DNT-Premiere: Gretchen aus der Kiste

Regisseur Hasko Weber zeigt Faust als Junkie und legt dem Drama einen spielerischen Zugang.

Erscheinung in der Studierstube: Szene mit Faust (Lutz Salzmann, r.) und Mephisto (Sebastian Kowski). Foto: Axel Clemens

Erscheinung in der Studierstube: Szene mit Faust (Lutz Salzmann, r.) und Mephisto (Sebastian Kowski). Foto: Axel Clemens

Foto: zgt

Weimar. Da hat er nun, ach!, so viele Pillen geschluckt. Doktor Heinrich Faust, eben noch - im Kurzprolog ohne Himmel - der müde "Herr", liegt darnieder. Er krümmt sich und spuckt Philosophie, Juristerei, Medizin und leider auch ein bisschen Theologie, was er ja durchaus studiert hat "mit heißem Bemühn". Sein Famulus, der hier als Drogendealer dient, wird ihm kurz vor Ostern noch ein Fläschchen bringen.

Die Überdosis bleibt uns erspart, denn in der Ecke lauert schon der Teufel in Gestalt eines Konzertmanagers, um das intellektuelle Wrack aufzupeppen und mit Karel Gott unter Vertrag zu nehmen: "Einmal um die ganze Welt / und die Taschen voller Geld" - die kleine zunächst, später, falls der Tragödie zweiter Teil wirklich folgen sollte, wohl auch singend durch die große.

So beginnt der lang erwartete "Faust" in Weimar. Mit kruder Fabulierlust und einer Enttäuschung. Nach der Premiere gab es viel Beifall für die Schauspieler und einige Buh-Rufe gegen den Regisseur. Hasko Weber, der neue Intendant des Deutschen Nationaltheaters, wollte es mit seiner Antrittsinszenierung wissen. Nun wissen wir: Man kann auch mit großen Worten kleinere Brötchen backen.

Als Regisseur hat sich Weber von dem verstorbenen Berliner Theaterberserker Einar Schleef inspirieren lassen, der hier mal beim Kunstfest seine Collage "Droge Faust Parsifal" aufführen wollte, aber nicht durfte. Webers Faust-Junkie, gespielt von dem eher schmächtigen Lutz Salzmann, hat resigniert. Weil er nicht ergründen kann, "was die Welt / im Innersten zusammenhält", und weil er, eingenagelt in seinem Studierzimmersarg, den Kontakt zum Leben verloren hat.

So hat er sich von der Wissenschaft abgewandt und der Illusion ergeben, die ihm noch ein paar grenzüberschreitende Bewusstseinserweiterungen beschert - vom Erdgeist bis zu des Pudels Kern, dem Ego-Teufel in ihm selbst. Dieser nur noch zuckende Faust ist kein Suchender mehr, sondern ein Gestrauchelter, kein Dränger, sondern ein Bedrängter, der letztlich Erkenntnisstreben gegen Genuss-Sucht eintauscht und im Rausch nicht merkt, wie ihm bloß Ersatzbefriedigung zu Teil wird.

Und er ist vor allem eines: ziemlich blass. Was unter anderem daran liegt, dass Salzmann seinen Studierstuben-Monolog im Liegen hustet und krächzt und den "Osterspaziergang" voller Sarkasmus zu den oberen Rängen hinauf wettert. Mitunter hat man schon im Parkett Mühe, ihm und dem Text ratternden Mephisto (Sebastian Kowski) zu folgen, zumal vieles nur angerissen und kaum etwas zu Ende gesprochen wird. Goethe hält das aus, doch die Inszenierung?

Gott und Teufel machen keine Wette

Andererseits stehen die Attribute frech und frei für Hasko Webers erfrischend unkonventionellen Zugriff auf den Stoff. Der über Stuttgart eingereiste Sachse wählte für seine erste Weimarer Arbeit eine betont spielerische Variante mit nur acht Darstellern. Er bietet den Plot nicht eigentlich als Wette zwischen Gott und Teufel, sondern als nach außen projizierten inneren Zweikampf der dialektisch angelegten Hauptfigur: Faust kontra Mephisto. Das Teuflische als Teil des janusköpfigen Prinzips Mensch. Leider baut sich zwischen den Protagonisten keine echte Spannung auf.

Gespielt wird in einer riesigen Holzkiste mit beweglichen Zwischenwänden vor weiblichen Prospekten, die Ausschnitte aus "Der Tod und das Mädchen" von Hans Baldung Grien zeigen (Bühne: Oliver Helf). Keine Zeit für tönende alte Weisen, hier geht's zur Sache. Schlag auf Schlag und Strich um Strich. Manchmal senkt sich die Wand mitten in den Dialog und schneidet den Protagonisten das Wort ab.

Die zu drei Stunden gereihten Szenen-Fragmente lassen zwar selten Langeweile aufkommen, aber auch kaum Tiefgang zu. Wie auch, wenn Mephisto nur ein mittelmäßiger Conférencier ist, der die Gretchen-Tragödie eigens für den in der Hexenküche auf jugendlich gedopten Faust arrangiert. Der massige Kowski mit seiner sonoren Stimme gibt den Entertainer als gemütlichen Gunther-Emmerlich-Verschnitt, freilich mit Pelzmantel, Cowboyhut und neopinkfarbenen Stiefeln. Manchmal ist auch Schluss mit lustig, dann treibt er mit der Trillerpfeife das Personal an.

Nach der Pause kündet zwar ein altmodischer Kulissenrahmen vom "Wehe" des zum Mutter- und Kindsmord getriebenen Bürgermädchens, doch wir befinden uns noch immer in der Kiste. Faust - und das ist der Kern der Inszenierung - verlässt seine Büchergruft nie. Alles nur Traum, selbst die Technoparty zur Walpurgisnacht (Video: Bahadir Hamdemir). Gretchen, mit dem Mephisto ihn verführt, wird im Versandkarton angeliefert. Das Weib ist aber von Fleisch und Blut und hat blonde Locken. Nora Quest darf als Margarete im hochgeschlossenen Kirchenkleid auch die "Zueignung" sprechen - unschuldig, noch nichts ahnend von den sich nahenden "schwankenden Gestalten". Wie sie dann, um abzutreiben, zu "Neige du Schmerzensreiche" vom Stuhl springt und schließlich als Kindsmörderin im Kerker die Flucht ausschlägt, bleibt in Erinnerung. Auch, weil endlich mal ein Monolog sauber zu Ende gesprochen wird. "Gerettet", widerspricht Faust kleinlaut seinem Coach, der die beschädigte Gretchenpuppe zurückfordert.

Ein Knoten in Mephistos Schwanz

Die jungen, variabel eingesetzten Mimen sorgen mit Kabarett und Slapstick für unterhaltsame Momente: Allen voran die ans DNT zurückgekehrte Birgit Unterweger als notgeile Witwe Marthe, die dem Teufel einen Knoten in den Schwanz macht. Krunoslav Sebrek spricht seinen Wagner mit amerikanischem Akzent, während Fridolin Sandmeyer für ein spilleriges Schülerchen und als Gitarrist mit für die Schunkeleinlagen zuständig ist.

Während etliche Nebenfiguren gestrichen wurden, hat Hasko Weber selbstironisch noch eine hinzugefügt: Roswitha Marks setzt als Abonnentin mit Kostümjacke und Handtasche ein Zeichen. Aus dem Zuschauerraum kommend, entert sie die Bühne und mischt das "Vorspiel auf dem Theater" auf. Der Worte seien genug gewechselt, ruft sie der rauchenden Theaterdirektorin (Elke Wieditz) zu: "Lasst mich auch endlich Taten sehn!" Hoffentlich noch bessere.

Weitere Aufführungen: 13., 15., 28. Sept., 5. Okt.

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