Professor Martin S. Fischer: „Die Hautfarbe hat keine Bedeutung“

In der „Jenaer Erklärung“ haben Wissenschaftler klargestellt: Es gibt keine Rassen, außer bei Haustieren. Wir haben mit dem Initiator gesprochen.

Vor etwa 40.000 Jahren wanderten unsere Vorväter nach Europa ein; genetisch unterlagen sie seitdem vielfältigen Einflüssen. Die Szene eines archaischen Sippenlebens wurde im Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringens, Weimar, rekonstruiert.

Vor etwa 40.000 Jahren wanderten unsere Vorväter nach Europa ein; genetisch unterlagen sie seitdem vielfältigen Einflüssen. Die Szene eines archaischen Sippenlebens wurde im Museum für Ur- und Frühgeschichte Thüringens, Weimar, rekonstruiert.

Foto: Peter Michaelis

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Aufsehen hat weit über Fachkreise hinaus die „Jenaer Erklärung“ erregt. Denn auf der Jahrestagung der Deutschen Zoologischen Gesellschaft an der Friedrich-Schiller-Universität haben die Wissenschaftler sich mit gutem Grund vom überkommenen Rassebegriff befreit: „Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung“, lautet die verblüffende Erkenntnis. Wir sprachen mit Professor Martin S. Fischer, dem Initiator der fünfseitigen Proklamation.

Sie stellen den Rasse-Begriff vom Kopf auf die Füße und entlarven ihn als soziales Konstrukt. Wie sind Sie darauf gekommen?

Zumindest die Älteren unter uns kennen aus ihrer Kindheit, wenn sie ihr Zimmer nicht aufgeräumt hatten, den Vorwurf: Hier sieht’s ja aus wie bei den...

...Hottentotten!

Tatsächlich kennen sogar 95 Prozent der studentischen Erstsemester noch dieses Wort. Ich finde es grausig. Denn Hottentotten hat es nie gegeben. Es war von Anfang an ein diskriminierender Ausdruck für Menschen im südlichen Afrika. Der vor 100 Jahren verstorbene Jenaer Evolutionsbiologe Ernst Haeckel, der ebenfalls nie in seinem Leben einen Hottentotten gesehen hatte, hat dennoch zwölf Menschenarten – nicht Rassen – gebildet und nannte die zweitunterste Klassifizierung „Hottentotten“. Das war leider falsch und ein Produkt des zeittypischen Rassismus.

Offenbar ließ er sich vom Zeitgeist blenden?

Rassismus ist immer eine soziale Konstruktion, weil seine Kriterien außerhalb der Biologie liegen. In der Natur gibt es überhaupt keine biologischen Merkmale für Rassen.

Können Sie das genetisch erläutern?

Wir kennen das menschliche Genom, das aus 3,2 Milliarden Basenpaaren besteht, inzwischen Buchstabe für Buchstabe. Darin finden sich alle Merkmale, wie etwa unsere Augenfarbe und vieles andere, festgelegt. Aber es gibt nicht ein fixiertes Basenpaar, wodurch man eine Rasse klassifizieren könnte. Das hat sich in den gut zehn Jahren, die es jetzt die Archäogenetik gibt, auch für unsere Vorväter bestätigt. Johannes Krause vom Jenaer Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, ein Mitunterzeichner der Jenaer Erklärung, hat das mit seinen Befunden belegt: Es gibt keine biologische Determination von Rassen. Es gibt keine Rassen.

Wirklich? Dann frage ich Sie als fröhlichen Hundebesitzer, welche Rasse ihr Tier hat!

Airedale-Terrier. Es tut ein bisschen weh, im Deutschen an einer einzigen Stelle den Rassebegriff tolerieren zu müssen: bei Haustieren. Im Englischen spricht man von „breed“, also „Brut“; das ist sprachlich kaum übertragbar. Allerdings unterscheiden sich Haustiere biologisch fundamental von allen anderen Organismen auf dieser Welt. Denn der Mensch hat bei Haustieren seit je künstliche Zuchtwahl betrieben, um bestimmende Merkmale auf die nächsten Generationen zu übertragen.

Das gelingt immer?

In Wahrheit besteht dafür auch keine Garantie. Aber es ist glasklar, dass die Unterschiede zwischen zwei Haustierrassen immer wesentlich größer sind als innerhalb einer Haustierrasse. Jede Haustierrasse ist letztlich aus einer ganz kleinen Gruppe von Individuen herausgezüchtet worden. Vielfalt und Individualität lässt sich dennoch nicht völlig ausschalten.

Die Natur würde so nie verfahren?

Niemals. Die Natur generiert immer Vielfalt. Nur der Mensch sorgt für Einfalt.

Beim Menschen rührt diese Vielfalt von einem 300.000-jährigen Migrationsgeschehen her?

So ist es. Migration ist die Regel, Sesshaftigkeit die Ausnahme. Kraft unserer Herkunft sind wir alle Ostafrikaner. Etwa vor 40.000 Jahren sind unsere Urahnen in Europa eingetroffen. Während alle Nicht-Afrikaner einen gemeinsamen Ursprung und deshalb genetische Nähe aufweisen, können zwei Menschengruppen, die in Südafrika nur 200 Kilometer voneinander entfernt leben, sich mehr unterscheiden als Europäer und Japaner.

Als Homo sapiens eintraf, war der Neandertaler schon da!

Richtig. Aus den Genen wissen wir, dass sie damals Partys gefeiert haben; jeder von uns trägt ein Paar Prozent Neandertaler-Gene in sich. Vor etwa 8.000 Jahren kam die nächste große Einwanderungswelle aus dem heutigen Anatolien nach Europa: dunkelhäutige Bauern. Sie haben Ackerbau und Viehzucht – als Grundlage von Sesshaftigkeit – nach Europa gebracht. Zu dieser Zeit waren alle noch dunkelhäutig; die große Bleiche setzt erst später ein.

Als Klima-Anpassung?

Wenn man so will. Eigentlich ist es ein Defizit. Wir brauchen die Sonne für den Vitamin-D-Stoffwechsel, sofern wir – als Bauern – vorwiegend Getreide und andere Pflanzenkost, aber zu wenig Fleisch zu uns nehmen. Jeder, der in den Norden kommt, wird über viele Generationen bleich. Jeder, der umgekehrt Richtung Äquator wandert, wird wieder dunkler.

Aber Afrikaner haben keine Neandertaler-Gene?

Zumindest in unseren ostafrikanischen Ursprungsgebieten nicht. Bei uns sind es nur drei bis vier Prozent, die sich allerdings stark unterscheiden können. Nicht jeder hat dieselben. Und Homo-Sapiens-Gruppen, die von Afrika aus in östliche Richtung gewandert sind, haben ebenfalls selten Neandertaler-Gene, sondern tragen einen Gen-Anteil vom Denisova-Menschen in sich.

Ein so völlig minderbemitteltes Wesen, wie man vor 150 glaubte, kann der Neandertaler also nicht gewesen sein?

Jetzt, da wir wissen, dass er genetischen Einfluss auf uns hatte, ist er völlig rehabilitiert. Inzwischen kennen wir ja auch Belege seiner Kulturfähigkeit, etwa Höhlenmalereien. Folglich haben wir diese Ausgrenzung des Neandertalers verworfen, und er wurde in die Spezies Mensch voll integriert. Migration hat unsere Vielfalt gefördert – nicht nur in biologischer, sondern vor allem auch in kultureller Hinsicht.

Die Mischung macht’s?

So darf man sagen. Der größte Schmelztiegel aller Zeiten ist Nordamerika. Nirgendwo auf der Erde wanderten in so kurzer Zeit Menschen aus so unterschiedlichen Herkunftsgebieten ein wie in die USA. In der Folge hat dieser Melting Pot eine Innovationskraft entfaltet, die sogar uns so kräftig durchmischte Europäer erstaunen lässt. Alle Sesshaften, die so fest auf ihrer Scholle wurzeln, sollten sich über Migration und Innovationskraft mal Gedanken machen. Das Neue, Überraschende kommt meistens von außen. Und wer nur im eigenen Dunstkreis hockt, wird kaum was erfinden.

Ein Zusammenhang zwischen körperlichen Merkmalen und intellektuellen Fähigkeiten lässt sich statistisch nicht nachweisen?

So ist es. Nicht mal die afrikanischen Langstreckenläufer haben es in den Genen. Sonst bräuchten ja europäische Leichtathleten nicht zu Olympischen Spielen zu fahren. Umgekehrt käme auch keiner auf den Gedanken, dass die Jenaer Speerwerfer – trotz ihrer Erfolge – genetisch etwas miteinander zu tun haben.

Wie hat die „Jenaer Erklärung“ gewirkt?

Wir Vier – außer Johannes Krause auch Uwe Hoßfeld und Stefan Richter – hatten eine mediale Resonanz, wie es Wissenschaftler überhaupt nicht gewohnt sind. Es gab von Fachkollegen gar keinen Widerspruch, nur breiteste Zustimmung und Unterstützung. Wir haben natürlich ein paar Mails erhalten, deren Autoren auf krudeste, ja in der Tat sprachlich-logisch unverständliche Weise ihr Missfallen artikulierten. Einige andere haben gesagt: „Das glaube ich nicht.“ – Da ist uns der argumentative Zugang verwehrt. Darüber hinaus gab es eine Woge der Zustimmung.

Steht Haeckel jetzt als Lügner da?

Nein, er hat als Wissenschaftler den Fehler begangen, einen falschen Begriff ungeprüft zu übernehmen. Das war vor 140 Jahren; heute sind wir im Erkenntnisfortschritt ein großes Stück weiter. Würde man diesen Fortschritt ignorieren, wäre man ein Idiot. Aber Haeckel – und erst recht Darwin – waren keine Idioten.

Verschafft es Ihnen als Jenaer Hochschullehrer Genugtuung, den Rassebegriff erledigt zu haben, nachdem in der NS-Zeit in Jena die sogenannte Rasse-Quadriga gelehrt hat?

Überhaupt keine Genugtuung. Denn diese Vier stehen für das Schrecklichste, was in der sogenannten Biologie damals gemacht wurde. Dafür trägt die Universität Jena eine besondere Verantwortung, und dieser Verantwortung kommen wir nach.

Würden Sie jetzt, da wir es nachweislich besser wissen, sagen, dass, wer an den alten Mustern wider besseres Wissen festhält, mit Defiziten – etwa einer sozialen Behinderung – geschlagen ist?

Wir zitieren in der „Jenaer Erklärung“ den Psychologen Norbert Bischof, der bei Konrad Lorenz und anderen studiert hat. Er sagt, dass Rassismen letztendlich dort Nahrung finden, wo die Unsicherheit besonders groß ist. In einer gefestigten Gesellschaft hingegen ist der Einzelne gegen rassistisches Gedankengut besser gefeit.

Die „Jenaer Erklärung“ im Wortlaut

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