken.

Zum Beispiel liegt dort ein kleines, breites Kreuz mit der Aufschrift «Ich bin bei euch». Es ist ein Hosentaschenkreuz, das Kraft 1975 im Auftrag des Erfurter Bischofs Hugo Aufderbeck für die NVA-Soldaten entworfen hat. An der Kirche hat er viele seiner Arbeiten ausgerichtet: Neben Bleiverglasungen für Kirchenfenster gestaltete er Bischofs- und Bistumswappen oder illustrierte die Schriftenreihe «Die Hauskirche». Er versteht sich selbst als christlicher, «aber nicht als konfessioneller Künstler», wie er sagt. Das künstlerische Schaffen ist für ihn ein Weiterdenken der biblischen Schöpfungsgeschichte: Aus Chaos entsteht Ordnung mithilfe von Kontrasten.

Eine andere Seite seines Schaffens blitzt an Krafts Finger auf: Es ist ein Ring mit seinem Signet. Es ähnelt dem Piktogramm eines Briefumschlags und abstrahiert die Buchstaben k.s.k. - Kurt Siegfried Kraft. Mit Schriftgraden, Form- und Farbkontrasten hat er sich erstmals 1937 ausführlich beschäftigt. Davon zeugt das dicke, gelbliche Buch, das er jetzt aus einer Schublade wuchtet - seine Schulabschlussarbeit im Fach Kunst: «Das Nibelungenlied», Zeile für Zeile in Mittelhochdeutsch per Hand kalligraphiert und illustriert. Schrift und Zeichnungen sind über 70 Jahre alt und dennoch so markant wie gerade eben getuscht. Sie wirken altertümlich, germanisch-gruselig.

Sein Abendstudium an der Kunstgewerbeschule in Erfurt muss Siegfried Kraft unterbrechen, als er 1938 zum Krieg eingezogen wird. 1946 kehrt er aus russischer Gefangenschaft zurück und wird Lehrer für Schrift- und Gestaltungslehre an der Landesschule für Angewandte Kunst. «Man muss so lange schreiben, bis die Finger von alleine wissen, wie groß die Abstände sind», gibt er seinen Schülern mit auf den Weg. Es ist die unerlässliche Basis für jeden Grafiker, ohne die nutze auch kein Computer.

Drei Monate Lehrer in Bangladesch

Kraft wird 1952 entlassen, «aus politischen Gründen», fügt er wissend lächelnd hinzu - seine Befürwortung des Bauhauses widersprach dem offiziellen Kunstverständnis der DDR. Seitdem arbeitet er als freischaffender Grafiker und Ausstellungsmacher, versorgt so Frau und sieben Kinder. Künstlerischer Leiter ist er nicht nur für die iga, sondern einige Jahre auch für den VEB Carl Zeiss Jena, für dessen Produkte er Anzeigenserien entwirft. Krafts Kunst ist Kunst im und für den Alltag und als solche immer zweckgebunden. Er wird mehrfach ausgezeichnet, etwa vom Verband Bildender Künstler der DDR und 1966 mit der Bronzemedaille auf der Plakat-Weltausstellung in Toronto.

In Berlin holt er in den 1970er Jahren sein Grafik-Studium nach, 1980 ist er für ein Vierteljahr Gastdozent an der Shilpakala Academy in Dhaka in Bangladesch. Eigentlich war er zu einem Symposium aufgebrochen. «Aber dann führte mich ein Mann in eine Klasse und sagte: ,Mr. Kraft, ihre Schüler warten auf sie'», erzählt er lachend von der kurzfristigen «Planänderung».

Kurz vor seinem Geburtstag wird Kraft noch zwei Ausstellungen in Erfurt eröffnen. Eine davon beschäftigt sich mit Marken und basiert auf seinem Buch «Die Schutzmarke» von 1969. Auch jetzt noch spricht er lieber von der «Marke» als vom «Logo», bevorzugt «einheitliches Erscheinungsbild» statt «Corporate Design». - «Wenn sie im Internet meinen Namen eingeben, finden Sie alles über mich», hatte er gleich nach der Begrüßung gesagt. Dann aber erzählt er doch selbst ... Und da kommt bei 90 Jahren einiges zusammen.

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