Museum Kurios: Der knochenlose Schrumpfkopf von Gotha ist ein Fake-Kopf

Gotha  Das schauerliche Objekt auf Gothas Friedenstein fertigten clevere Betrüger im brasilianischen Regenwald.

Nordseite von Schloss Friedenstein in Gotha. Das Barocke Universum umfasst viele prachtvolle Räume und berühmte Sammlungen.

Nordseite von Schloss Friedenstein in Gotha. Das Barocke Universum umfasst viele prachtvolle Räume und berühmte Sammlungen.

Foto: Peter Riecke

Ziemlich gruselig anzuschauen, stammt der rund 150 Jahre alte Schrumpfkopf in der Ethnologischen Sammlung auf Gothas Schloss Friedenstein aus dem brasilianischen Amazonasgebiet. Dort pflegten einige indigene Völker bis ins 19. Jahrhundert den ekligen Brauch, ihren Feinden nicht nur das Haupt abzutrennen, sondern selbiges auch in einem komplizierten Verfahren so zu präparieren, dass sie glauben konnten, sich den Geist des Toten dienstbar zu machen. Um ein solches rituelles Objekt handelt es sich in Gotha aber nicht. Sondern, wie man erst seit 2003 sicher weiß, um eine Fälschung aus Tierleder.

Zum Glück, sagt Ute Däberitz. Denn so darf das krude Exponat in der kleinen, feinen Gothaer Ethnographica-Sammlung verbleiben. Darin bewahrt die Kuratorin zum Beispiel eine Reihe religiöser Holzskulpturen aus der Südsee auf, eine altmexikanische Vogelkopfmaske und zwei Inuit-Boote aus Seehundfell. „Viele dieser Erwerbungen stammen aus der Zeit Herzog Augusts, der von 1804 bis 1822 regierte“, erzählt sie. Damals war der Gothaer Hof ein Zentrum der jungen Wissenschaften. Man schickte Forschungsreisende hinaus in die fremde, ferne Welt und sammelte auf erdenklichsten Wegen, was diese an Seltsamkeiten parat hielt. So füllten die herzoglichen Bestände sich nach alter, barocker Kunst-und-Wunderkammer-Manier mehr und mehr mit exotischen Objekten an.

Einen echten Schrumpfkopf würde man heutzutage aus ethischen Gründen an die Nachfahren im Heimatgebiet des Toten restituieren, damit ihn diese bestatten. Der knochenlose Fake-Kopf besteht im wesentlichen aus Tierhaut; nur das Haarbüschel an der Stirn stammt vom Menschen. „In der Regel fertigte man solche Fälschungen aus Faultieren oder Affen“, sagt Däberitz. Für das Gothaer Exemplar sind die Ursprünge noch nicht vollends geklärt. Nur den Falschheits-Beweis attestierte ein Schrumpfkopf-Experte der Universität Marburg dank Vermittlung einer Studentin, die auf Schloss Friedenstein ein Praktikum absolvierte, zweifelsfrei.

Geschenkt bekamen die Gothaer Sammlungen das Objekt anno 1906 von einem Spross der Stadt namens Otto Ausfeld (1850–1924). Der Sohn eines Reichstagsabgeordneten wanderte nach Brasilien aus, wohl um im Kautschuk-Gebiet sein Glück zu machen. Manaus im Nordosten des Landes galt damals als die reichste Stadt der Welt. Doch heim kehrte Ausfeld reumütig und mit leeren Taschen – aber mit Schrumpfkopf und um allerlei Erfahrungen aus Expeditionen in den Regenwald. Damals hatten dessen Bewohner gelernt, dass sich bei leichtgläubigen Touristen und Forschern aus den westlichen Ländern mit den barbarischen Souvenirs schnelle Münze machen ließ.

Gebrauch haben die Gothaer Museumsleute von dem Schauder-Effekt des lange für echt gehaltenen Schrumpfkopfs nur selten gemacht. In den 1960er-Jahren war er in einer Sonder-Ausstellung zu sehen, 2015 zeigte man ihn schon in der Rubrik „Kuriosa“.

„Seitdem ich hier arbeite, kenne ich es nur so, dass er im Depot abgedeckt ist“, sagt Ute Däberitz. Nun, am kommenden Wochenende, holt sie ihn noch einmal hervor. Für unsere kleine Museumsaktion wird er zwei Tage lang im Herzoglichen Museum gezeigt – für Jugendliche bis 16 Jahre sowie für Inhaber unseres Coupons bei freiem Eintritt.

Zu den Kommentaren