Dok-Film „Oeconomia“: Im Maschinenraum des Kapitalismus

Weimar/Jena/Gera.  Die Autorin Carmen Losmann widmet ihren Doumentarfilm „Oeconomia“ der modernen Geldwirtschaft.

Banker haben meist einen schönen Ausblick, aber Transparenz gehört nicht zu ihrem Geschäft.

Banker haben meist einen schönen Ausblick, aber Transparenz gehört nicht zu ihrem Geschäft.

Foto: Neue Visionen Filmverleih

Auf die spiegelglatten Parkette der Finanzwelt hat sich die Dokumentarfilmerin Carmen Losmann gewagt und versucht – selbst von öffentlicher Filmförderung sowie einem Stipendium finanziert – die komplexen Mechanismen der modernen Geldwirtschaft zu verstehen. In „Oeconomia“, der diese Woche zum Bundesstart auch in Thüringer Programmkinos angelaufen ist, fragt sie etwa nach dem Zusammenhang zwischen Wirtschaftsleistung, Schulden und privatem Vermögen. Wie sind die Spielregeln dieses Systems? Und wird Wachstum nur durch Schuldenvermehrung erzeugt? All das ist fürs normale Publikum ziemlich freudlos und verflucht kompliziert. Aber reizvoll.

Losmanns Arbeit trägt eher den Charakter einer journalistischen Recherche, als dass man ihr den Anspruch eines klassischen Dokumentarfilms anmerkt. Einige verbindende Sequenzen sind freimütig inszeniert, und in der Bildnachbearbeitung ist kräftig Hand angelegt worden. Den hehren Wahrheitsanspruch des Dokumentarischen stellt dies zwar in Frage, aber darum geht es der Autorin wohl nicht. Sie möchte dem Kapitalismus in den „Maschinenraum“ schauen, um ihn als Wirtschaftsform grundsätzlich zu kritisieren – zumal er seit der industriellen Revolution Natur-Ressourcen hemmungslos ausbeutet.

Gäbe es eine Alternative?

„Wer kollabiert zuerst: unser Ökosystem Erde oder der Kapitalismus?“ und „Man müsste über Alternativen nachdenken“: So lautet die appellhafte Quintessenz des „Oeconomia“-Films. Nur ist seit Menschengedenken kein anderes Wirtschaftssystem bekannt, das auf Dauer erfolgreicher im Wohlstandsfortschritt gewesen wäre. Es mag an der Natur des Menschen – seiner Neu- und Profitgier – liegen, wird von Losmann aber nicht thematisiert. Sie konzediert gleich zu Beginn: „Mit diesem Film bin ich in eine schwierige Sache geraten.“ Und so wird es dann auch: schwierig. Denn was folgt, ist eine halbwegs unsortierte Zitatencollage von Finanzwelt-Akteuren, die den Fachmann erheitern, den Laien aber in Staunen und Schrecken stürzen mag. Wunderbar einfache Fragen kommen aufs Tapet: Zum Beispiel, woher die Geldmenge kommt. Da lautet die für viele verblüffende Antwort, dass es sich bei 90 Prozent um sogenanntes Buch- oder Giralgeld handelt, das einfach per Kredit in die Welt gezeugt wird – ohne dass ein unmittelbarer Gegenwert erkennbar wäre. Dass dieser im Vertrauen des Gläubigers auf die Bonität des Schuldners beruht, erwähnt Losmann nur am Rande.

In der Tat war über Jahrhunderte hinweg der Gegenwert des Geldes durch Gold abgesichert. Erst US-Präsident Richard Nixon hat diese Bindung durchbrochen; seitdem tritt die Leistungskraft von Volkswirtschaften an dessen Stelle. Losmann erzählt davon nichts. Anleihekäufe der Zentralbanken stützen das System, das – wie beim Radfahren – seine Stabilität allein aus der Bewegung gewinnt. Und immer mehr und mehr muss gestrampelt, immer rasanter gefahren werden. Bis zum Kollaps?

Die Autorin findet mühsam Gesprächspartner in der Finanzindustrie, ist bei Akteuren der Deutschen Bank, der Allianz, des Vermögensverwalters Pimco oder dem Finanzvorstand der BMW Group zu Gast. Wirklich in die Karten lassen sie sich nicht schauen, Transparenz schadet am Ende nur dem Geschäft. Folglich stiftet die erhebliche Komplexität eher bedrohliche Eindrücke.

Illustriert wird die Recherche von langweiligen, kalten Bildern: lauter Glasfassaden, leere Foyers, Computergrafiken, Zahlenkolonnen auf Bildschirmen, wirkliche und nachgestellte Konferenzen. Vielleicht eignet sich das Thema auch nicht so gut für das Medium, und vielleicht gäbe es auch nur eine kleine Chance, Zusammenhänge volkstümlich zu erklären. Aber war das überhaupt Carmen Losmanns Absicht?

Lichthaus Weimar, Metropol Gera und Schillerhof Jena