Die Gründerwerkstatt "neudeli" der Bauhaus-Universität im Portrait

Optimismus, Ermunterung und Tatendrang sind im Credo der Gründerwerkstatt der Bauhaus-Universität Weimar gebündelt: "Mach's einfach!"

Für Absolventen und Studenten stellt die Gründerwerkstatt "neudeli" Arbeitsräume zur Verfügung. In der Villa, und im Sommer auch im Garten dahinter, lassen sich Gründerideen entwickeln. Foto: Peter Michaelis

Für Absolventen und Studenten stellt die Gründerwerkstatt "neudeli" Arbeitsräume zur Verfügung. In der Villa, und im Sommer auch im Garten dahinter, lassen sich Gründerideen entwickeln. Foto: Peter Michaelis

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Als runder, blauer Aufkleber scheint diese Aufforderung den Studenten, Absolventen oder Uni-Mitarbeitern zuzurufen, sie sollen es ruhig auf den Versuch ankommen lassen und ausprobieren, wie das mit dem Gründen klappt. Dass das obendrein ganz unkompliziert geht, deutet sich an, wenn man den Ausruf mit der Betonung auf "einfach" liest.


Soweit die Werbebotschaft aus "neudeli". Doch wer sich in der Villa etwas abseits des Uni-Campus umschaut, in der das Gründerzentrum mit dem rätselhaften Namen untergebracht ist, und mit Mitarbeitern und Gründern spricht, der gewinnt die Überzeugung, man könne sich in diesen Büros tatsächlich wunderbar einfach zum Kreativ- und Selbstständig-Sein motivieren lassen.


Aus einem freien Kunstprojekt, bei dem Studenten in einem ehemaligen DDR-Delikatladen "neue Delikatessen" kreieren wollten, ist 2001 das "neudeli" hervorgegangen. Mit dem Ziel, den Künstlern und Designern der Bauhaus-Universität bei ihrem Weg in die Selbstständigkeit beratend zur Seite zu stehen - die Hochschule hatte für ihre Absolventen kein derartiges Angebot -, wurde daraus ein Jahr später die Gründerwerkstatt. Finanziert wird sie über Projektmittel der Universität und über Drittmittel.

Vokophon und Schuh-Module

"Über die reine Beratungsstelle sind wir hinausgewachsen, wir sind jetzt eine Anlaufstelle mit Werkstattcharakter", formuliert es Leiterin Susanna Muschik. Existenzgründer können sich von ihr und Mitarbeiterin Christiane Kilian coachen lassen, etwa beim Erstellen eines Businessplans, der Formulierung einer Geschäftsidee oder der Weiterentwicklung des Konzepts, und gleich nebenan alle Theorie in die Praxis umsetzen: Für selbstständige Tüftler und "Macher" sowie für kreative Teams stellt die Villa-Werkstatt kostenfrei Arbeitsräume zur Verfügung.


Anders funktionieren in dieser Hinsicht die sogenannten Co-working-Spaces, gemeinschaftlich genutzter Arbeitsraum. Dort kann jeder, vom Musikproduzent über den selbstständigen Webentwickler bis zum Schriftsteller, für einen individuell festgelegten Zeitraum ein Büro mieten. Vorteil dieses Konzeptes ist, dass die auf diese Art zusammengeschweißten Berufsgruppen miteinander ins Gespräch kommen und sich für ihre jeweilige Arbeit von Fachfremden inspirieren lassen.

Dieser Austausch - "nur" zwischen den Angehörigen der Universität - ist auch im "neudeli" gewollt. Bauingenieuren, Künstlern, Mediengestaltern oder -informatikern will die Gründerwerkstatt die Erarbeitung eines Semesterprojekts erleichtern oder den Weg in die Selbstständigkeit ebnen - und damit die Hochschule stärker mit der Wirtschaft vernetzen.


Was in der Gründerwerkstatt bereits entstanden oder momentan im Werden ist, könnte vielschichtiger nicht sein: Entwickelt werden unter anderem ein neues Musikinstrument, Vokophon genannt, das mit der menschlichen Stimme angeregt wird; eine Hybrid-Windel, die die Vorteile von Wegwerf- und Stoffwindel bündelt; und ein Schuh-Steck-Konzept, das Schuh-Recycling ermöglicht.


Unter den Teams, die einen der Arbeitsräume nutzen, sind auch die drei Mitarbeiter des Projekts "MotionComposer". Robert Wechsler, Josepha Dietz und Marc Sauter erarbeiten ein Programm, mit dem Laien durch Bewegung Musik erzeugen können. Auf einen Wimpernschlag etwa hört man das feine Klappen eines Schmetterlingsflügels, ein umher wirbelnder Arm könnte das Rauschen des Windes hervorrufen: Vor allem auf kleine Bewegungen oder zarte Tanzversuche reagiert die sensible Kamera des "MotionComposer", wandelt sie in Datensätze und diese wiederum in Geräusche um. Als Set mit Kamera und einer Start-Software mit Klangumgebungen - ausgewählten Bewegungen zugeordnete Geräusche und Musik - soll das Produkt verkauft werden.

Auch das Land fördert die Branche

Vor allem für den Therapiebereich ist der "MotionComposer" gedacht, erklärt Josepha Dietz, die für Finanzierung und Marketing des Projekts zuständig ist. Indem Demenzkranke, körperlich oder geistig behinderte Menschen erkennen, dass erst durch ihre Schritte oder ihr zaghaftes Kopfdrehen Geräusche entstehen, nehmen sie ihren Körper neu wahr. Die dabei angewandte Technik des Motion Tracking ist nicht neu, Choreograph und Tänzer Robert Wechsler, der nun als Projektleiter agiert, hat für Performances mit ähnlichen Programmen bereits gearbeitet. "MotionComposer" stellt jedoch den intuitiven Charakter heraus.


Beim Entwickeln der Klangumgebungen, der Zuordnungen von Bewegung und Musik, unterstützt der Programmierer Stefan Fischer den Komponisten Marc Sauter. Ein Jahr lang wird das Team mit dem "Exist"-Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums gefördert. Die Anträge dafür werden mit einem Mentor der Hochschule erarbeitet, die den Gründern Arbeitsplätze zur Verfügung stellt und sie betreut. Das Stipendium des Ministeriums sichert ihnen neben Sachausgaben und gründungsbezogenen Coachings den Lebensunterhalt. Eine der Voraussetzungen ist, dass zu jedem Kreativ-Team jemand gehört, der sich in Betriebswirtschaftslehre oder Marketing auskennt.


Das Thüringer Wirtschaftsministerium ist an dieser Förderung nicht beteiligt, erarbeitet aber andere Konzepte zur Unterstützung der regionalen Kreativwirtschaft. Geplant sind unter anderem die Errichtung eines Gewerbezentrums in Weimar, in dem Büro- und Projekträume vermittelt werden, und eine betreuende und alle Stränge bündelnde Thüringer Agentur für die Kreativwirtschaft.

Schließlich sei die Branche ein Bonus für den Standort Thüringen, ein wichtiger Imagefaktor, heißt es aus dem Ministerium. Im Jahr 2008 gehörten ihr laut einer Studie 22 500 Beschäftigte an. Neben der Schaffung der nötigen Infrastruktur mit Gewerbezentrum und Agentur bietet das Ministerium auch Workshops an oder stellt Technologie zur Verfügung. Denn, so betont ein Sprecher, eine Förderung sei ja nicht nur auf Geld beschränkt.


Die Unterstützung durch das Land könnte für die Masterstudenten Jonas Pencke und David Wiesner relevant sein. Erst einmal aber setzen auch sie auf das "Exist"-Stipendium, den Antrag haben sie gerade abgeschickt. Förderung erhoffen sich die beiden Medieninformatiker für die Weiterentwicklung ihres Programms "apphoria". Damit kann man über eine Homepage und mit einer Reihe standardisierter Module sein individuelles Anwendungsprogramm für Smartphones und andere mobile Geräte erstellen. Eine Band würde für ihre App also etwa eine Bildergalerie und Terminanzeige wählen, für einen Restaurant- oder Clubbesitzer wären Besucherempfehlungen und eine Wegbeschreibung die idealen Bausteine.


Der besondere Clou ist, dass diese Apps für alle gängigen Betriebssysteme konzipiert sind. Bisher sind diese nicht miteinander kompatibel. "Momentan müssen sich Unternehmen für einen Hersteller entscheiden oder mehrfach investieren. Darum gibt es viele Apps für das iPhone und für die Geräte, die mit dem Betriebssystem Android funktionieren", erklärt David Wiesner. Auf der Cebit 2011 haben er und David Pencke "apphoria" bereits vorgestellt, im Juni erhielten sie einen Sonderpreis beim Ideenwettbewerb Jena-Weimar.


Womöglich würde also mit "apphoria" die Mehrfach-Investition in mehrere Betriebssysteme hinfällig, durch den automatisierten Erstellungsprozess ist die Generierung von Apps außerdem günstiger. Wie viel günstiger, das behalten Jonas Pencke und David Wiesner vorerst für sich - bis aus der Idee ein Geschäftsmodell geworden ist.

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