Lucas Cranach der Jüngere: 500. Geburtstag mit Torte und Fragezeichen

WEimar/Wittenberg  Lucas Cranach der Jüngere wurde am 4. Oktober 1515 geboren. Diverse Ausstellungen versuchten sich an einer Annäherung.

Enthüllung in Weimar: Das Porträt seines Vaters hat Lucas Cranach der Jüngere – oder seine Werkstatt – im Jahr 1550 gemalt. In der Foto: Peter Michaelis

Enthüllung in Weimar: Das Porträt seines Vaters hat Lucas Cranach der Jüngere – oder seine Werkstatt – im Jahr 1550 gemalt. In der Foto: Peter Michaelis

Foto: zgt

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Wie hätte sich Lucas Cranach der Jüngere gefreut: eine Sonderbriefmarke zu seinem 500. Geburtstag – Glückwunsch, lieber Lucas! Dem Maler hätte das sicher gefallen: So einfach lässt sich heute ein Bild verbreiten – in Farbe gedruckt, aufgeklebt und schon geht es um die ganze Welt. Das tollste Geschenk aber, das Lucas Cranach der Jüngere zu seinem 500. bekommt, ist ganz eindeutig eins: seine eigene Entdeckung.

Noch vor gut einem Jahr wusste die Welt so gut wie nichts über den Renaissancemaler – abgesehen von einigen biografischen Daten. Sein Aussehen? Sein Werk? Seine Handschrift? Seine Bedeutung? Bekannt war der am 4. Oktober 1515 geborene Lucas Cranach der Jüngere lediglich als Sohn des berühmten Lucas Cranach dem Älteren, der seine florierende Bildwerkstatt an den Sohn vermachte. Das alleine reicht wohl kaum für eine opulente Geburtstagsfeier. Und heute, nach diversen Ausstellungen mit Hunderttausenden Besuchern in 13 deutschen Städten – wissen wir jetzt mehr über das Phantom? Die Experten sind durchaus geteilter Meinung.

„Wir wissen noch immer nichts von ihm. Ein großes Nein! Mit noch größeren Ausrufezeichen“, sagt der Heidelberger Wissenschaftler Michael Hofbauer, der die Forschungsdatenbank cranach.net leitet, und der als eine Art „Enfant terrible“ in der kunstgeschichtlichen Szenerie nicht in die Ausstellungsvorbereitungen involviert war. Die „Entdeckung eines Meisters“, die sich die Schau in Wittenberg auf die Fahnen geschrieben hatte – sie sei im Grunde eine Farce, ein effektvolles Marketing ohne wissenschaftliche Erkenntnis: Die ausgestellten Werke, die aus der Hand von Lucas Cranach dem Jüngeren stammen sollen, könne man nämlich gar nicht von denen seines Vaters unterscheiden; ihre Handschriften vermischten sich mit der Arbeit einer gut funktionierenden, schnell produzierenden Werkstatt. „Es gibt heute kein einziges Werk, das zu hundert Prozent aus der Hand des jüngeren Lucas Cranach stammt“, sagt Hofbauer.

Die Ausstellung, die unter dem Beirat des Wissenschaftlers Gunnar Heydenreich, dem fachlichen Antipoden von Hofbauer, entstanden ist, mache weitere eklatante Fehler: Unter anderem bei der Suche nach einem Bildnis des Renaissancemalers. Wittenberg stellt ein Werk zur Debatte, auf dem ein rotgelockter Mundschenk zu sehen ist. Es ist dasselbe Bild wie auf der Briefmarke und zeigt ein Altarbild aus der heimischen Stadtkirche. Es gilt in der Forschung als gesichert, dass dieses Bildnis nicht den Jüngeren zeigt.

Die Geburtstagsfeier muss also ohne ein Porträt des Geburtstagskindes stattfinden. Die Thüringer Ausstellungen hatten die Fallhöhe von vornherein niedriger angesetzt: Anstatt den jüngeren Lucas Cranach als „Meister“ zu „entdecken“, konzentrierten sich das Herzogliche Museum in Gotha, das Schiller-Haus in Weimar und die Wartburg in Eisenach unter dem Motto „Bild und Botschaft“ auf die Cranach-Kunst als Propaganda-Mittel der lutherischen Reformation. Spektakulär war vor allem die Inszenierung in Gotha: Durch eine Art Kirchenschiff trat der Besucher in die dunkel und mysteriös gestaltete Welt ein. Die thüringischen Ausstellungsmacher waren ambitioniert bei der Sache – und wünschten sich so sehr echte Cranachs herbei, dass sie es mit einer Authentifizierung der Werke nicht immer so ernst nahmen. So gelangten auch Gemälde an eine Wartburger Wand, die höchstwahrscheinlich nicht aus der Hand des Malers stammten (die TLZ berichtete). Das störte nicht weiter: 170 000 Besucher sahen die beiden großen Ausstellung in Gotha und Eisenach.

Wie auch immer, die Korken knallen. Am Sonntag, 4. Oktober, steigt die große Party im Geburtsort Wittenberg: mit Frühschoppen, Theaterspektakel und Torte. Was nach der Party haften bleibt, ist mit Sicherheit eins: eine schöne, farbige Cranach-Briefmarke.

l Fest im Lutherhof, Wittenberg am 4. Okt., ab 12.30 Uhr

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.