Lesung in Weimar zum 80. Jahrestag der Bücherverbrennung

Als am 10. Mai 1933 deutschlandweit Bücher jüdischer, demokratischer, pazifistischer und anderer Autoren verbrannt wurden, die nicht ins Bild der NS-Ideologie passten, passierte in Weimar nichts dergleichen.

Gedichte von Ringelnatz trug Angelika Steger im Rahmen der Lesung zum Jahrestag der Bücherverbrennung vor. Foto: Peter Michaelis

Gedichte von Ringelnatz trug Angelika Steger im Rahmen der Lesung zum Jahrestag der Bücherverbrennung vor. Foto: Peter Michaelis

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Weimar. Die Stadt der Klassik ließ sich mit den so genannten "Säuberungen" ihrer Bibliotheken und Buchläden Zeit, um sie hernach um so gründlicher zu vollstrecken. Am 21. Juni nahmen Mitglieder des Deutschen Handlungsgehilfenverbandes eine Sonnenwendfeier in Niedergrunstedt zum Anlass, sich der Werke jener Autoren demons­trativ zu entledigen.

Ehe sie am Freitag, 10. Mai 2013 mit ihrem Vortrag aus Voltaires "Candide" die 10. öffentliche Lesung aus verbrannten Büchern eröffnete, erinnerte Stadtkulturdirektorin Julia Miehe an die Weimarer Bücherverbrennung.

"Mehr als 1100 Kaufleute waren damals in der Weimarer Ortsgruppe des Verbandes organisiert", hatte Miehe recherchiert, "auch Buchhändler". Neunmal, bis 1942, fand in Weimar mit der "Woche des deutschen Buches" die größte Literaturveranstaltung des NS-Staates statt.

Weimar sollte zur Buchstadt im Sinne der Nazis stilisiert werden, so Julia Miehe.

Bürgerlesungen haben Tradition in Weimar

29 Bürgerinnen und Bürger aus der Stadt der Bücher saßen am 80. Jahrestag der Bücherverbrennung auf dem Theaterplatz. Im Rahmen der Weimarer Lesarten trugen sie aus den verbrannten und wieder aufgelegten Büchern vor und liehen den verfolgten Autoren ihre Stimme: Joachim Ringelnatz, Jaroslav Hasek, Anna Seghers, Erich Mühsam... Die Bürgerlesungen haben Tradition in Weimar.

Nur knapp gelang es der Stadtkulturdirektion, allen, die sich einbringen wollten, ihre fünf Minuten im straffen Zeitplan zuzuweisen, ehe mit der Flaniernacht die nächste Veranstaltung beginnen sollte.

Der Vortrag stand, wie gehabt, im Vordergrund. Viele Vorleser beließen es aber nicht dabei, sondern stellten ihren Autor noch kurz vor, versuchten die Neugier auf sein Werk zu wecken. Oswald Grube, zum Beispiel, machte auf Hans Keilson neugierig, "einen fast in Vergessenheit geratenen Arzt und Schriftsteller". Keilsons autobiografischer Roman "Das Leben geht weiter" war sogar noch vor seiner Drucklegung verboten worden.

Mit der Openair-Veranstaltung gingen am Freitag, 10. Mai, die Lesarten 2013 zu Ende. Zu den Lesungen, Filmen und beim Kinderprogramm konnten rund 2300 Gäste begrüßt werden.

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